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Jazz und das Horn
Wir man beginnt
Von Jeffrey Agrell
Nun, sie spielen gerne Horn und so weiter, aber irgendwie hat sich in den letzten paar Jahren die tägliche Kost des immer gleichen Repertoires etwas abgenutzt. Stets der gleiche alte Kopprasch, der gleiche alte Maxime-Alphonse; Mozart und Strauss, Strauss und Mozart. Natürlich, es gibt auch neueres Material; man könnte am Verne Reynolds oder am Musgrave Konzert arbeiten. Aber in einer Hinsicht ist doch alles dasselbe: man versucht, die geschriebenen Noten der Musik, die ein anderer komponiert hat, so vollkommen wir nur möglich wiederzugeben. Diese Art von Studium ist Teil der Ausbildung jedes Musikers. Aber das Studium des Jazz bietet eine zusätzliche Dimension musikalischen Studiums, musikalischer Ausführung und Genusses an: die Improvisation; da sind Sie der Komponist der Solostimme. Gut zu improvisieren, setzt Jahre der Übung voraus, aber der Reiz und die Herausforderung, ein improvisiertes Solo zu spielen, verwandeln die Anstrengungen von Anfang bis Ende in ein Vergnügen. Man stelle sich vor, man ziehe sich nach einem Konzert mit der Eroica, Mozarts 40. Sinfonie und Ravels Klavierkonzert in G in das Hinterzimmer zurück, um Take the «A» Train, How High the Moon und Blues in B zu spielen. Das alles steht Ihnen offen...
Die Improvisation selbst ist älter als die notierte Musik, und viele der grossen Meister, von Landini über Mozart zu Bruckner waren berühmt für ihre Improvisationen. In der barocken Epoche gehörte es wesentlich dazu, daß man sowohl Begleitungen nach einem bezifferten Bass wie auch Verzierungen improvisieren konnte. Bach wurde sogar kritisiert, weil er Figuren ausschrieb, die die Ausführenden stets improvisiert hatten.
Als die Orchester grösser wurden und die Partituren immer komplizierter, verloren die Musiker die Fähigkeit zu improvisieren und konzentrierten sich darauf, diejenigen Noten zu spielen, die aufgeschrieben waren. Aber als die Kunst der Improvisation unter den klassischen Musikern ausstarb, blühte sie erneut auf als wesentlicher Bestandteil einer neuen Art von Musik: im Jazz.
Wenn ein klassisch ausgebildeter Musiker Jazz spielen lernen will, so muß er dabei vorgehen wie bei einer Fremdsprache. Um zum Beispiel Griechisch sprechen zu lernen, muß man lange Zeit den Einheimischen zuhören, sie nachahmen und ständig üben, bis man eines Tages fähig ist, sich selber spontan auszudrücken. Um einen Akzent zu vermeiden, darf man ja keine Eigenart der alten Sprache in die neue hineintragen, die dieser gar nicht eigen ist. Und während des Studiums soll man den eigenen Unvollkommenheiten gegenüber tolerant sein (schwierig für einen Erwachsenen).
So ist auch, wenn man Jazz spielen lernt; als erstes muß man zuhören. Wie bei der klassischen Musik gibt es auch im Jazz viele verschiedene Stile. Sie können mit einem Stil beginnen, den Sie schon kennen, oder dann beginnen Sie einfach am Anfang und hören sich alles an vom Ragtime bis zur Avant-Garde. (Es ist günstig, wenn Sie parallel dazu ein gutes Buch über die Geschichte des Jazz durcharbeiten.) Der wichtigste Aspekt des Jazz, den Sie sich während des Hörens aneignen müssen, ist die Behandlung des Rhythmus (das harmonische System stammt aus der europäischen Tradition); er unterscheidet den Jazz mehr als alles andere von der übrigen Musik. Im allgemeinen skizziert die Rhythmus-Gruppe (Piano, Bass und Schlagzeug) den Takt und die Harmonien, während der Solist Spannung und Entspannung schafft, indem er sich gegen diese Elemente bewegt. Wenn Sie rhythmisches Gefühl und Phrasierung guter Jazz-Musiker zuerst durch Singen und dann auf dem Horn nachahmen, werden Sie die Fähigkeit entwickeln, swingmässig zu spielen; ohne diese Fähigkeit hätte Ihr Spiel einen deutlichen klassischen «Akzent».
Studieren Sie bei einem Lehrer, falls sich die Gelegenheit bietet, aber wenn immer möglich suchen Sie von Anfang an Rat, Ideen und Inspiration bei andern Jazz-Musikern. Wenn Sie dazu keine Möglichkeit haben, so ist in den letzten Jahren ein passabler Ersatz auf den Markt gekommen: die Mitspiel-Platte; Sie spielt die rhythmische Begleitung, während Sie dazu das Solo spielen. Ihr Vorteil ist, daß Sie einzelne Nummern ad infinitum wiederholen können, und normalerweise werden alle Tonarten einbezogen. Für das Horn besteht das Problem der Transposition; vermutlich werden Sie Wechsel zunächst in der transponierten Tonart notieren müssen, bis Sie dann eines Tages nicht mehr darauf angewiesen sind, sondern vom Blatt lesen können.
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Brass Bulletin 42, II / 1983 Seiten 36–45
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