Yamaha, ein Ehrgeiziger Riese
Als der Bordlautsprecher die Landung des Flugzeugs ankündigte, vergass ich jede Müdigkeit, so gespannt war ich schon seit mehreren Wochen auf diese Reise nach Japan. Ich sperrte die Augen weit auf und versuchte, jedoch umsonst, aus unserer Höhe von 10000 Metern einen ersten Eindruck von dem Land zu erhaschen, das, gleich ausgezackten Splittern eines Gefässes, aus dem Meer emportaucht.
Bald darauf kommt es zur herzlichen und zuvorkommenden Begrüssung mit meinen Gastgebern auf dem internationalen Flughafen Narita. Dies ist der Auftakt zu einem zehntägigen, von dem gigantischen Unternehmen bis ins letzte minutiös vorbereiteten Besuch. Der Zweck der Reise war ein doppelter: ich wollte einen ausgewogenen Eindruck von Japan gewinnen und mir ein Bild machen von der Realität, genannt «Yamaha», und ihrer Rolle im internationalen «Konzert» der Musikindustrie.
Noch immer behauptet sich im Westen eine eher schlechte Meinung von der Qualität der Yamaha-Musikinstrumente. «Das ist irgendso ein japanisches Produkt», heisst es, und damit meint man eine mittelmässige Qualität der industriellen Produktion. In Berufskreisen zeichnet sich seit einigen Jahren jedoch ein Meinungswandel ab. Grosse Virtuosen und Solisten von Ruf äussern sich anerkennend über die Leistungen und das Bemühen von Yamaha um hohe Qualität. Dabei sieht sich der japanische Riese vor die keineswegs leichte Aufgabe gestellt, einen Zweifrontenkrieg zu führen, nämlich den legitimen Kampf um die Technologie der eigentlichen Instrumentenherstellung und den Kampf um Anerkennung.
Von einer Equipe begleitet, macht sich Yoshihiro Kaji um uns zu schaffen, kümmert sich um das Gepäck und die Fahrt in die Stadt... Während des ganzen Aufenthaltes werde ich in den Genuss dieser nie nachlassenden, unbedingten und befreienden Hilfsbereitschaft gelangen. Diese Equipe, die ihre Zeit mit mir «verliert», gehört zum kollektiven «Hirn», das die Abteilung Blasinstrumente bei Nippon Gakki leitet (so die Firmabezeichnung des Unternehmens). Nicht nur, dass diese Ingenieure mit Computern, Messing und Blechblasinstrumenten umzugehen wissen, sie sind auch von einer beeindruckenden Ehrerbietung und Höflichkeit. Am gleichen Tag, da ich ankomme, werde ich auf meinen Wunsch hin zu einem traditionellen Nachtmahl, dem Sukiyati, eingeladen. Dabei kommt mir das Aufeinanderprallen von zwei gänzlich verschiedenen Kulturen und ihren Ritualen voll zum Bewusstsein.
Im Gegensatz zum Westen, dessen Kultur auf seinen eigenen Grundlagen aufblüht oder zerfällt, bemüht sich Japan ungefähr seit einem Jahrhundert, die Technologie einer von seiner eigenen völlig verschiedenen Kultur sich eigen zu machen. Hierin bezeugt es eine geradezu phänomenale Fähigkeit der Absorption¹.
Mehrere Jahrzehnte lang sind die Japaner unverdrossen nach Europa und Amerika gepilgert, um diesen Einfluss vollständig auf sich einwirken zu lassen, stets bedacht auf die Wahrung ihrer gesellschaftlichen, religiösen und Geisteskultur, die anderswo auf der Welt dem Verständnis so schwer zugänglich ist. (Man nehme z.B. die fast unversehrte Familienstruktur von Betrieben wahr, wo Treue, weitgehende Unterordnung unter die Hierarchie usw. die Regel bilden.)
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