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Teil 2

Instrumentenbau in USA

Schilke Music Products, Inc. Chicago

Instrumentenbau in USA

Schilke Music Products, Inc. Chicago

Amerikanische Karrieren

Die Firma Schilke befindet sich im Herzen von Chicago, keine 500 Meter vom Ufer des Michigan-Sees entfernt. Die Fabrikation und die Verwaltung belegen das 7. und 8. Stockwerk im Gebäude Nr. 529 der S. Wabash Avenue. Der Verkauf wendet sich hauptsächlich an Berufsmusiker. Die Produktion umfasst Trompeten, Piccolo-Trompeten und Kornette; ferner Mundstücke in Serien- und Kundenspezialanfertigungen. Gerade zur Zeit meines Besuches wurde der Prototyp eines neu entwickelten Flügelhorns besprochen, welches relativ bald in Produktion gehen soll. Etwa 45 Vertrauensfirmen im Inland und 20 im Ausland vertreiben die Produkte der Firma weltweit.

Die Werkstatt ist traditionell eingerichtet. Normalerweise wird in Serien von 25 Stück gearbeitet, wobei für ein Instrument etwa 50 Arbeitsstunden aufgewendet werden. Früher, als Schilke noch Waldhörner, Posaunen und Tuben baute, wurden die Rohre aus verlöteten Blechen hergestellt. Heute werden die konischen Rohrstücke aus nahtlos-zylindrischen Rohren gefertigt. Zum Biegen wird Pech verwendet. Auf die Methode der Lötzinnentfernung wird viel Wert gelegt. Nach dem Zusammenbau kommen die Instrumente nicht wie üblich in ein chemisches Zinnlösungsbad, sondern das Lötzinn wird mit einem Schaber sorgfältig von Hand abgekratzt. Die Ventile werden aus Monell hergestellt. Für die nahtlosen Schallstücke geht Schilke einen interessanten Weg. Bis anhin wurden hierfür mit Erfolg die sogenannten Beryllium-Bronze-Becher verwendet: eine in der Werkstatt vorbereitete Negativform wurde jeweils bei einer Spezialfirma so lange in einem elektrolytischen Bad belassen, bis die gewünschte Dicke des Metallauftrags erreicht war und man den rohen Becher von der Form abziehen konnte. Heute werden schon viele Instrumente, z.B. die neue «S» Serie, mit einem inzwischen neu entwickelten Schallbecher ausgerüstet: auch dieser ist nahtlos, wird aber aus einem Stück Messing speziell hergestellt. Renold Schilke, Sohn des Gründers und heutiger Präsident der Firma, verfolgt persönlich die Herstellung und Endverarbeitung dieses Modells. Er ist der Allroundman in Büro und Betrieb. Als ich vorbeikam, arbeitete er gerade an Mundrohren für Piccolo-Trompeten, und später sah ich ihn Ventile polieren, nachdem sich in der Abteilung zwei Mitarbeiter krank gemeldet hatten.

Endmontage der versilberten Instrumente

Endmontage der versilberten Instrumente

Renold Schilke, jr.

Renold Schilke, jr.

Aus der Legierung der verwendeten Bleche wird kein Geheimnis gemacht: «Das Material ist relativ unwichtig, was man damit macht ist entscheidend!» Auf meine Frage, warum ihre Instrumente so geschätzt seien, gab mir Mrs. Schilke zur Antwort:

«Wir versuchen, ein gutes Design mit ausgefeilter Arbeitstechnik und Hinwendung zum Detail zu kombinieren. Eines ohne das andere wäre wertlos. Wir haben viele Arbeitsgänge, die aus Kostengründen in einer grossen Fabrik nicht berücksichtigt werden können. Deshalb bleiben wir bei unserer heutigen Grösse.» Und zum Finish: «Mein Vater erlaubte nicht, dass man ein Instrument lackiere. Er hasste Lack und sagte, er töte ein Instrument.»

Das gilt in der Firma Schilke heute noch, werden doch die meisten fertiggestellten Instrumente bei Anderson in Elkhart, Indiana, versilbert, falls nicht geradezu Vergoldung bestellt wird.

Polieren mit Musik

Polieren mit Musik

Scott Laskey neben seinem Mundstückkopierdrehbank

Scott Laskey neben seinem Mundstückkopierdrehbank

Durchgänge bohren bei Pistonventil

Durchgänge bohren bei Pistonventil

Der Gründer der Firma, Renold Schilke (1910-1982) begann schon mit 8 Jahren Kornett zu spielen und hatte in der Folge eine sehr intensive Bläser-Ausbildung. Von 1929-1961 war er Musiker im Chicago Symphony Orchestra, abwechslungsweise als Zuzüger, assistierender Erster und als erster Trompeter. Er bekam schon mit 11 Jahren, als er 1921 bei Holton eintrat und dort 2 Jahre arbeitete, einen ersten Einblick in den Instrumentenbau. Später, von 1934-1952, assistierte er Elden Benge und eröffnete dann 1956 eine eigene Werkstatt. Von 1966 bis zu seinem Tod war er auch als Berater und Designer für Yamaha tätig, immer unter Beibehaltung seiner Selbständigkeit. Ich hatte die Ehre, ihn kurz vor seinem Tod, anlässlich der Frankfurter Musikmesse kennenzulernen. Seine Tochter beschrieb ihn mir so:

«Er war eine sehr intensive, starke Persönlichkeit, vor allem ein Praktiker. Leute, die sich für etwas aus voller Kraft einsetzten, selbst wenn sie dabei scheiterten, unterstützte er, wo er konnte. Er hatte Respekt für jede gut geleistete Arbeit. Kein Verständnis hatte er dagegen für Leute, die nur von grossen Ideen und Plänen erzählten.»

Noch heute hängen seine Hüte im Betrieb, an denen er genauso Freude hatte, wie an Stofftieren.

Beim Zusammenbau

Beim Zusammenbau

Scott Laskey, dem heute alles, was mit Kundenmundstücken zu tun hat anvertraut ist, schilderte mir, wie er auf folgende, für Renold Schilke charakteristische Weise zur Firma kam:

1972, mitten im Studium, kaufte ich eine Trompete, traf dabei mit dem Chef der Firma zusammen und hatte das Glück, dass er sich — er war auch ein ausgezeichneter Musiklehrer — bereit erklärte, mir Trompetenstunden zu geben. Allerdings konnten diese nur jeweils am Samstag Morgen zwischen 5.30 und 6 Uhr vor Arbeitsbeginn, stattfinden, was für mich nicht so selbstverständlich war, wie für meinen Lehrer. Geld nahm er keines dafür. Schon bald prophezeite er mir, ich werde mein Studium in Bälde aufgeben und für ihn arbeiten, was zu jenem Zeitpunkt gar nicht in meinen Plänen lag. — Einige Zeit später, es war ein Samstag, wurde ich telefonisch in die Firma gerufen. Zu meiner Überraschung hatten, wie ich dies erwartet hatte, die Trompetenstunden nichts damit zu tun, vielmehr, als ich aus dem Lift trat, stand Herr Schilke vor mir, warf mir die Schlüssel der Firma zu und erklärte mich zu seinem neuernannten Angestellten. Ich willigte ein und habe es nicht bereut. Später wechselte ich über zu den Kundenmundstücken. Mr. Schilke liess mich frei arbeiten und rechnete auch mit gelegentlichen Fehlern. Sein Interesse galt, wie immer, in erster Linie dem Ergebnis, nicht der Methode.

Lötzinn abkratzen

Lötzinn abkratzen

Wie man auch Karriere in der Firma Schilke machen kann, zeigt der Weg von Kerry Griffith. Als die Stelle eines Packers frei wurde, bewarb er sich darum und erhielt sie, trotzdem man bald sah, dass er manuell sehr ungeschickt war. Nun, in der Packerei war nicht viel Unheil anzurichten. Da er aber für vieles Interesse zeigte, wurde er bald, seinen Fähigkeiten besser entsprechend, mit verantwortungsvolleren Aufgaben betreut und heute, sieben Jahre später, ist er Nachfolger von Scott Laskey als Verkaufsmanager. Natürlich sind das Ausnahmen, wobei Kerry Griffiths abgeschlossenes Posaunenstudium nicht vergessen werden darf.

In der Regel kommen die Arbeiter ungelernt zur Firma. Sie werden dort eingesetzt, wo gerade ein Arbeitsplatz frei ist, und wenn es nicht klappt, versucht man, etwas geeigneteres für sie zu finden; ist der Arbeitsplatz aber einmal gefunden, wird später kaum noch gewechselt.

Als um fünf Uhr die Arbeiter nach Hause gingen, hatten viele von ihnen Instrumentenkoffer bei sich. Das Beispiel des Firmengründers, Musikinstrumente nicht nur zu bauen, sondern sie auch zu spielen, ist lebendig geblieben!

Schilke Music Products, Inc.
529 S. Wabash Avenue, Chicago, Illinois 60605


Interview mit: Joan Schilke, Executive Vice President
Kerry Griffith, Sales Manager
Scott Laskey, Custom Made Mouthpieces


Mitarbeiter: 30
Jahresproduktion: 1200-1500 Instrumente
Reparaturen: Trompeten aller Marken

Brass Bulletin 51, III / 1985 Seiten 48–58

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