In der Mitte mein Vater, links meine Mutter und ich bin rechts
Mein Vater
Man möge nach dem, was ich hier anführte, versuchen, die Logik meines Vaters zu verstehen, der zwar keinen Musiker zum Sohn wollte, aber ihn nichtsdestotrotz mit 4 oder 5 Jahren schon in den Solfègeunterricht schickte. Um sein Gewissen zu beruhigen, erklärte er, dass ein wenig Musik noch niemandem geschadet habe, als Amateur natürlich, und dass nur Dummköpfe eine aufsteigende und eine absteigende Tonleiter nicht auseinanderhalten könnten. Ausserdem, nicht wahr, ein wenig musikalische Kultur würde später hilfreich sein, um die Symphoniekonzerte und die grossen Solisten besser zu schätzen.
So kam ich eines schönen Tages zu Mademoiselle Bouet de Montagnac. Jawohl, Frau Gräfin, so hiess diese sehr distinguierte Dame, mager wie ein Genfer Rebstecken und nicht höher als ein solcher, die gut und gerne 35 Kilo wog. Ausserdem war sie von ausserordentlicher Hässlichkeit, die nur durch die Anwesenheit eines Schnurrbarts und eines Spitzbartes einige Anziehungskraft gewann für den wilden und lausbübischen Jungen, der ich damals war.
Die alte Dame, Besitzerin eines Premier Prix des Pariser Konservatoriums, liebte ihre Schüler, welche dies erwiderten und erteilte einen Unterricht, der sich in der Folge als sehr nützlich erweisen sollte. Notendiktate in ein- und mehrstimmiger Ausführung, gesungene Solfeggien in verschiedenen Schlüsseln, Blattlektüre, Intonation, alle die für einen künftigen Musiker unentbehrlichen Dinge. Ausserdem bat sie die Eltern ihrer Schüler, letzteren erst ein Instrument in die Hand zu geben, wenn sie solide Solfège-Grundlagen hätten. Dafür veranschlagte sie 4-5 Jahre, während man heute sofort mit dem Instrument anfängt und eventuell später das Solfège etwas hinterherzieht.
Ich werde mich hier nicht aufs Glatteis begeben und eine der beiden Methoden als die bessere bezeichnen.
Mein Vater am Kontrabass
Meine Mutter
Zur nämlichen Zeit liess meine Mutter keine Gelegenheit vorbeigehen, mich zu den Konzerten des wunderbaren Quintetts (Klavier, 2 Geigen, Cello und Kontrabass) des Hôtel de la Paix in Lausanne mitzunehmen, wo Papa spielte. Wie kann man sich ein Lächeln verwehren angesichts der Tatsache, dass jener 6- oder 7-jährige Knirps nicht nur von der Musik Rimskys, Borodins oder Fritz Kreislers fasziniert war, sondern noch viel mehr von seinem Vater, der gross und blond, mit einem imposanten und gepflegten aufgebogenen Schnurrbart, unter einer Palme spielte. Gott, war das schön und beneidenswert, so unter einer Palme spielen zu können!
... und ich
Oft träumte ich nachts davon, und die zahlreichen Soli des bewundernswerten und liebenswürdigen Cellisten Henri Plomb, die ihm seine Bewunderer immer wieder abverlangten, klangen noch in meinen Ohren nach.
So war schon zu jener Zeit mein Entschluss felsenfest gefasst. Dies und nichts anderes wollte ich werden, wenn ich gross sein würde — dabei wusste ich noch nicht, dass ich in meinem langen Musikerleben nicht ein einziges Mal unter einer Palme spielen würde — weder in einem Blumentopf noch auf einer pazifischen Insel.
Schliesslich, um dieses Kapitel zu schliessen, getreu der alten Tradition der Söhne, die fast nie tun, was ihre Väter wollen — deshalb bin ich Musiker geworden. Dem geneigten Leser werde ich später erzählen, wie und unter welchen Umständen es dazu kam.
(Fortsetzung folgt)
Edouard Gros