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Friedemann Immer

Ein Trompeter anderer Art

Friedemann Immer

Ein friedlicher Riese mit eisernem Ansatz steigt langsam aber sicher an die Spitze der Trompeterhierarchie unserer Zeit auf.

Friedemann Immer wurde in Duisburg geboren — zu jener Zeit, als sich Deutschland mühsam aus seinen Ruinen erhob. Sein Vater, der Pfarrer war, predigte in zerstörten Kirchen und ersetzte die fehlende Orgel, indem er selbst im Gottesdienst Flügelhorn blies - getreu der grossen Tradition der Posaunenchöre von Kuhlo (siehe BB 38, S. 33).

Der junge Friedemann, den das Instrument fasziniert, erlernt es auch und spielt regelmässig mit dem Posaunenchor im Gottesdienst mit. Als Kleinkind hatte er schon Blockflöte geblasen, nun lernte er neben dem Flügelhorn auch noch Cello.

Seine musikalische Leidenschaft nahm zu. Das familiäre Umfeld war in Bezug auf die Musik eher auf die Vergangenheit fixiert, so dass moderne Musik und Jazz in der Familie Immer nicht Eingang finden. Es erstaunt daher nicht, dass ihn die Barockmusik unwiderstehlich anzieht.

Die grosse deutsche Musiktradition der Kantaten, Oratorien usw. verschafft ihm viele Gelegenheiten, aufzutreten.

So erhält er erstmals richtige Trompetenstunden, als Privatschüler des Solotrompeters des Duisburger Orchesters, Freiherr Heinrich von Senden. Dieser erkennt rasch Friedemanns aussergewöhnliche Begabung für das hohe Register. Er nimmt ihn mit, um Kantaten und andere hohe Partien zu blasen. Nach drei Monaten schickt er ihn sogar, die Solopartie in Händels Messias zu spielen...

Dieser Privatunterricht dauert drei Jahre. Immer spielt auf einer alten Monke-C-Trompete mit Drehventilen. Von Senden, der in Hannover engagiert wird, verlässt Duisburg und lässt die Stelle Friedemann, der ganz natürlich die traditionelle Bindung der Trompeter mit der Chorkultur wiederaufnimmt, wie es sie in Deutschland seit der Barockzeit gibt.

Sein Repertoire wächst um immer schwierigere Werke (die Konzerte Telemanns u.a.), die er immer noch auf der D-Trompete bläst. 1968 kauft er seine erste Piccolotrompete, eine vierventilige Selmer hoch B-A, die er noch heute bläst.

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Erste Karriere - moderne Trompeten

1970 — er ist erst 22 — spielt er mit Erfolg das zweite Brandenburgische Konzert von Bach. Er hält auch perfekt die erste Trompete der h-moll-Messe durch. Von nun an verbreitet sich sein guter Ruf unaufhaltsam.

In dieser Zeit aber studiert er nicht ausschliesslich Musik. Zuerst ist er an der medizinischen Fakultät immatrikuliert, dann studiert er Mathematik und Physik. Erst 1977, kurz vor Abschlussexamen, verlässt er die Wissenschaft ganz, um sich ausschliesslich der Musik zu widmen. Seine solistische Karriere ist bereits auf gutem Wege, als er sich an der Kölner Musikhochschule in der Klasse von Walter Holy immatrikuliert¹. Was er in der Tat vor allem sucht, ist der obligatorische theoretische Ballast, der für ein Lehrdiplom gefordert wird.

Als vollbeschäftigter Berufsmusiker und gleichzeitig Student ist er in einer geradezu komischen Situation, denn das Institut, an dem er studiert, bietet ihm bald einen Lehrstuhl für alte Musik an. Ein Beweis dafür, dass es glücklicherweise auch heute noch möglich ist, eine wichtige Stelle auf Grund von Kenntnis und Talent zu bekleiden, anstatt sich auf Diplome und Empfehlungen stützen zu müssen...

Friedemann Immer ist ein Selfmademan, der seine Karriere ganz allein aufgebaut hat, ohne allzusehr bei den anderen Pionieren der barocken Trompetenmusik Anleihen aufzunehmen. Sein Weg ist originell und interessant.

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Zweite Karriere - Naturtrompeten

Der Oboist Helmut Hucke löst Friedemanns Begeisterung für die Naturtrompete und den Zink aus (er lernt ab 1972 dieses Instrument, zuerst auf einem Moeck, später auf einem Christopher Monk). 1976 kauft er seine erste Barocktrompete in D/C bei Meinl & Lauber. Ein Jahr später spielt er öffentlich das 2. Brandenburgische Konzert auf einer Meinl & Lauber-F-Trompete. Zuerst, im Mai, in der Schweiz, das zweite Mal in den USA, wo er auch eine Schallplattenaufnahme macht (Smithsonian Institute, Washington D.C.). Dies ist der Beginn einer zweiten Karriere, die sich parallel und in denselben Bahnen wie die erste, 1970 begonnene, bewegen wird: h-moll-Messe, Kantaten, Oratorien usw.

Seine Tätigkeit teilt er heute so auf: 30% auf modernen Trompeten, 60% auf Barocktrompeten und 10% auf dem Zink.

1980 nimmt er mit Nikolaus Harnoncourt und dem Wiener Concentus Musicus auf. 1982 nimmt er mit diesem Ensemble ein ausserordentliches und prächtiges 2. Brandenburgisches auf (Teldec). Es folgen in steter Reihe Konzerte mit den renommiertesten Ensembles für alte Musik: Collegium aureum, La petite Bande (Belgien), Leonhard Consort (Holland), Academy of ancient Music (England), Taverner Players (England), Aston Magna (USA), Linde-Consort (Schweiz) usw.

Er hat bis jetzt über 40mal das 2. Brandenburgische auf der Barocktrompete aufgeführt und über 160mal auf der Piccolotrompete. Er hat auch mehrere Platten unter eigener Leitung publiziert.

Friedemann Immer steht auf der höchsten Stufe der zeitgenössischen Trompeterwelt.

In einem folgenden Artikel wird Friedemann Immer auf die grundlegenden Techniken, die für ein vernünftiges Spiel auf der Naturtrompete nötig sind, genauer eingehen.

Anmerkungen

¹ Walter Holy ist einer der Pioniere der Wiedergeburt der Barocktrompete, zusammen mit dem Instrumentenbauer Helmut Finke. Allerdings gibt F.I. an, mit ihm nur Unterricht auf der modernen Trompete genossen zu haben.

Brass Bulletin 50, II / 1985 Seiten 76–79

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