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Maurice Ravel und die neue Posaune
Von Michel Laplace
Leo Arnaud-Vauchant
Was auch immer Cardell Simons und andere grosse Virtuosen der grossen Blasmusiken an Neuem gebracht haben (Pryor, Zimmermann...) so waren es doch die Posaunisten der Tanzorchester der 20er und 30er Jahre, welche, von ähnlichen technischen Grundlagen ausgehend, einen bestimmenden Einfluss ausgeübt haben.
Gordon Pulis erklärt das Entstehen dieses neuen Stils damit, dass die Posaunensoli im Symphonieorchester selten sind, im Tanzorchester jedoch der Posaune ein wichtiger Solistenpart anvertraut ist. Daraus entstand ein eigentlicher solistischer Stil, dessen Legatospiel mit warmem, vollem Ton (die ersten «crooners») Komponisten wie Georges Gershwin, Aaron Copland und Maurice Ravel inspiriert hat.
Ravel hatte Leo Arnaud-Vauchant gehört und war überrascht von seiner Art, Posaune und Schlagzeug zu spielen. Er lud Leo zu sich nach Montfort-Lamaury ein. Leo berichtet:
«Ich habe die Posaunensoli aus «L’enfant et les sortilèges» (1924) und dem «Bolero» als erster Posaunist geblasen (1927), vor allen anderen. Das Solo aus dem «Bolero» habe ich ohne Glissandi gespielt, mit der ersten und zweiten Position für die erste Hälfte des Solos, und dann die dritte, vierte, fünfte und sechste Position hinzugenommen. Als ich zu Ravel bemerkte, dass die siebente Position nicht vorkam, lachte er und sagte: «Sagen Sie das aber niemandem!» Die Glissandi sind vermutlich durch den damaligen Lehrer am Conservatoire de Paris hinzugeführt worden, der damit einen «jazzigeren» Effekt erzielen wollte.» (Brief an den Autor vom 4.2.1974).
Leo spielte einen Vorschlag von zwei Tönen ohne Glissando (Bsp. 1). Die von ihm angegebenen Positionen müssen aus Gründen der Intonation etwas korrigiert werden. So ist zum Beispiel das c in der ersten Position als neunter Oberton des Grundtones B zu hoch und muss etwas nach unten korrigiert werden.
Beispiel 1
Boléro (1927) — Maurice Ravel
Nach Leo Arnaud (1975)
Es scheint, dass Ravel sich weniger vom Jazz als von der fortgeschrittenen Technik der Solisten der grossen Tanzorchester mit synkopierter Musik inspiriert hat. Natürlich hatten die «klassischen» Posaunisten jener Zeit beträchtliche Angst davor, den Bolero auf dem Programm zu sehen. So auch in den USA:
Eine der faszinierenden Anekdoten über Miff erzählte Phil Napoleon, der mit Miff bei den «Original Memphis Five» spielte. Arturo Toscanini probte mit dem NBC-Symphonieorchester für die amerikanische Erstaufführung des Bolero. Kein Mitglied des Posaunensatzes konnte das schwierige Solo richtig blasen. Phil spielte zu jener Zeit in diesem Orchester, und so ging er bis zu dem Dorf, wo Miff gerade bei Nick’s spielte. Miff kam zur nächsten Probe und blies die Partie perfekt und zeigte dem ersten Posaunisten des Orchesters, wie er die Stelle spielen musste. Darauf packte er seine Posaune ein und ging zurück auf sein Dorf. Man erzählt, dass Maestro Toscanini von da an eine grosse Hochachtung vor Jazzmusikern entwickelte.
(Peter Spargo auf der Plattenhülle «Dixieland-Chicago», Mainstream S 6010).
Wie gross auch immer in dieser Geschichte der Anteil der Dichtung an der Wahrheit ist, steht es doch fest, dass Miff Mole technisch schon seit seinen Platten von 1922 einer der ersten Meister des Posaunenlegatos ist. Hingegen stimmen wir überein mit unserem früh verstorbenen Freund Glenn Bridges (Brief an den Autor vom 5.11.75), dass die amerikanische Première des Bolero um 1928 mit dem New York Philharmonic und dem Soloposaunisten Mario Falcone stattgefunden hat. Eine weitere Anekdote: Toscanini soll mit dem selben Orchester im April 1930 in der Pariser Oper den Bolero aufgeführt haben, aber zu langsam, was Ravel missfallen haben soll¹. Die Begebenheit mit dem NBC ist später anzusiedeln. Hier ein weiteres übereinstimmendes Zeugnis:
«Immer wenn wir mit dem NBC den Bolero von Ravel spielten, pflegte Maestro Toscanini zu sagen:
Ich will Tommy Dorsey für das Posaunensolo haben!
(Paul Lavalle-Interview mit Dr. Charles Colin, NBC for Scholarships, 1975).
Das beweist noch nicht, dass Dorsey das Solo auch wirklich geblasen hat — es verrät hingegen Toscaninis Bewunderung für Dorsey und eine bestimmte Konzeption der Posaune. Im übrigen ist es bekannt, dass Dorsey herrlich und ohne sichtbare Anstrengung das hohe D blasen konnte.
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Brass Bulletin 47, III / 1984 Seiten 34–38
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