Brass Bulletin 26, II / 1979 (Seite 17–31) · 8 Min. Lesezeit
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Sonderbericht Frankfurt 1979

Musik-Messe

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Sonderbericht Frankfurt 1979

Ein Besuch der grössten Musikmesse der Welt (Instrumente, Zubehör, Literatur), die vom 4. bis 8. März stattgefunden hat.

Dieses Jahr hat sich der Bereich «Musik» über die traditionelle Halle 5 hinaus in die benachbarte Halle 5a ausgedehnt, ein deutliches Zeichen für die expansive Tendenz dieser ohnehin schon gigantischen Schau.

Die Hallen 5 und 5a wimmelten denn auch von Händlern, Instrumentenbauern, Musikern und Neugierigen. Die Aussteller haben viel Sorgfalt auf die Präsentation ihrer Stände verwendet. Ein vollständiger Rundgang ist eine sportliche Höchstleistung, und man trifft sich am Ausgang dementsprechend mit Gesichtern, wie sie Marathonläufer auf dem Zielband zu machen pflegen.

Jean-Claude Vieillefond, der «Blech-Photograph»*), und ich sind den Ständen nachgegangen, haben hier und dort eine Frage gestellt, Notizen und ein paar charakteristische Bilder gemacht, um Euch eine knappe, aber etwas lebendige Darstellung des Ereignisses zu geben.

Wer die Halle 5 betritt, wähnt sich in einem Bienenstock — wenn man nur wüsste, ob hier Geld oder Musik der Honig ist...

Wir beschliessen, die Gassen systematisch zu durchlaufen, natürlich unter Meidung aller Nicht-Blech-Stände...

Die erste Begegnung erfolgt am Stand von «Amati», der tschechischen Instrumente. Peter Welz, Mitarbeiter des deutschen Importeurs Leopold Müller, antwortet auf unsere rituelle Frage «Wie lässt sich die Messe heuer an?»:

— Mit dem Geschäftsgang sind wir zufrieden. Indessen stösst der Verkauf unserer Instrumente seit zwei Jahren ganz allgemein auf Absatzschwierigkeiten. Wir wissen noch nicht genau, woran das liegt, aber im Fall des innerdeutschen Marktes kommt es wohl daher, dass die deutschen Hersteller, die früher viel nach Übersee verkauften, dies jetzt wegen des ungünstigen Kursgefälles nicht mehr können und deshalb versuchen, ihre überschüssige Produktion im eigenen Land abzusetzen

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Bei Glassl, dem Spezialisten für Fiberglas-Sousaphone:

— Neuheiten?

— Ja, ein System von Adaptern, die es ermöglichen, das Mundrohr eines jeden Blechblasinstrumentes an einen Wasserhahn anzuschliessen und so das Innere mit einem konzentrierten Strahl lauwarmen Wassers zu reinigen. Sodann haben wir einen Fiberglas-Bariton herausgebracht.

Zwei Schritte weiter der kleine Stand des deutschen Mundstückkönigs, Meister Bruno Tilz. Da funkelt es nur so von allem, was es braucht, um den Wundermundstücksuchern den Kopf zu verdrehen...

— Man nennt Sie den Mundstückzauberer...

— Oh! Bisschen viel gesagt. Man anerkennt ja nur meine handwerklichen Fähigkeiten. Geschäftlich geht es sehr gut dieses Jahr, vom U.S.A.-Markt abgesehen, der infolge der Dollarschwäche flau bleibt.

Siehe da, ein italienischer Instrumentenbauer: Orsi Milano, ein altes Haus, seit 15 Jahren getreulich beim Frankfurter Rendezvous.

— Wie läuft das Geschäft?

— Doch, mit vielen Problemen, aber eben... 

vertraut uns eine charmante Dame an. Man kann sich's vorstellen. Um zu überleben, muss man mit den Musikern Schritt halten, mit ihnen und für sie arbeiten. Italien ist noch nicht aus dem euphorischen Schlummer erwacht, in den es Verdis und Puccinis gloriose Zeiten gewiegt haben.

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Jetzt kommt Schenkelaars, ein holländischer Hersteller, vor allem in Harmoniemusikkreisen bekannt, der aber seit einigen Jahren ehrlich bemüht ist, taugliche professionelle Modelle herauszubringen.

Ein Vertreter:

— Bis jetzt hat unsere Ausstellung befriedigende Resultate erbracht. Die Konkurrenz wird offensichtlich immer stärker, aber wir können uns behaupten, dank unserer grossen Anstrengungen, unsere Modelle zu verbessern, so die «Prestige»-Reihe. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem holländischen Trompeter Sevenstern entwickelt worden. Für die Jazz-Modelle arbeiten wir mit Oskar Klein.

Hier legen Jean-Claude und ich eine kleine Pause ein. «Wenn all die vielen Leute sich herbemühen», sinniere ich bei Bier und (Frankfurter) Würstchen, «dann müssen wir Musiker doch einen recht interessanten Markt darstellen...»

Weiter gehts. Die Geräuschkulisse schlägt aufs Gemüt. Schlagzeug, Klaviere, Elektronik, Trompeter mit Stratosphärenambitionen (es gibt «Messevirtuosen», um Publikum bemüht...) — all das vermengt sich alptraumhaft.

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Böhm & Meinl, deutsche Tradition, in Frankfurt seit 27 Jahren dabei:

— Wie läuft das Geschäft?

— Zufriedenstellend.

— Neuheiten?

— Nein, aber Verbesserungen.

Das ist ein wenig das Leitmotiv der Messe 1979.

Wir dringen jetzt in weniger lärmige Gefilde vor, in die der Verleger nämlich (auch sie brauchen die Musiker, damit man erfährt, was sie tun!). Tausende von Notenheften, Bücher voll Musik und Ideen, die nur darauf warten, von den Musikern zum Leben erweckt zu werden.

Kurzer Halt vor dem Stand von Leduc, wo François Leduc uns empfängt:

— Schon das zehnte Jahr sind wir in Frankfurt dabei, und die Dinge stehen sehr gut für uns. Viele Leute, schauen Sie um sich! Unsere Neuheiten sind es, die anziehen: gut hundert Neuerscheinungen dieses Jahr, darunter einige epochemachende: Olivier Messiaen, drei Orchesterpartituren, 1000 Seiten Musik, vernünftiger Preis, vier Jahre Stich in Zinn!

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Wären die Leute nicht so beschäftigt, gliche die Messe einem Fest (könnte auch eines sein!). International, aber ohne Zollbeamte. Ohne Pass betreten wir den Stand von Boosey & Hawkes. Tadellos professioneller Empfang. Die Marke beherrscht die Welt der Brass Bands, die Geschäfte florieren (1–2 Jahre Lieferfrist für bestimmte Modelle). Altenglisch in Aussehen und Allüre, mit Kavalleriehauptmannsschnurrbart, rezitiert uns eine höhere Charge das Credo des Hauses:

— Wir tun alles, um die Qualität unserer Instrumente auf höchstem Niveau zu halten. Uns ist bewusst, dass die Konkurrenz sehr stark ist, vor allem die amerikanische (auf Grund des Währungsproblems, das ihr ermöglicht, dank tiefster Preise in Europa vorzudringen). Aber wir akzeptieren es, teurer zu sein, denn wir wissen, dass wir die bessere Qualität halten. Und wir werden kämpfen, dass das so bleibt!

Hier stellen wir die berühmten Tuben 780 Es und 790 B vor, die wir durch neue «symphonische», deutlich weiter gebaute Schallstücke verbessert haben. Die Idee dazu stammt von John Fletcher, dem berühmten englischen Tubisten, den unsere Firma regelmässig zu Rate zieht. 1979 ist unser bestes Geschäftsjahr, und unsere einzige Sorge sind die Lieferfristen.

Ein Wort noch über die Kornette: die unseren sind die besten der Welt, aber die Konkurrenz tüftelt seit Jahren daran herum, dieses berühmte «englische Modell» nachzuahmen. Besonders die Amerikaner haben versucht, unseren Markt an sich zu reissen. Deshalb haben wir die meisten unserer Kornette überarbeitet und neu entwickelt und werden nächstes Jahr eine ganz neue Reihe vorstellen.

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Der Stand von Elaton (BRD) ist vom Inhaber, Herrn Langhammer, betreut.

— Die Frankfurter Messe darf man nicht verpassen, und wir sind seit 27 Jahren hier vertreten. Dennoch ist die Zukunft düster. In den fünfziger Jahren haben wir jede Menge Instrumente verkauft. Das ist heute vorbei. Die billige Ware kommt aus dem Osten. Um zu überleben, muss man hohe Qualität anstreben.

Was meint Herr Meinl dazu, der Spezialist für schweres Blech?

— Die Lage hat sich ständig verschlechtert, aber seit zwei Jahren stellt man eine Stabilisierung fest. Was uns betrifft, so haben wir keine neuen Modelle entwickelt, unsere Instrumente aber in der Mechanik verbessert.

De Prins aus Antwerpen ist Belgiens einziger Vertreter in Frankfurt.

— Wir haben unsere Piccolotrompete und die Basstrompete verbessert. Die Geschäfte scheinen etwas besser zu gehen.

Hinter diesen eher neutralen Aussagen ahnt man das ganze Ausmass des Dramas, welches kleine und mittelgrosse Unternehmen erleben, die, durch eine starre Tradition blockiert, den heutigen Anforderungen und Moden kaum gewachsen sind.

Bei Couesnon zeigt man die neueste Instrumentenserie, 1978 entwickelt. Eine grosse Marke versucht mutig, das Vertrauen der Musiker wiederzugewinnen. Die Anstrengung ist offensichtlich, und das lebhafte Treiben um den Stand zeugt von Interesse seitens der Händler.

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Unweit davon ein sehr nüchterner Stand: Selmer. Patrick Selmer (die neue Generation der berühmten französischen Instrumentenbauer) versichert uns, dass man bei Selmer die amerikanische Herausforderung annimmt und alle Schöpferkräfte mobilisiert.

— Wir wollen die Vorurteile bekämpfen und beweisen, dass Europa auf dem Weltmarkt präsent ist.

Das alte Europa hat tatsächlich Leute nötig, die sich entschlossen auf die Konkurrenz einlassen (sehr zum Wohle der Musiker!). Selmers grosser Schlager bleibt die 4ventilige Piccolotrompete, jetzt auch in Goldmessing lieferbar. Interesse erregt auch das neue Mundstück nach Maurice André mit seinem verbreiterten Rand für die Oberlippe.

Beim (vergeblichen) Versuch, einen Verantwortlichen des (eindrücklich gestalteten und präsentierten) Standes von Yamaha zu sprechen, treffe ich zufällig auf Renold Schilke, den berühmten Instrumentenbauer aus Chicago (siehe Schluss dieses Artikels), einen der Verantwortlichen für Yamahas spektakulären Sprung nach vorne im Blechinstrumentenbau.

Und noch ein französischer Hersteller, der sich dank konstantem Engagement auf seinem Gebiet an der Spitze halten kann: Jaques Gaudet von Antoine Courtois, Paris.

— Wir haben eine ganz neue C-Trompetenreihe mit zwei verschiedenen Linien: die eine mit traditionellem Ventilsystem (Modelle C 125 ML od. L), die andere mit direkter Luftsäule (C 216 ML od. L), mit verschiedenen Extras auf Wunsch. Unser Flügelhorn mit 3 oder 4 Ventilen ist ein Welterfolg, von den Musikern einhellig gelobt.

Wirklich, Courtois ist eine sympathische Erscheinung im Instrumentenbau: ein Unternehmen das sucht, verwirft, wiederaufnimmt — kurz: kämpft, um mit unserer Zeit Schritt zu halten.

Weiter zu King (von dem sich in Europa in letzter Zeit vor allem die Posaunen durchgesetzt haben.) Herr Fak verrät uns, dass King eine ganz neue Trompetenreihe produziert hat (Serien 600 «Schüler», 1500 «Student» und 2000 «Professionell») und dass die Messe 1979 für die Firma ein geschäftlicher Grosserfolg ist.

Heben wir noch hervor, dass der reichhaltige und stark besuchte Stand von Demusa (der Staatsfirma der DDR) von den unglaublichen Bemühungen um Perfektion zeugt, die in den letzten Jahren unternommen worden sind. Ein Unternehmen, das auf die Zukunft setzt.

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Wir pfeifen aus dem letzten Loch und beschliessen, unseren Besuch hier abzubrechen (die Halle 5a übersteigt unsere Kräfte, wir sparen sie für nächstes Jahr). Gleich beim Ausgang sehen wir noch, von Geschäftsleuten wimmelnd, den Stand von Conn. Jean-Claude schiesst ein letztes Bild und wir hauen ab Richtung Ausgang, um dem Feierabendgedränge zuvorzukommen.

In Frankfurt — es muss gesagt sein — sind die Musiker nur geduldet. Auch wenn schlussendlich sie es sind, die der Geschäftsmann anvisiert, bleibt das hier ein Treffen unter Händlern, wo man Mengen und Preise diskutiert. Daran ist nichts auszusetzen — der Musiker muss den Dialog in der Werkstatt suchen.

Trotzdem möchte man sich wünschen, dass die Aussteller qualifiziertes Personal einstellen und mit dem Empfang der Musiker betrauen, damit diese nicht nur das Gefühl haben, zu stören, sondern sich in Ruhe über alle Neuheiten informieren könnten, die ihnen bei der Ausübung ihrer Kunst von Nutzen sind.

Zusammenfassend kann man die Frankfurter Messe 1979 als interessant bezeichnen, auch wenn der Instrumentenbau nichts Revolutionäres gebracht hat. Blas- wie Streichinstrumente haben, im Prinzip, ihren endgültigen Entwicklungsstand erreicht; was man für die Zukunft noch erwarten kann, sind Verbesserungen im Bereich der Akustik (Stimmung, Klangfarbenreichtum), der Mechanik und der Metalllegierungen.

Das Verlagswesen, auf die Inspiration seiner Autoren angewiesen, wartet mit einem Katalog von präzedenzlosem Reichtum auf, in dem Altes klar überwiegt, während zeitgenössische Musik Spekulationssache bleibt, bei der Vorsicht am Platze ist... Bemerkenswert ist der Boom der «pädagogischen» Literatur, der indessen kaum viele neue und interessante Impulse zu bringen scheint.

Macht der musikalische Schöpfergeist Siesta...?

Wir sind gespannt, was uns die Frankfurter Messe 1980 mit ihrer neuen Formel entdecken lassen wird. Wir werden dabei sein.

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