Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1980–2026
Henri Renart (1887-1979)
Interview
Von Robert Coutet
Nach einer reich erfüllten musikalischen Laufbahn genoss der Tubist Henri Renart mit seiner Gattin seit 1960 in Cannes friedlich seinen Ruhestand. Er wurde am 16. August 1887 im nordfranzösischen Roubaix geboren. Unser nachfolgendes Gespräch, am 17. September 1979 aufgezeichnet, ist der Bericht über ein Leben im Dienst der Musik.
Leider verstarb Henri Renart unvermittelt im Dezember 1979 — wo ich ihn doch noch so viel zu fragen hatte...
Robert Coutet: Wie sind Sie auf die Musik gekommen, Herr Renart?
Henri Renart: Denkbar einfach, durch eine Blaskapelle in Roubaix, denn damals gab es viele Harmoniemusiken, allein in Roubaix deren drei, wovon jede 80 bis 100 Mann zählte. Vor 1900 gab es in Nordfrankreich, wo sich wegen der Spinnereiindustrie und des Bergbaus eine grosse Arbeiterschaft konzentrierte, noch wenig Vergnügungsmöglichkeiten.
Deshalb machte man, um sich zu unterhalten, eben Musik, und im Sommer traten wir in den umliegenden Städten auf: das gab uns eine ausgezeichnete Freizeitbeschäftigung ab.
Ich blies ein dreiventiliges B-Baritonhorn (Euphonium), als ich zehn war. Mein um neun Jahre älterer Bruder spielte ein Bass-Saxhorn in B mit 5 Ventilen. Er nahm an der Musikakademie in Roubaix Unterricht, wo bereits 1898 eine Tubaklasse bestand, und erlangte dort einen ersten Preis.
Dann sattelte ich meinerseits auf dieses Instrument um, das mich durch seinen Umfang von praktisch vier Oktaven faszinierte. Ich studierte nach der (Kornett-)Schule von Clodomir und schloss 1905 mit einem ersten Preis für Bass-Saxhorn ab, dank einem Lehrer, der seine Stelle schon 1900 oder 1901 aufgrund eines Probespiels erhalten hatte. Wir waren 12 Schüler.
Wie hiess er schon wieder, Moment mal... ach ja, natürlich, Victor Topp, vormals Tubist bei der Garde Républicaine in Paris.
Zwischen 1902 und 1905 fuhr ich dann oft nach Paris, und damals beschloss ich auch, nun ganz ernsthaft Musik zu machen. Mein Tagewerk in einer Spinnerei liess mir genügend Zeit, mich auf der kleinen französischen Tuba, dem Streichkontrabass und der Posaune zu üben.
Mit 18 Jahren erhielt ich eine Stelle als Dirigent eines Laienchors angeboten, die ich natürlich annahm.
1908 wurde ich dem Musikkorps des 104. Regiments in Paris als Solotubist zugeteilt — genau das, was ich mir gewünscht hatte. Der lockere Dienstbetrieb erlaubte mir die Mitwirkung in ländlichen Blaskapellen, aber auch in der Musique Duffayel, der Musique du Bon Marché, der Musique du Petit Parisien und der Musique du Métro.
Ich konnte bei Berufsmusikern Unterricht nehmen, vor allem aber ihnen zuhören, denn Tubakurse gab es am Pariser Konservatorium damals noch nicht.
Wir gaben vielbeachtete Konzerte mit Transkriptionen symphonischer Werke. Sodann schrieb ich mir zahlreiche Hefte mit schwierigen Orchesterstellen ab.
Weiterlesen
Zugang zum vollständigen digitalisierten Brass Bulletin Archiv • CHF 5.– / Monat · jederzeit kündbar