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Corno da caccia mit neuer Technik

Corno da caccia mit neuer Technik

Ludwig Güttler, Inhaber des Lehrstuhls für Trompetenspiel an der Dresdner Musikhochschule demonstriert das Corno da caccia.

Die Verwendung neu gebauter Cembali für die Wiedergabe von Musik aus der Zeit vor 1760 ist weitgehend wieder selbstverständlich geworden. Auch die viola da gamba und die Oboe d’amore werden zumindest in Musikzentren wieder eingesetzt. Doch schon anstelle der Oboe da caccia muss mangels brauchbarer Instrumente heutzutage noch immer das zwar ihr verwandte, aber im 19. Jahrhundert klanglich zu dunkleren Tönungen weiterentwickelte Englisch Horn dienen. Noch problematischer sieht es mit dem Corno da caccia (französ. Trompe oder cor de chasse, deutsch Jagdhorn) aus, das nicht nur in der Besetzung von Instrumental- und Vokalwerken vor allem des 18. Jahrhunderts gefordert wird, sondern für das auch Solokonzerte mit Instrumentalbegleitung geschrieben wurden.

Eines der gravierendsten Beispiele in der gegenwärtigen Aufführungspraxis bietet sich in Johann Sebastian Bachs «Messe h-Moll». Die Bassarie «Quoniam tu solus sanctus» im «Gloria» fordert ein Corno da caccia in D, das im Umfang von zwei Oktaven von d’ bis d’’’ klingend (für das D-Horn von c’ bis c’’’ notiert) eingesetzt ist. Für den sich pausenlos anschliessenden Chor «Cum Sancto Spiritu» hätte der Bläser sofort vom D-Horn zur D-Trompete zu wechseln, zu der noch zwei weitere D-Trompeten kommen. Die erste Trompete wird hier sogar bis e’’’ geführt, während die dritte mehrfach das d’ zu blasen hat.

Heutzutage wird die Hornpartie des «Quoniam» ohne Bedenken mit einem Waldhorn eine Oktave tiefer als notiert gespielt, weil sie mit diesem im 19. Jahrhundert weiterentwickelten Instrument in der vorgeschriebenen Höhe nicht ausführbar ist. Ob das dem Charakter und der Struktur des Stückes entspricht und Bach diese Höhe symbolhaft für die Worte «tu solus altissimus, Jesu Christe» («du allein bis der Höchste, Jesus Christus») gefordert hat, wird nicht weiter bedacht, ebenso wenig der gedankliche Zusammenhang und klangliche Kontrast zum weiterführenden Chor «Cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris, Amen». («Mit dem Heiligen Geiste in der Herrlichkeit Gottes des Vaters, Amen.») Offensichtlich wollte Bach Jesus Christus als den Höchsten mit dem weicheren Horn symbolhaft charakterisieren, während er für die «Herrlichkeit Gottes» die strahlenderen Trompeten einsetzte. Selbst in der auf Originalinstrumenten des 18. Jahrhunderts eingespielten Schallplattengesamtaufnahme mit dem Concentus musicus Wien unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt wird der Hornpart des «Quoniam» eine Oktave tiefer als notiert geblasen.

Eine andere heutige Gepflogenheit besteht darin, hohe Hornpartien von Trompetern ausführen zu lassen. Das geschieht u.a. mit dem in der CSSR wiederentdeckten und 1967 herausgegebenen Konzert für Cor de chasse Es-Dur des tschechischen Komponisten Jan Krtitel Jiri (Johann Baptist Georg) Neruda (1706-1780, von 1742 bis 1772 als Geiger und bald Konzertmeister in der Dresdner Hofkapelle). Es ist auf einem Waldhorn schwerlich spielbar und bietet für Trompeter dankbare Aufgaben. Doch der Trompetenklang ist eben ein anderer, nicht so weicher wie der des Horns im 18. Jahrhundert, auch wenn der Ausführende eine schlanke und weiche Tongebung erreicht. Umgekehrt besitzt der Klang des heutigen Waldhorns eine zu dunkle, baritonale Färbung, die dem Charakter der Musik bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entspricht.

Die Unzufriedenheit mit diesem Tatbestand veranlasste aufgeschlossene Instrumentenbauer und Instrumentalisten, nach neuen Lösungswegen zu suchen. Zu jenen Instrumentenbauern, die hier Pionierarbeit leisten, gehört auch Friedbert Syhre in der Bach-Stadt Leipzig (DDR). Er entwickelte 1978 zunächst ein neues F-Horn, das vom Klangcharakter des Corno da caccia des 18. Jahrhunderts ausgeht, aber die technischen Möglichkeiten der Ventile nutzt. Nach den damit gesammelten Erfahrungen baute er ein Doppelhorn in den Stimmungen hoch B und hoch F, das 1980 auf der Leipziger Herbstmesse ausgestellt und mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Der Gewandhaussolohornist Waldemar Schieber wie der Solohornist der Dresdner Staatskapelle Peter Damm erprobten es. Auch Thomaskantor Prof. Hans Joachim Rotzsch setzte sich für die Verwendung des neuen, dem Charakter der Bachschen Musik entsprechenden Instrumentes ein. Inzwischen wurde es auch für die Aufnahme der Sonate Nr. 1 von Giovanni Buonaventura Viviani für die Schallplatte «Musik für Horn und Orgel aus der Kathedrale zu Dresden» des VEB Deutsche Schallplatten Berlin von Peter Damm verwendet.

Ludwig Güttler während der 2. Werkstattmusik Friedbert Syhres.

Ludwig Güttler während der 2. Werkstattmusik Friedbert Syhres.

Doch auch mit diesem Instrument sind die Partien für Diskant-Horn in D nicht ausführbar. Hier kam der Anstoss zur Entwicklung eines weiteren Instruments vom Solotrompeter Ludwig Güttler, Inhaber des Lehrstuhls für Trompetenspiel an der Dresdner Musikhochschule, vor allem mit der Dresdner Philharmonie und dem Neuen Bachischen Collegium musicum in Leipzig verbunden. Er beschäftigte sich intensiv mit der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts für Trompete und Horn sowie mit aufführungspraktischen und instrumentenkundlichen Arbeiten. Die Tatsache, dass die Blechbläser des 18. Jahrhunderts in der Regel das ventillose Corno da caccia in der vorgeschriebenen Höhe ebenso beherrschten wie die ventillose Trompete, spielte bei seinen Überlegungen eine wesentliche Rolle. Die überlieferten Werke belegen, dass besonders auch im mitteldeutschen Raum, in Städten wie Dresden, Leipzig, Halle, Weissenfels die Kunst des Trompetenspiels wie des Hornspiels gleichermassen entwickelt war. Ausser Bach schrieben auch Zachow, Keiser, der oben genannte Neruda und andere Komponisten Stimmen für Trompete und Horn in der hohen Lage.

Für die Leipziger Praxis besagen zudem die Partituren von Bach wie auch dessen «Kurtzer, jedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music», dass die Stimmen für Trompete und Horn von den gleichen Spielern ausgeführt wurden; denn beide Instrumente sind nie gleichzeitig eingesetzt, und die Namen der beiden für sie verfügbaren fest angestellten Stadtpfeifer sind im Entwurf genannt, nämlich der weithin berühmte Gottfried Reiche und Johann Cornelius Genthmer. Zudem sprechen die Fakten dafür, dass diese Bläser für die Trompete wie für das Horn das gleiche Mundstück, und zwar ein Kesselmundstück verwendeten.

Ludwig Güttler liess sich für klangliche und spieltechnische Experimente zunächst beim Instrumentenbauer Thein ein ventilloses Naturhorn bauen. Auf ihm vermag er die hohen Hornpartien von Bach und anderen Meistern der Zeit klangschön und auch erstaunlich sicher zu blasen. Davon ausgehend, bat er den Leipziger Instrumentenbaumeister Friedbert Syhre, ein neues Diskanthorn in D zu bauen, das dem Klangcharakter des corno da caccia entspricht, aber die viel grössere technische Sicherheit des Ventilhorns mit rechtsgriffigen Ventilen entsprechend der heutigen Trompetentechnik nutzt. Zur Ausführung anderer Stimmen stellte Friedbert Syhre für Ludwig Güttler auch ein Diskant-Horn in B mit vier rechtsgriffigen Ventilen her.

Die Ergebnisse seiner Untersuchungen und Experimente erläuterte und demonstrierte Ludwig Güttler in der 2. Werkstattmusik Friedbert Syhres während der Leipziger Messe vor Instrumentalisten, Dirigenten, Instrumentenbauern und Musikwissenschaftlern. Zum einen wurden die weitgehenden klanglichen Unterschiede zwischen dem einstigen corno da caccia und dem heutigen Waldhorn deutlich, zum anderen die ebenso weitgehenden klanglichen Ähnlichkeiten des nachgebauten ventillosen Horns mit dem neuen, von Friedbert Syhre entwickelten Diskanthorn in D.

Schon vorher wurden diese Diskanthörner in D und B für Schallplattenaufnahmen des VEB Deutsche Schallplatten Berlin in Koproduktion mit Ariola Eurodisc eingesetzt. In der Neuaufnahme von Bachs «Messe h-Moll» mit dem Rundfunkchor und dem Neuen Bachischen Collegium musicum Leipzig unter Leitung von Peter Schreier bläst Ludwig Güttler die Hornpartie der Bassarie «Quoniam tu solus sanctus (Gesangssolist Theo Adam) auf dem Diskanthorn in D erstmals wieder in der von Bach vorgeschriebenen Höhe und anschliessend auch die erste Trompetenstimme zum Chor «Cum Sancto Spiritu». Die oben angeführten Charakteristica werden in dieser Aufnahme zwingend deutlich. In den Einspielungen der Pfingstkantate Nr. 68 «Also hat Gott die Welt geliebt» und der Reformationskantate Nr. 79 «Gott, der Herr, ist Sonn’ und Schild» mit dem Thomanerchor und dem Neuen Bachischen Collegium musicum Leipzig unter Leitung des Thomaskantors Hans-Joachim Rotzsch werden die ersten Hornstimmen von Ludwig Güttler auf dem neugebauten B-Horn geblasen. Der Klang dieser Instrumente entspricht dem Charakter und der Struktur dieser Werke, besonders auch in der Kantate Nr. 68 in der Zuordnung des Horns zum Chorsopran, zu den 1. Violinen und zur 1. Oboe.

Durch die Instrumente Friedbert Syhres und das kunstvolle Spiel Ludwig Güttlers wird bewiesen, dass es möglich und zudem sinnvoll ist, den Klang alter Instrumente und die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten bau- und spieltechnischen Errungenschaften miteinander zu verbinden. Es ist auch kein Problem, rechtsgriffige Hörner für Trompeter und linksgriffige für Hornisten zu bauen. Die Frage, ob heute nach der längst vollzogenen «Arbeitsteilung» zwischen Trompetern und Hornisten die hohen Hornpartien von Trompetern oder Hornisten gespielt werden sollen, wird gewiss in der Praxis und natürlich vor allem durch das persönliche Wollen und Können der Instrumentalisten entschieden werden. Wenn sowohl erste Trompeter wie erste Hornisten das Diskanthorn beherrschen, kann das für die Musikpraxis nur gut sein.

Mit dem Bau der ersten rechtsgriffigen Diskanthörner in D und B sowie linksgriffiger Doppelhörner in B und F leistete die Werkstatt Syhre eine kaum zu überschätzende Pionierarbeit zur stilechten und dadurch viel lebendigeren Pflege der Musik bis 1760 und speziell Bachs. Es bleibt leicht abzuschauen, welche künstlerische und natürlich auch ökonomische Bedeutung diese Arbeit besitzt, welche Aufträge zu erwarten sind. Der hier eingeschlagene Weg, neue Instrumente nach dem klanglichen Vorbild historischer mit inzwischen entwickelten bau- und spieltechnischen Verbesserungen herzustellen, scheint mir der sinnvollste. Ensembles mit historischen Instrumenten wie der Concentus musicus Wien und die Capella Fidicinia am Musikinstrumentenmuseum der Karl-Marx-Universität Leipzig werden Ausnahmen bleiben müssen, weil zum einen nur wenige spielbare historische Instrumente verfügbar sind und zum anderen beim umfangreichen Repertoire an Instrumentalmusik und den daraus erwachsenden mannigfachen Aufgaben für Musiker eine Spezialisierung nur in Ausnahmefällen möglich sein wird.

Dennoch fordert die tiefgründige Aneignung unseres kulturellen Erbes, Musik früherer Jahrhunderte aus ihrem Geist, ihrer stilistischen und klanglichen Spezifik zu erfassen. Das Eingehen auf die Aufführungspraxis und die klanglichen Eigenheiten einer jeden Epoche und die Umsetzung für die Zuhörer von heute lässt diese Musik viel lebendiger werden als die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weithin übliche Angleichung an die neuere Musizierpraxis. Die Instrumentenbauer haben hier ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Dem Beispiel Friedbert Syhres folgend, wird daran zu arbeiten sein, auch neue, der einstigen Oboe da caccia und dem Cornetto (Zinken) entsprechende Instrumente zu entwickeln. Hier sind die Holzblas-Instrumentenbauer gefordert, und die Holzbläser wie Instrumentenkundler sollten eng mit ihnen zusammenarbeiten.

Brass Bulletin 46, II / 1984 Seiten 42–48

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