Der oszillatorische Mechanismus der Glottis beim Hornspielen
Einleitung
Der Zusammenhang zwischen Singen (und der Vibration der Stimmbänder) und Hornspielen — oder dem Spielen eines anderen Blechblasinstrumentes — hat die Aufmerksamkeit gewisser Autoren schon vor einiger Zeit in Anspruch genommen. Altenburg (1975) war der Meinung, beim Studium der Trompete sei Gesangsunterricht unerlässlich (Knodt 1973). Die neuesten Veröffentlichungen betonen die Analogie zwischen dem Atem- und dem Artikulationsmechanismus bei Sängern und bei Hornisten und Trompetern (Knodt, 1973, Saxton, 1975, Orval, 1978). Desgleichen haben Damsté (1966) und dann Leno (1974) experimentell die Ähnlichkeit gezeigt zwischen der Vibration der Stimmbänder während der Lautbildung und der Vibration der Lippen eines Posaunisten während des Spiels.
Der willentliche, aktive Einsatz der Stimmbänder während des Spiels wird benützt für die Erzeugung von besonderen akustischen Wirkungen (Akkorde). Das ist zum Beispiel der Fall in Webers «Concertino für Horn, op. 45» (1806) sowie in verschiedenen zeitgenössischen Werken. Die Note, welche gesungen wird, ist nie die Note, die gespielt wird; aber zwischen den beiden besteht eine entschiedene harmonische Beziehung, wobei die gesungene Note stets auf einem willentlichen Akt des Spielers basiert (Sluchin, 1981).
Andererseits ist die mechanische Beteiligung der Stimmbänder während des normalen Hornspiels nicht bekannt, besonders nicht während der Ansätze. Nur eine objektive und unaufdringliche Technik, die dem Spieler nicht bewusst und während des Spiels unsichtbar ist, kann hier Aufschluss bringen. Es muss sich um eine Technik handeln, die die natürlichen Bewegungen des Spielers nicht oder nur minimal stört.
Diesem Umstand wird im vorliegenden Artikel Rechnung getragen. Er beschreibt die Beobachtungen, die anhand eines Elektroglottographs bei drei Berufshornisten beiderlei Geschlechts vorgenommen wurden während diese auf ihren Instrumenten verschiedene standardisierte Töne bliesen.
Das Material und die Methoden
Für die Experimente, die in diesem Artikel beschrieben werden, haben wir folgende Hilfsmittel benützt:
- Ein Elektroglottograph, dessen Eigenschaften bereits in einer Veröffentlichung beschrieben worden sind (Dejonckere, 1981); er wird für experimentelle und klinische Arbeit verwendet, um den Vibrationsmechanismus der Stimmbänder zu erforschen.
Der Output des Elektroglottographs ist eine Funktion der elektrischen Impedanz quer über die Rückseite des Halses der Versuchsperson zwischen den beiden Hautelektroden, die auf beiden Seiten der Schildknorpel angebracht sind. Ein Strom mit hoher Frequenz und niedriger Voltspannung, der von der Versuchsperson nicht wahrgenommen wird, wird durch den Kehlkopf geleitet. Der Stromfluss ist proportional zum Bereich des elektrischen Kontakts zwischen den Stimmbändern, welcher während der normalen Lautbildung abwechslungsweise zu- und abnimmt (Lecluse, 1977).
Die Beziehung zwischen spezifischen Phasen der Vibrations-Zyklen der Stimmbänder und den genauen Ergebnissen des Elektroglottogramms wurden mit Hilfe folgender Mittel untersucht: ultraschnelle Kinematographie in vivo (Van Michel und Coll, 1970), Stroboskopie-Photographie in vitro (Lecluse, 1977) und stroboskopische Laryngoskopie in vivo (Pedersen, 1977).
- Ein Mikrophon, Ampex 2001.
- Ein Polygraph (Elema-Schönander), welcher die Beobachtung von periodischen Phänomenen in Realzeit und linear bis zu 1250 Hz ermöglicht. Die Geschwindigkeit des Papiervorlaufs betrug 50 oder 100 cm/Sek. Das Elektroglottogramm des Spielers und das Oszillogramm des Horntones wurden gleichzeitig auf zwei verschiedenen Kanälen notiert. Ein dritter Kanal wurde für die Zeitangabe benützt.
- Drei Hörner: Typ Holton H-179, doppelt absteigend; Alexander, doppelt mit aufsteigendem drittem Ventil; Selmer, mit aufsteigendem drittem Ventil kompensierend.
Die Experimente wurden mit drei Berufshornisten ausgeführt, einer Frau und zwei Männern.
Fünf charakteristische Töne wurden untersucht, welche einen grossen Teil des normalen Tonumfangs des Instrumentes abdecken. (Siehe folgender Plan.)
Die meisten graphischen Aufzeichnungen basieren auf «forte» gespielten Noten, mit Akzent oder ausgehalten; der Ansatz war normal sowie «sforzando» und «staccato».
Zu Vergleichszwecken wurden einige Aufnahmen gemacht, während welchen der Hornist gleichzeitig sang und spielte.
142 graphische Aufzeichnungen wurden erzielt und analysiert.
Weiterlesen
Zugang zum vollständigen digitalisierten Brass Bulletin Archiv • CHF 5.– / Monat · jederzeit kündbar
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1983–2026