Brass Bulletin 42, II / 1983 Seite 48–51 · 4 Min. Lesezeit

Sergey Nikolaevich Yeryomin (1903-1975)

Der hervorragende sowjetische Trompeter und Lehrer

Sergey Nikolaevich Yeryomin (1903-1975)

Es sind nun 80 Jahre her, seit der hervorragende sowjetische Trompeter Sergey Nikolaevich Yeryomin geboren wurde. Er kam am 22. Mai 1903 im Dorfe Nagornaya im Gouvernement Ryazan zur Welt. Als er noch klein war, verlor er bereits seinen Vater und wurde darauf von der Mutter mit ihrem mageren Einkommen als landwirtschaftliche Arbeiterin aufgezogen. Sie stellte seine musikalischen Neigungen fest und vertraute deshalb die Erziehung und Ausbildung des neunjährigen Seryozha den Musikern des Nezhinskiy Infanterie-Regimentes an, welches in Ryazan stationiert war.

Der Anfang von Yeryomins beruflicher Karriere ist mit sowjetischen Regimentskapellen verbunden. Während des russischen Bürgerkrieges wurde der junge Musiker zum Kapellmeister eines der Regimente des dritten Kavallerie-Korps ernannt; es wurde von Gay, einem Helden des Bürgerkrieges, befehligt und kämpfte an der polnischen Grenze.

Im Jahre 1920 ging Yeryomin nach Moskau und trat der Blaskapelle der Militärschule im Kreml bei. 1922 schickte man ihn ans Moskauer Staatskonservatorium, um bei Professor M.P. Adamov zu studieren. Da er bis jetzt lediglich fünf Jahre Ausbildung in einer Regimentsschule erhalten hatte, arbeitete Yeryomin intensiv und wurde 1926 Schüler von Professor M.I. Tabakov. Von Adamov hatte der junge Trompeter aussergewöhnliche Leichtigkeit und Virtuosität in der Beherrschung seines Instrumentes erlernt. Nun lernte er von Tabakov einen breiten, edlen und monumentalen Stil. Auf diese Weise vereinigte sein Stil die charakteristischen Eigenarten sowohl des Trompeters wie des Kornettisten.

Das Zusammentreffen und die musikalische Freundschaft mit dem bemerkenswerten Organisten, Komponisten und Lehrer A. Goedicke waren für Sergey Nikolaevich bedeutungsvolle Ereignisse.

Yeryomin war der erste Musiker, der sämtliche Kompositionen für Trompete von Goedicke aufführte, wie auch seine Umschreibungen und Bearbeitungen. 1928 nahm Yeryomin an einer Aufführung von Goedickes «Präludium für Orgel, Trompete, Harfe und Orchester» teil; sie stand unter der Leitung von N. Golovanov. Aus der musikalischen Freundschaft zwischen Komponist und Interpret ging die bekannte «Konzert-Etüde» für Trompete und Klavier hervor, und sein «Konzert» für Trompete und Orchester versah Goedicke mit einer Widmung an den jungen Musiker.

Schon als Yeryomin noch Student war, nannte ihn der älter werdende Lehrer und Organist Goedicke eine «seltene Ausnahme» unter den Trompetern, und er drückte den Wunsch aus, ihn am staatlichen Schlussexamen im Mai 1930 zu begleiten. Seine glänzende Bewältigung eines schwierigen Programms trug ihm hohe Noten ein; zum ersten Mal in der Geschichte des Konservatoriums figurierte unter den Studenten, die das Examen mit Auszeichnung bestanden hatten, auch der Name eines Trompeters.

Yeryomin, Pavlov, Usov und Mitglieder ihrer Klasse am Moskauer Konservatorium

Yeryomin, Pavlov, Usov und Mitglieder ihrer Klasse am Moskauer Konservatorium

Sergey Nikolaevichs künstlerisches Talent konnte sich darauf im Orchesterdienst voll entfalten. Wir treffen ihn im Persimfans an (dem ersten Symphonie-Orchester, welches ohne Dirigent spielte). Er war ständiger erster Trompeter des Studenten-Orchesters, dessen junge Mitglieder 1928 die Basis für das Sofil (die sowjetische Philharmonie) bildeten. Da blieb er bis im Jahre 1936. 1929 wurde er erster Trompeter beim Bolshoi Theater-Orchester, wo er bis im Jahre 1937 blieb.

Yeryomin hat sein hohes Künstlertum und seine Inspiration in Aufführungen unter Beweis gestellt, in denen er die schwierigsten Trompeten- und Kornettstimmen sowohl klassischer wie zeitgenössischer Werke spielte. Als Otto Klemperer das Sofil Orchester dirigierte zum Beispiel, war sein Trompetenspiel in «Petruschka» und «Salomé» besonders hervorragend. Sein Lieblingswerk, das «Gedicht der Ekstase» von Skrjabin, spielte Yeryomin viele Male unter der Leitung von Golovanov, A. Melik-Pashaev, V. Nebol’sin, L. Steinberg und Albert Coates.

Sergey Nikolaevich konnte stets die gefühlsmässige Bedeutung seiner Stimme ausfindig machen. Dies trifft sowohl für die kürzesten Trompeteneinwürfe zu wie vor allem auch für die grossen Solos, welche sich immer durch die Vollständigkeit und Originalität der Interpretation auszeichneten. Der Hahnenruf am Anfang des «Goldenen Hahns» von Rimsky-Korsakov tönte derart eindrücklich, wenn Yeryomin ihn spielte, dass er von seinen Freunden aus Spass den Übernamen «unser goldener Hahn» erhielt

Trio: S. Yeryomin, I. Pavlov (1. Trompeter, Bolschoi-Theater), Y. Usov (Professor, Moskauer Konservatorium)

Trio: S. Yeryomin, I. Pavlov (1. Trompeter, Bolschoi-Theater), Y. Usov (Professor, Moskauer Konservatorium)

Eine tiefe Empfindsamkeit für den Stil eines Werkes, eine offene und wahre Wiedergabe der Absichten des Komponisten sowie ein vollständiges Vermeiden von jeglichem Manierismus und von Sentimentalität — dies sind die charakteristischen Kennzeichen von Yeryomins kreativer Persönlichkeit.

Obwohl er im Orchester sehr viel Arbeit hatte, trat Sergey Nikolaevich auch oft als Solist auf. Ein wichtiges Ereignis in seiner musikalischen Karriere war der zweite nationale Musikerwettbewerb, der 1935 in Leningrad abgehalten wurde und an welchem zum ersten Mal auch Blasinstrumente teilnehmen konnten. Yeryomin stellte ein interessantes und abwechslungsreiches Programm vor und wurde zum Gewinner erkoren.

Kritiker in Zeitungen und Zeitschriften haben des öftern festgestellt, welchen grossen stilistischen Umfang seine Interpretationen aufweisen: «Er versteht den monumentalen Stil der Beethoven’schen und Händel’schen Formen, die zarte, romantisch gefärbte Landschaft der ‘Preludes’ von Chopin und das glänzende Feuerwerk von Goedickes Etüde.»

Im Jahre 1930 begann Yeryomin am Konservatorium zu unterrichten, wurde 1935 Dozent und 1939 Professor. Seinem Unterricht lag sein Erfolg als Interpret zugrunde, und er war dementsprechend sehr erfolgreich, sowohl was den Inhalt wie auch die fortschrittliche Form anbelangte. In der Entwicklung der sowjetischen Trompetenschule spielte er eine wichtige Rolle. Wenn man sagt, dass er versuchte, die besten Eigenarten seines Interpretationsstiles auch seinen Studenten einzupflanzen, so setzt man damit deren kreative Individualität nicht herab. Er brachte sie dazu, einen reichen, klaren und kraftvollen Klang zu entwickeln, er setzte sich für ihre Technik ein, für eine flüssige Beherrschung der verschiedenen Methoden der Klangerzeugung, für das Legatospiel auf Naturtönen. Spezielle Beachtung schenkte er den Tonleitern und Etüden, aber all dies wurde verwendet, um damit musikalischen Zielen näherzukommen. Ausser klassischen und sowjetischen Kompositionen, die die Grundlage für seinen Unterricht bildeten, versuchte Yeryomin so weit wie möglich auch die besten modernen Werke aus dem Ausland einzusetzen, die für Trompete geschrieben worden sind.

Professor Sergey Nikolaevich Yeryomin
Professor Sergey Nikolaevich Yeryomin

Professor Sergey Nikolaevich Yeryomin

Yeryomin hat einige Sammlungen von Stücken aus seinem Unterrichts-Repertoire zusammengestellt, die jetzt vergriffen sind. Dazu kamen vier Bände mit Orchester-Auszügen für Trompete und Kornett und zwei Bände mit ausgewählten Etüden für Trompete. Desgleichen hat er viele Transkriptionen und Bearbeitungen geschrieben.

Unter seinen berühmten Schülern sollten die folgenden erwähnt werden: L. Volodin, I. Pavlov, A. Maksimenko, V. Goncharov, Y. Usov, N. Volkov, S. Kirokosyan und andere.

Professor Georgiy Orvid hat geschrieben: «Der Name Yeryomin eröffnet ein neues Kapitel in der Geschichte von der Gründung und Entwicklung der sowjetischen Trompetenschule, die durch seinen Lehrer Tabakov ins Leben gerufen worden war. Es war Sergey Nikolaevich, welcher als Starschüler das Banner aus den Händen seines Lehrers nahm und erster Trompeter und Lehrer am Moskauer Konservatorium wurde, der Wiege der sowjetischen Trompeten-Schule.»

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