Brass Bulletin ist jetzt auch auf Italienisch und Spanisch verfügbar.

4 Min. Lesezeit

Maurice Ravel und die neue Posaune

Tanzposaunisten veränderten in den 1920er und 30er Jahren die klassische Spielpraxis und prägten damit Ravels Bolero und eine ganze Generation.
Maurice Ravel und die neue Posaune

Leo Arnaud-Vauchant

Was auch immer Cardell Simons und andere grosse Virtuosen der grossen Blasmusiken an Neuem gebracht haben (Pryor, Zimmermann...) so waren es doch die Posaunisten der Tanzorchester der 20er und 30er Jahre, welche, von ähnlichen technischen Grundlagen ausgehend, einen bestimmenden Einfluss ausgeübt haben.

Gordon Pulis erklärt das Entstehen dieses neuen Stils damit, dass die Posaunensoli im Symphonieorchester selten sind, im Tanzorchester jedoch der Posaune ein wichtiger Solistenpart anvertraut ist. Daraus entstand ein eigentlicher solistischer Stil, dessen Legatospiel mit warmem, vollem Ton (die ersten «crooners») Komponisten wie Georges Gershwin, Aaron Copland und Maurice Ravel inspiriert hat.

Ravel hatte Leo Arnaud-Vauchant gehört und war überrascht von seiner Art, Posaune und Schlagzeug zu spielen. Er lud Leo zu sich nach Montfort-Lamaury ein. Leo berichtet:

«Ich habe die Posaunensoli aus «L’enfant et les sortilèges» (1924) und dem «Bolero» als erster Posaunist geblasen (1927), vor allen anderen. Das Solo aus dem «Bolero» habe ich ohne Glissandi gespielt, mit der ersten und zweiten Position für die erste Hälfte des Solos, und dann die dritte, vierte, fünfte und sechste Position hinzugenommen. Als ich zu Ravel bemerkte, dass die siebente Position nicht vorkam, lachte er und sagte: «Sagen Sie das aber niemandem!» Die Glissandi sind vermutlich durch den damaligen Lehrer am Conservatoire de Paris hinzugeführt worden, der damit einen «jazzigeren» Effekt erzielen wollte.» (Brief an den Autor vom 4.2.1974).

Leo spielte einen Vorschlag von zwei Tönen ohne Glissando (Bsp. 1). Die von ihm angegebenen Positionen müssen aus Gründen der Intonation etwas korrigiert werden. So ist zum Beispiel das c in der ersten Position als neunter Oberton des Grundtones B zu hoch und muss etwas nach unten korrigiert werden.

Beispiel 1Boléro (1927) — Maurice RavelNach Leo Arnaud (1975)

Beispiel 1

Boléro (1927) — Maurice Ravel
Nach Leo Arnaud (1975)

Es scheint, dass Ravel sich weniger vom Jazz als von der fortgeschrittenen Technik der Solisten der grossen Tanzorchester mit synkopierter Musik inspiriert hat. Natürlich hatten die «klassischen» Posaunisten jener Zeit beträchtliche Angst davor, den Bolero auf dem Programm zu sehen. So auch in den USA:

Eine der faszinierenden Anekdoten über Miff erzählte Phil Napoleon, der mit Miff bei den «Original Memphis Five» spielte. Arturo Toscanini probte mit dem NBC-Symphonieorchester für die amerikanische Erstaufführung des Bolero. Kein Mitglied des Posaunensatzes konnte das schwierige Solo richtig blasen. Phil spielte zu jener Zeit in diesem Orchester, und so ging er bis zu dem Dorf, wo Miff gerade bei Nick’s spielte. Miff kam zur nächsten Probe und blies die Partie perfekt und zeigte dem ersten Posaunisten des Orchesters, wie er die Stelle spielen musste. Darauf packte er seine Posaune ein und ging zurück auf sein Dorf. Man erzählt, dass Maestro Toscanini von da an eine grosse Hochachtung vor Jazzmusikern entwickelte.

(Peter Spargo auf der Plattenhülle «Dixieland-Chicago», Mainstream S 6010).

Wie gross auch immer in dieser Geschichte der Anteil der Dichtung an der Wahrheit ist, steht es doch fest, dass Miff Mole technisch schon seit seinen Platten von 1922 einer der ersten Meister des Posaunenlegatos ist. Hingegen stimmen wir überein mit unserem früh verstorbenen Freund Glenn Bridges (Brief an den Autor vom 5.11.75), dass die amerikanische Première des Bolero um 1928 mit dem New York Philharmonic und dem Soloposaunisten Mario Falcone stattgefunden hat. Eine weitere Anekdote: Toscanini soll mit dem selben Orchester im April 1930 in der Pariser Oper den Bolero aufgeführt haben, aber zu langsam, was Ravel missfallen haben soll¹. Die Begebenheit mit dem NBC ist später anzusiedeln. Hier ein weiteres übereinstimmendes Zeugnis:

«Immer wenn wir mit dem NBC den Bolero von Ravel spielten, pflegte Maestro Toscanini zu sagen:

Ich will Tommy Dorsey für das Posaunensolo haben!

(Paul Lavalle-Interview mit Dr. Charles Colin, NBC for Scholarships, 1975).

Das beweist noch nicht, dass Dorsey das Solo auch wirklich geblasen hat — es verrät hingegen Toscaninis Bewunderung für Dorsey und eine bestimmte Konzeption der Posaune. Im übrigen ist es bekannt, dass Dorsey herrlich und ohne sichtbare Anstrengung das hohe D blasen konnte.

Weiterlesen

Erhalten Sie vollständigen Zugang zur digitalen Ausgabe.

Brass Bulletin 47, III / 1984 Seiten 34–38

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1984–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Wird geladen…

Fragen und Antworten

So funktioniert die digitale Ausgabe

Was enthält die digitale Ausgabe?

Die digitale Ausgabe vereint die bereits digitalisierten Artikel als lesbare und durchsuchbare Online-Texte – nicht nur als Scans oder PDF-Dateien – mit ihren ursprünglichen Abbildungen, Anmerkungen, Angaben zu Autoren und Ausgaben sowie den verfügbaren Übersetzungen. Empfehlungen verwandter Artikel umfassen derzeit nur dieses digitalisierte Material.

Sind die digitalen Artikel mit den Originalen identisch?

Wir bewahren den ursprünglichen Text, die Sprache, Abbildungen, Bildlegenden, Fußnoten und den redaktionellen Kontext so originalgetreu wie möglich. Die Darstellung wird für ein angenehmes Lesen am Bildschirm angepasst; offensichtliche Übertragungs- oder Scanfehler können korrigiert werden. Inhalt und Charakter des veröffentlichten Artikels bleiben unverändert.

Welche Sprachen sind verfügbar?

Brass Bulletin erschien während seiner gesamten Geschichte auf Englisch, Französisch und Deutsch. Italienische und spanische Übersetzungen kamen ab Ausgabe Nr. 60 hinzu.

Auf der italienischen und der spanischen Website werden die Artikel aus den Ausgaben 1 bis 59 daher standardmäßig auf Englisch angezeigt.

Wie oft werden neue Artikel hinzugefügt?

Neue Artikel werden fast täglich hinzugefügt; ungefähr eine vollständige Ausgabe wird pro Woche digitalisiert. Das Tempo kann je nach erforderlicher Vorbereitung, Bildbearbeitung und redaktioneller Prüfung variieren.

Warum sind noch nicht alle Artikel digital verfügbar?

Die vollständige Sammlung von Brass Bulletin umfasst 1’246 Artikel aus den Jahren 1971 bis 2003. Das vollständige Verzeichnis ist bereits online verfügbar und ermöglicht es, jeden Artikel der Sammlung zu entdecken – auch jene, deren vollständiger Text noch nicht digitalisiert wurde.

Die Digitalisierung begann im Februar 2026. Jeder Artikel wird sorgfältig für die Online-Lektüre aufbereitet, geprüft und mit seiner Ausgabe, den Autoren, Themen und Abbildungen verknüpft. Beim derzeitigen Digitalisierungstempo wird die vollständige Sammlung voraussichtlich bis Februar 2028 online verfügbar sein.

Warum verweisen manche Quellen auf Artikel, die noch nicht verfügbar sind?

Verweise in den Originalartikeln bleiben erhalten, auch wenn das Material, auf das sie hinweisen, noch nicht digitalisiert wurde. So bleiben die historischen und redaktionellen Zusammenhänge vollständig erhalten. Mit jeder weiteren digitalisierten Ausgabe werden mehr dieser Verweise zu online lesbaren Artikeln führen.

Kann ich einen Artikel vorschlagen oder einen Übertragungsfehler melden?

Ja. Wenn Sie einen bestimmten Artikel gerne digitalisiert sehen möchten oder einen möglichen Übertragungsfehler beziehungsweise eine fehlende Information entdecken, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Rückmeldungen unserer Leser helfen uns, die digitale Ausgabe zu verbessern und sinnvolle Prioritäten im Archiv zu setzen.

Wie kann ich Brass Bulletin unterstützen?

Ihre Unterstützung hilft, die Aufbereitung, Überprüfung und Online-Veröffentlichung der vollständigen Sammlung zu finanzieren.

Digitalausgabe abonnieren

Möchten Sie uns lieber unterstützen, ohne ein Abonnement abzuschließen?

Spenden

Brass Bulletin durchsuchen.