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Joannès Rochut (1881-1952)

Posaunist des Boston Symphony Orchesters

Hinter einem Grundpfeiler der Posaunenausbildung steht Rochuts Weg zwischen Paris und Boston, vergessenen Manuskripten, Orchesterleben und Bordogni.
Joannès Rochut (1881-1952)

Joannès Rochut (1881-1952)

Die «Melodischen Studien»¹ für Posaune des in Paris auftretenden und unterrichtenden italienischen Tenors Giovanni Marco Bordogni (1789-1856), transkribiert von Joannès Rochut, hatten wohl in den vergangenen Jahrzehnten mehr Einfluss auf die amerikanische Posaunenschule als alle anderen Posaunenetüden. Die Studien zeichnen sich durch eine Qualität vokalen Legatostils aus, der, auf die Posaune übertragen, sehr nutzbringend ist. Die Tatsache, dass Rochut allein durch die Veröffentlichung der Bordogni-Etüden soviel Einfluss ausübte, ist bemerkenswert, und die Frage taucht auf, ob er auch andere Werke transkribiert hat und wer er als Posaunist und Mensch war.

Mein Interesse an Joannès Rochut wurde in den frühen 60er Jahren geweckt, als ein Fagottist des Baltimore-Symphonieorchesters mir ein Manuskript übergab, welches ihm sein Lehrer M. Allard, ein ehemaliger Fagottist des Boston-Symphonieorchesters, gegeben hatte. Unter dem Titel «Lectures pour trombone» fand sich eine weitere Reihe von Etüden in der Transkription von Joannès Rochut, 1902 von ihm publiziert und entlehnt aus den Solfège-Übungen von Lucien Grandjany (1862-1891), einem Komponisten und Korrepetitor, welcher Solfège am Pariser Konservatorium unterrichtete. Es zeigte sich bald, dass diese Übungen gutes Übungsmaterial darstellten für die Entwicklung eines leichten, gesanglichen Stils und das Training häufiger Schlüsselwechsel.

Joannès Rochut wurde am 13. August 1881 in Paris geboren². Er hatte eine ältere Schwester und zwei Brüder. Sein Vater, ein diplomierter Buchhalter in einer Firma, starb früh mit 40 Jahren 1888. Seine Witwe, die er völlig mittellos hinterliess, versorgte ihre beiden älteren Söhne in einem Waisenhaus in der Nähe von Beauvais (Seine). Daher wurde Rochut vom siebten bis zum sechzehnten Altersjahr mit anderen Buben und Mädchen erzogen. Alle lernten dort einen Beruf — Rochut wurde Drucker — und bekamen Musikunterricht. Ausnahmslos alle spielten Blechblasinstrumente. So wurde Rochut eine Posaune zugewiesen, da der Direktor des Waisenhauses beschlossen hatte, er habe geeignete Lippen und Zähne für dieses Instrument.

Rochut blieb neun Jahre im Waisenhaus — die Sommerferien verbrachte er jeweils an der Küste, wo die Kinder zu Fuss hinwanderten (etwa 150 Kilometer weit). Als er zu seiner Mutter nach Paris zurückkehrte, fand er eine Stelle als Typograph in einem grossen Verlag. Mit 18 Jahren meldete er sich vorzeitig zur Armee und diente drei Jahre bei der Musik. Während dieser Zeit ermutigte ihn ein Kamerad, sich am Pariser Konservatorium zu melden. Er wurde aufgenommen und schloss 1905 mit einem Premier Prix für Posaune ab.

Darauf hin spielte er in den für jene Zeit typischen Studioorchestern für Walzen- oder Plattenaufnahmen, häufig für die Firma Edison. Die Schneidetechnik existierte damals noch nicht, so dass jeder Fehler während einer Aufnahme einen kompletten Neubeginn bedeutete. So musste man oft ein Stück den ganzen Tag lang spielen, bis ein einwandfreier Durchlauf gelang.

Zu jener Zeit hatte Rochut, der sein ganzes Leben lang unterrichtete, einen Schüler namens André Lafosse, der später nach nur zweijährigem Studium als 18-jähriger einen ersten Preis für Posaune am Pariser Konservatorium erhielt (im Jahre 1908). Später war Lafosse Professor am selben Institut (von 1948-1960), nachdem er von den frühen 20er Jahren bis 1949 Soloposaunist an der Oper in Paris gewesen war.³ Lafosse zeigte seine Wertschätzung für die Bordogni-Vokalisen, indem er sechs davon in seine Komplette Posaunenschule (Paris, 1948), aufnahm.

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Brass Bulletin 50, II / 1985 Seiten 41–49

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