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Jazz und das Horn
Thomas Bacon
Von Jeffrey Agrell
Thomas Bacon
Mit 36 Jahren blickt Thomas Bacon bereits auf 17 Jahre Berufserfahrung als erster Hornist zurück. Er spielte in der Syracuse Symphony, der Detroit Symphony, im Berliner Radio-Symphonie-Orchester und in der Houston Symphony. Auch als Lehrer und Solist war er sehr aktiv. Im Zusammenhang mit unserer Reihe ist vor allem seine Erfahrung in den frühen 70er-Jahren interessant, als er Mitglied des Metamorphosis war, einer Jazz-Rock-Gruppe, die aus acht Musikern der Detroit Symphony bestand. Über diese Erfahrungen schrieb er 1973 einen Artikel für Brass & Percussion, aus welchem wir im folgenden zitieren:
[Bezüglich des Spielens von klassischer und Jazz-Rock-Musik] Meine Beziehung zur einen hat mein Verständnis für die andere Musikart gesteigert. Was die eine bietet, geht der anderen ab.
Die symphonische Musik ist für den Interpreten eine Disziplin, die ihm das Äusserste an musikalischem Ausdruck, technischer Vollendung und Aufmerksamkeit auf das kleinste Detail abverlangt. Das hat zur Folge, dass man schön spielt, auch wenn man sich schlecht fühlt. Aber einmal kommt die Zeit, da man sich Freiheit wünscht — Freiheit von der gedruckten Partitur, von den Anweisungen des Komponisten, Freiheit von den Wünschen anderer Leute, die einem als Dirigenten ihre musikalischen Wünsche aufpfropfen, Freiheit, Neues zu schaffen, anstatt einfach auszuführen, Freiheit, einen anderen Chorus zu spielen, wenn man sich gut fühlt (versuchen Sie das in Tschaikowskijs Fünfter und erleben Sie, was dann geschieht), Freiheit, einen andern übernehmen zu lassen, wenn man es selbst nicht macht (versuchen Sie auch dies einmal!). Aber noch mehr ist im Spiel: sowohl Rock wie klassische Musik können intellektuell oder viszeral, tief oder schal, anregend oder langweilig sein. Jedes Gefühl, das in der einen empfunden wird, kann in der andern auch erlebt werden, wenn die stilistische Umstellung erfolgreich gehandhabt wird.
Das kann jedoch auch mit Problemen verbunden sein. Während Jahren ist die Rock-Musik nun von Musikerziehern bewusst ignoriert worden. Als ich mich mit Rock zu beschäftigen begann, geriet ich augenblicklich in einen Wirbel von Riffs, Licks, blue notes, Wechseln, rhythmischen Mustern usw., die in der Musikschule höchstens beiläufig erwähnt worden waren. Nachdem ich während Jahren Musik studiert hatte, jedoch nicht in der Lage war, auch nur eine Note zu improvisieren, kam ich mir so blöd vor wie noch nie im Leben. Aber wie improvisiert man denn? «Ich weiss nicht, Mensch, mach es einfach, spiel, was du fühlst». Ich fühlte nicht viel, also spielte ich auch nicht viel. Aber ich hörte mir viel an, Platten, Rock-Konzerte, «Untergrundradio». Und schon sehr bald fühlte ich es, verstand es auch und konnte es sogar geniessen. Aber der Höhepunkt kam erst, als ich auch fähig war, es zu spielen, als ich die klassischen Zügel abschütteln und meine neugefundene Freiheit geniessen konnte. (Ich möchte meine erste Liebe, die klassische Musik oder die Disziplin, mit der man sie spielen muss, sicher nicht verunglimpfen. Aber ich kenne ein paar Hornisten, die sind so diszipliniert, dass sie unfehlbar, aber leblos geworden sind. Man wird sich ihrer nicht bewusst, wenn sie gut spielen, sondern nur, wenn sie eine falsche Note spielen.)
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Brass Bulletin 45, I / 1984 Seiten 34–37
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