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3 Min. Lesezeit

Wie und warum ich Musiker wurde

Teil 1

Von Edouard Gros

Wie und warum ich Musiker wurde

Edouard Gros

Edouard Gros blickt auf eine ausserordentliche Musikerlaufbahn in der Schweiz zurück — als Kontrabassist und Tubist. Auf letzterem Instrument war sein Ruf aussergewöhnlich. Er wurde überall engagiert, speziell für das Solo von Bydlo in den «Bilder einer Ausstellung» von Moussorgsky/Ravel. Er gehörte dem Orchester von Radio Lausanne, dem Orchestre de la Suisse Romande (unter Ansermet) und schliesslich dem Berner Symphonieorchester an, wo er 32 Jahre lang spielte. Ebenso war er festes Mitglied des Luzerner Festwochenorchesters. 1975 wurde er pensioniert und liess sich am Ufer des Genfersees nieder, wo er sich seinem Gemüse, seinem Freundeskreis und seinen wundervollen Erinnerungen widmet. Er wird uns, über mehrere Nummern verteilt, teilhaben lassen an einigen Kapiteln davon — in der blumigen und heiteren Sprache eines Musikers und Menschen, der ein gutes Leben gelebt hat. (jpm)

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Mein Vater

Mein Vater, Kontrabassist von Beruf und Ventilposaunist oder Tenorhornist in den guten Blasmusiken dieser Gegend in seiner Freizeit, Trompeter-Wachtmeister im Bataillon 122, erzählte allen, die es hören wollten, dass sein Sohn niemals, aber wirklich niemals Musiker würde. Eher würde er ihm den Hals umdrehen, oder, noch besser, ihn mit einem gehörigen Ballast um den Hals im See versenken.

Zu seiner Entschuldigung müssen wir uns vergegenwärtigen, dass in jener Zeit, d.h. am Anfang des Jahrhunderts, das Leben eines Orchestermusikers nicht auf Rosen gebettet war. Die grosse Mehrheit der Orchester bot nur Hungerleider-Engagements von sechs, manchmal neun Monaten und sehr selten ein ganzes Jahr. Das geringste Übel für jemanden, der von diesem Beruf leben wollte, bestand darin, in den Stummfilmkinos zu spielen. Diese engagierten Ensembles, die vom Trio in Westernkinos bis zu 15-20 Musikern umfassen konnten. Ebenfalls gab es die Brasserien, die Café-concerts und die Hotels, die mit ihren Orchestern das Publikum von weitherum anlockten. Grosse Meister wie Zino Francescatti oder Joseph Szigeti, sogar Pablo Casals, sagt man, waren sich nicht zu gut für Brasseriedienste, bevor sie den Gipfel ihres Ruhms erreichten.

Neben diesen grossen Künstlern gab es auch weniger gute, sogar ausgesprochen schlechte Kapellen. So schrieb zum Beispiel Debussy, von einer Caféterrasse irgendwo in der Bretagne an einen Freund folgendes: «Der Konzertmeister des Orchesters X, begleitet von seiner Bande von Übeltätern, ermordet eben meine Musik, während das Meer sich beleidigt zurückzieht.»

Neben der Unsicherheit darf man auch die Verachtung der guten Spiessbürger für die Musiker nicht vergessen, die mit Gauklern und anderen Zigeunern in einen Topf geworfen wurden. Sogar heute hört man im Waadtland (Kanton in der Schweiz) noch immer den Spruch «was für ein Künstler!» wenn von einem Tagedieb, der auch noch dem Trunke frönt, die Rede ist.

Deshalb träumte mein Kontrabass spielender Vater von ganz anderen Zukunftsplänen für seinen im übrigen sehr geliebten Sohn. «Du wirst Beamter!» versprach er, «Bahn oder Post, eine Staatsstelle, etwas Seriöses, Zuverlässiges. Nicht 6 oder 9 Monate, sondern lebenslänglich, hörst Du, lebenslänglich!» Ah, diese Besessenheit auf den Pensionsanspruch! Ich sah mich, als 6- oder 7-jähriger Knirps, noch nicht mit einer Bahnhofvorstandsmütze oder hinter einem Briefmarkenverkaufsschalter. Die Zukunft versprach eine sehr spannungsgeladene Atmosphäre.

In der Mitte mein Vater, links meine Mutter und ich bin rechts

In der Mitte mein Vater, links meine Mutter und ich bin rechts

Mein Vater

Mein Vater

Man möge nach dem, was ich hier anführte, versuchen, die Logik meines Vaters zu verstehen, der zwar keinen Musiker zum Sohn wollte, aber ihn nichtsdestotrotz mit 4 oder 5 Jahren schon in den Solfègeunterricht schickte. Um sein Gewissen zu beruhigen, erklärte er, dass ein wenig Musik noch niemandem geschadet habe, als Amateur natürlich, und dass nur Dummköpfe eine aufsteigende und eine absteigende Tonleiter nicht auseinanderhalten könnten. Ausserdem, nicht wahr, ein wenig musikalische Kultur würde später hilfreich sein, um die Symphoniekonzerte und die grossen Solisten besser zu schätzen.

So kam ich eines schönen Tages zu Mademoiselle Bouet de Montagnac. Jawohl, Frau Gräfin, so hiess diese sehr distinguierte Dame, mager wie ein Genfer Rebstecken und nicht höher als ein solcher, die gut und gerne 35 Kilo wog. Ausserdem war sie von ausserordentlicher Hässlichkeit, die nur durch die Anwesenheit eines Schnurrbarts und eines Spitzbartes einige Anziehungskraft gewann für den wilden und lausbübischen Jungen, der ich damals war.

Die alte Dame, Besitzerin eines Premier Prix des Pariser Konservatoriums, liebte ihre Schüler, welche dies erwiderten und erteilte einen Unterricht, der sich in der Folge als sehr nützlich erweisen sollte. Notendiktate in ein- und mehrstimmiger Ausführung, gesungene Solfeggien in verschiedenen Schlüsseln, Blattlektüre, Intonation, alle die für einen künftigen Musiker unentbehrlichen Dinge. Ausserdem bat sie die Eltern ihrer Schüler, letzteren erst ein Instrument in die Hand zu geben, wenn sie solide Solfège-Grundlagen hätten. Dafür veranschlagte sie 4-5 Jahre, während man heute sofort mit dem Instrument anfängt und eventuell später das Solfège etwas hinterherzieht.

Ich werde mich hier nicht aufs Glatteis begeben und eine der beiden Methoden als die bessere bezeichnen.

Mein Vater am Kontrabass

Mein Vater am Kontrabass

Meine Mutter

Zur nämlichen Zeit liess meine Mutter keine Gelegenheit vorbeigehen, mich zu den Konzerten des wunderbaren Quintetts (Klavier, 2 Geigen, Cello und Kontrabass) des Hôtel de la Paix in Lausanne mitzunehmen, wo Papa spielte. Wie kann man sich ein Lächeln verwehren angesichts der Tatsache, dass jener 6- oder 7-jährige Knirps nicht nur von der Musik Rimskys, Borodins oder Fritz Kreislers fasziniert war, sondern noch viel mehr von seinem Vater, der gross und blond, mit einem imposanten und gepflegten aufgebogenen Schnurrbart, unter einer Palme spielte. Gott, war das schön und beneidenswert, so unter einer Palme spielen zu können!

... und ich

Oft träumte ich nachts davon, und die zahlreichen Soli des bewundernswerten und liebenswürdigen Cellisten Henri Plomb, die ihm seine Bewunderer immer wieder abverlangten, klangen noch in meinen Ohren nach.

So war schon zu jener Zeit mein Entschluss felsenfest gefasst. Dies und nichts anderes wollte ich werden, wenn ich gross sein würde — dabei wusste ich noch nicht, dass ich in meinem langen Musikerleben nicht ein einziges Mal unter einer Palme spielen würde — weder in einem Blumentopf noch auf einer pazifischen Insel.

Schliesslich, um dieses Kapitel zu schliessen, getreu der alten Tradition der Söhne, die fast nie tun, was ihre Väter wollen — deshalb bin ich Musiker geworden. Dem geneigten Leser werde ich später erzählen, wie und unter welchen Umständen es dazu kam.

(Fortsetzung folgt)

Edouard Gros

Edouard Gros

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Notes

¹ Canton de Suisse romande

² Chemins de Fers fédéraux, compagnie nationale

³ Poste, Téléphone, Télégraphe, compagnie nationale

Brass Bulletin 50, II / 1985 Seiten 69–73

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