Ex. 1
Tailgate (Leo Arnaud, 1975)
Die Posaunisten von New Orleans waren also nicht die Erfinder dieses Tricks, auch wenn «Kid» Ory (1886-1973) Pryor in dieser Manier, gewaltige Glissandi einzubauen, um nichts nachstand (Bsp. 1). Nichtsdestoweniger ist es doch nur ein Stilmittel und keine technische Revolution. Man merkt dies deutlich bei der Neuaufnahme des Stückes von 1927 mit Ory und den Hot Five und Louis Armstrong: Die Posaune artikuliert im Vergleich zur raschen Geschmeidigkeit des Trompeters recht steif. Das technische Niveau der Jazzer zu jener Zeit scheint sich jenem der klassischen Posaunisten anzunähern, mit der selben Vorliebe für das Staccato. Man muss auch wissen, dass der «tailgate»Effekt sich anfangs nicht durchsetzte, da in New Orleans noch lange die Ventilposaune vorherrschte. Baptiste Delisle (um 1870-?) soll der erste gewesen sein, der um 1895 die Tenorposaune mit Zug einführte, natürlich in enger Bohrung. Neben Ory sind Alvin «Zue» Robertson (1891-1943), Roy Palmer (1892-1964) und Preston Jackson (1904-1983) die ersten Pioniere in New Orleans. Aufnahmen Palmers von 1929 zeigen, dass er sich vom «tailgate» zugunsten eines geschmeidigen und raschen Spiels entfernte. Sein Schüler Preston Jackson entwickelte sich parallel, auch wenn sein 1926 aufgenommener «trombone man» archaisch blieb. In den kantablen Passagen haben diese Pioniere, ähnlich den «Klassikern» dieser Zeit, einen Hang zum declamando (Honoré Dutrey u.a.).
Fig. 1 & Fig. 2
Neben seiner Rolle als Trendsetter des New-Orleans-Stils ging Kid Ory auch sehr geschickt mit den Dämpfern um. Er benützte den Harmon-Dämpfer (Bild 1, grösser als die heutigen) in «Deep Henderson» und «Too bad», und auch den Derby-Dämpfer in «wa-wa-wa» in Aufnahmen mit King Oliver von 1926. Der englische Posaunist Keith Nichols² machte mit einer Skizze (Bild 2) auf einen von Ory um 1920 erfundenen Dämpfer aufmerksam, den dieser aber erst während seiner zweiten Karriere, zur Zeit des «revival» benützte. Ory benützte auch den Straight-Dämpfer, der auch vom berühmten Charlie Green in New York geschätzt wurde. Green war mit Joe «Tricky Sam» Nanton (1904-1946) einer der ersten schwarzen Meister ausserhalb der in Chicago angesiedelten New-Orleanser. Nanton benützte den Plunger-Dämpfer geschickt wie «Bubber» Miley. Er spielte sehr rein, sogar indem er den Dämpfer sehr nahe ans Schallstück brachte, da er mit dem Zug korrigierte.
Blechbläser-Register des Duke Ellington Orchesters um 1929.
➜ Freddy Jenkins (spielt Tp mit linker Hand), Joe Nanton † (Pos.), Cootie Williams, Juan Tizol † (Ventilpos.) und Artie Whetsol (Tp.). Beachten Sie die «Derby» Dämpfer.
(Sammlung M. Laplace)
Unter den weissen Chicagoern ist Carroll Martin (1871-1939) eine Art Bindeglied zwischen dem Stil der Blasmusikvirtuosen und dem der neuentstehenden Tanzorchester. Er spielte mit Isham Jones von 1920-1925. Zu jener Zeit setzte sich die Zugposaune wirklich durch, in Paris wie in New York. Der weisse Miff Mole (1898-1961) wird ab 1922 mit seinen Original Memphis Five der eigentliche Vater der modernen Posaune. Sein geschmeidiges, klangschönes Legatospiel ist beispielhaft.
Zur selben Zeit ist in Frankreich Léo Arnaud-Vauchant (*1904) schon berühmt. 1924 spielt er im «Boeuf sur le toit» auf der Posaune Trompetenstimmen. 1926 spielt neben ihm Guy Paquinet im Orchester des belgischen Saxophonisten Paul Gazon. Léo verfügte über eine fortgeschrittene Technik im Dienste eines markanten Stils, während Guy, mit geschmeidigem und warmem Ton, so verführerisch spielte wie Tommy Dorsey.
«Kid» Ory. Photo Decca Record Co.
Dorsey selbst fing ab 1924 an, Aufnahmen zu machen. Die Blüte der Musikpavillon-Virtuosen ist nicht sehr weit, und Einflüsse sind bemerkbar. Guy Paquinet erzählte uns, er habe sich nach dem Anhören eines gewissen Herrn Robert, Solist im 31. Infanterieregiment, mit einem Solo aus Carmen im Jardin du Luxembourg, für die Posaune entschieden (er war vorher Geiger gewesen). Laut dem Pianisten Itzy Riskin hatte Simone Mantia neben Tommy Dorsey beim Trompeter Benjamin A. Rolfe gespielt und erklärt: «Ich bin so beeindruckt von diesem Burschen Dorsey — seinem Ton, seinem Stil, seiner ganzen Art, Posaune zu blasen.» (Metronome Music Co.).
Als Schlussfolgerung dieses Kapitels kann man feststellen, dass der Jazz in dieser archaischen Zeit offenbar nicht als Wegweiser zum neuen Posaunenstil fungierte. Die Posaune trat solistisch wenig hervor. Gleichzeitig entdecken die grossen Blasmusiker und die ersten weissen Tanzmusiker dank solistischer Aufgaben die Vorteile des Legatospiels — ein zukunftsträchtiger Beginn.