Ludwig Güttler während der 2. Werkstattmusik Friedbert Syhres.
Doch auch mit diesem Instrument sind die Partien für Diskant-Horn in D nicht ausführbar. Hier kam der Anstoss zur Entwicklung eines weiteren Instruments vom Solotrompeter Ludwig Güttler, Inhaber des Lehrstuhls für Trompetenspiel an der Dresdner Musikhochschule, vor allem mit der Dresdner Philharmonie und dem Neuen Bachischen Collegium musicum in Leipzig verbunden. Er beschäftigte sich intensiv mit der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts für Trompete und Horn sowie mit aufführungspraktischen und instrumentenkundlichen Arbeiten. Die Tatsache, dass die Blechbläser des 18. Jahrhunderts in der Regel das ventillose Corno da caccia in der vorgeschriebenen Höhe ebenso beherrschten wie die ventillose Trompete, spielte bei seinen Überlegungen eine wesentliche Rolle. Die überlieferten Werke belegen, dass besonders auch im mitteldeutschen Raum, in Städten wie Dresden, Leipzig, Halle, Weissenfels die Kunst des Trompetenspiels wie des Hornspiels gleichermassen entwickelt war. Ausser Bach schrieben auch Zachow, Keiser, der oben genannte Neruda und andere Komponisten Stimmen für Trompete und Horn in der hohen Lage.
Für die Leipziger Praxis besagen zudem die Partituren von Bach wie auch dessen «Kurtzer, jedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music», dass die Stimmen für Trompete und Horn von den gleichen Spielern ausgeführt wurden; denn beide Instrumente sind nie gleichzeitig eingesetzt, und die Namen der beiden für sie verfügbaren fest angestellten Stadtpfeifer sind im Entwurf genannt, nämlich der weithin berühmte Gottfried Reiche und Johann Cornelius Genthmer. Zudem sprechen die Fakten dafür, dass diese Bläser für die Trompete wie für das Horn das gleiche Mundstück, und zwar ein Kesselmundstück verwendeten.
Ludwig Güttler liess sich für klangliche und spieltechnische Experimente zunächst beim Instrumentenbauer Thein ein ventilloses Naturhorn bauen. Auf ihm vermag er die hohen Hornpartien von Bach und anderen Meistern der Zeit klangschön und auch erstaunlich sicher zu blasen. Davon ausgehend, bat er den Leipziger Instrumentenbaumeister Friedbert Syhre, ein neues Diskanthorn in D zu bauen, das dem Klangcharakter des corno da caccia entspricht, aber die viel grössere technische Sicherheit des Ventilhorns mit rechtsgriffigen Ventilen entsprechend der heutigen Trompetentechnik nutzt. Zur Ausführung anderer Stimmen stellte Friedbert Syhre für Ludwig Güttler auch ein Diskant-Horn in B mit vier rechtsgriffigen Ventilen her.
Die Ergebnisse seiner Untersuchungen und Experimente erläuterte und demonstrierte Ludwig Güttler in der 2. Werkstattmusik Friedbert Syhres während der Leipziger Messe vor Instrumentalisten, Dirigenten, Instrumentenbauern und Musikwissenschaftlern. Zum einen wurden die weitgehenden klanglichen Unterschiede zwischen dem einstigen corno da caccia und dem heutigen Waldhorn deutlich, zum anderen die ebenso weitgehenden klanglichen Ähnlichkeiten des nachgebauten ventillosen Horns mit dem neuen, von Friedbert Syhre entwickelten Diskanthorn in D.
Schon vorher wurden diese Diskanthörner in D und B für Schallplattenaufnahmen des VEB Deutsche Schallplatten Berlin in Koproduktion mit Ariola Eurodisc eingesetzt. In der Neuaufnahme von Bachs «Messe h-Moll» mit dem Rundfunkchor und dem Neuen Bachischen Collegium musicum Leipzig unter Leitung von Peter Schreier bläst Ludwig Güttler die Hornpartie der Bassarie «Quoniam tu solus sanctus (Gesangssolist Theo Adam) auf dem Diskanthorn in D erstmals wieder in der von Bach vorgeschriebenen Höhe und anschliessend auch die erste Trompetenstimme zum Chor «Cum Sancto Spiritu». Die oben angeführten Charakteristica werden in dieser Aufnahme zwingend deutlich. In den Einspielungen der Pfingstkantate Nr. 68 «Also hat Gott die Welt geliebt» und der Reformationskantate Nr. 79 «Gott, der Herr, ist Sonn’ und Schild» mit dem Thomanerchor und dem Neuen Bachischen Collegium musicum Leipzig unter Leitung des Thomaskantors Hans-Joachim Rotzsch werden die ersten Hornstimmen von Ludwig Güttler auf dem neugebauten B-Horn geblasen. Der Klang dieser Instrumente entspricht dem Charakter und der Struktur dieser Werke, besonders auch in der Kantate Nr. 68 in der Zuordnung des Horns zum Chorsopran, zu den 1. Violinen und zur 1. Oboe.
Durch die Instrumente Friedbert Syhres und das kunstvolle Spiel Ludwig Güttlers wird bewiesen, dass es möglich und zudem sinnvoll ist, den Klang alter Instrumente und die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten bau- und spieltechnischen Errungenschaften miteinander zu verbinden. Es ist auch kein Problem, rechtsgriffige Hörner für Trompeter und linksgriffige für Hornisten zu bauen. Die Frage, ob heute nach der längst vollzogenen «Arbeitsteilung» zwischen Trompetern und Hornisten die hohen Hornpartien von Trompetern oder Hornisten gespielt werden sollen, wird gewiss in der Praxis und natürlich vor allem durch das persönliche Wollen und Können der Instrumentalisten entschieden werden. Wenn sowohl erste Trompeter wie erste Hornisten das Diskanthorn beherrschen, kann das für die Musikpraxis nur gut sein.
Mit dem Bau der ersten rechtsgriffigen Diskanthörner in D und B sowie linksgriffiger Doppelhörner in B und F leistete die Werkstatt Syhre eine kaum zu überschätzende Pionierarbeit zur stilechten und dadurch viel lebendigeren Pflege der Musik bis 1760 und speziell Bachs. Es bleibt leicht abzuschauen, welche künstlerische und natürlich auch ökonomische Bedeutung diese Arbeit besitzt, welche Aufträge zu erwarten sind. Der hier eingeschlagene Weg, neue Instrumente nach dem klanglichen Vorbild historischer mit inzwischen entwickelten bau- und spieltechnischen Verbesserungen herzustellen, scheint mir der sinnvollste. Ensembles mit historischen Instrumenten wie der Concentus musicus Wien und die Capella Fidicinia am Musikinstrumentenmuseum der Karl-Marx-Universität Leipzig werden Ausnahmen bleiben müssen, weil zum einen nur wenige spielbare historische Instrumente verfügbar sind und zum anderen beim umfangreichen Repertoire an Instrumentalmusik und den daraus erwachsenden mannigfachen Aufgaben für Musiker eine Spezialisierung nur in Ausnahmefällen möglich sein wird.
Dennoch fordert die tiefgründige Aneignung unseres kulturellen Erbes, Musik früherer Jahrhunderte aus ihrem Geist, ihrer stilistischen und klanglichen Spezifik zu erfassen. Das Eingehen auf die Aufführungspraxis und die klanglichen Eigenheiten einer jeden Epoche und die Umsetzung für die Zuhörer von heute lässt diese Musik viel lebendiger werden als die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weithin übliche Angleichung an die neuere Musizierpraxis. Die Instrumentenbauer haben hier ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Dem Beispiel Friedbert Syhres folgend, wird daran zu arbeiten sein, auch neue, der einstigen Oboe da caccia und dem Cornetto (Zinken) entsprechende Instrumente zu entwickeln. Hier sind die Holzblas-Instrumentenbauer gefordert, und die Holzbläser wie Instrumentenkundler sollten eng mit ihnen zusammenarbeiten.