Im langsamen Satz, das Soloinstrument wird nur von Violinen und Viola begleitet, lassen sich sparsam einige Elemente der Diminution und Ornamentik zur Auszierung anwenden. Violin- oder Flötenauszierungen zum Vorbild für ein Hornkonzert zu nehmen, kann wegen der begrenzten technischen Möglichkeiten nicht akzeptiert werden, würde auch auf dem modernen Instrument zu einem leeren Virtuosengeklingel führen (NB 2).
Beispiel 2
P.J. Fick, Concerto, Larghetto T. 1-11, unverziert; T. 1-11, verziert.
Als Besonderheit ist zu vermerken, dass gegen Ende des Satzes eine Fermate über dem D⁷ auf B steht, Gelegenheit für eine Kadenz, welche nach Quantz «in einem Athem gemachet werden» soll (NB 3).
Beispiel 3
P.J. Fick, Concerto, Larghetto T. 18, unverz. und verz.
Eine Kadenz ist eine «willkührliche Auszierung, welche von einer concertierenden Stimme, beym Schlusse des Stücks, über der vorletzten Note der Grundstimme, nämlich über der Quinte der Tonart, woraus das Stück geht, nach dem freyen Sinne und Gefallen des Ausführers, gemachet wird.»⁴¹
Allgemeingültige Regeln für die Ausführung von Kadenzen existieren nicht, lassen sich auch nicht immer aus den Schulwerken für alle Gelegenheiten passend ableiten.
Aus der Verzierung eines Akkordes entwickelte sich «ohngefähr zwischen 1710. und 1716. die itzo üblichen Cadenzen, bey denen sich der Bass aufhalten muss... Die Fermaten, oder sogenannten Aufhaltungen ad libitum in der Mitte eines Stückes aber mögen wohl etwas älteren Ursprunges seyn.»⁴² Letztere sind vorwiegend in Gesangsstücken zu finden, seltener in Instrumentalwerken. Quantz charakterisiert das Wesen der vorklassischen Kadenzen folgendermassen:
«Die Absicht der Cadenz ist keine andere, als die Zuhörer noch einmal bey dem Ende unvermuthet zu überraschen, und noch einen besonderen Eindruck in ihrem Gemüthe zurück zu lassen.»⁴³
«Die Cadenzen müssen aus dem Hauptaffecte des Stückes fliessen, und eine kurze Wiederholung oder Nachahmung der gefälligsten Clauseln, die in dem Stücke enthalten sind, in sich fassen.»⁴⁴
«In den Tonarten muss man nicht gar zu weit ausschweifen, und keine Töne berühren, die mit dem Haupttone gar keine Verwandtschaft haben. Eine kurze Cadenz muss gar nicht aus ihrer Tonart weichen.»⁴⁵
Gerade dieser Punkt ist für eine Kadenz zu einem Hornkonzert wichtig. Vielleicht verführt das moderne Ventilhorn zu einem stilistischen Bruch und lässt Kadenzen zu, welche sich im Charakter weit von der Komposition entfernen.
Der Inhalt einer Kadenz wird vom Affekt des Satzes bestimmt: «Wie eine lustige Cadenz aus weitläuftigen Sprüngen, lustigen Clauseln, untermischten Triolen und Trillern u.d.gl. gebildet wird, so bestehet hingegen eine traurige fast aus lauter nahe an einander liegenden, mit Dissonanzen vermischten Intervallen. Die erste davon schicket sich zu einem muntern, die andere hingegen zu einem sehr traurigen Stücke.»⁴⁶
Bevor ich mich dem Hornkonzert von Telemann zuwende, möchte ich den Komponisten selbst über die Aufführung seiner Werke zu Wort kommen lassen: Im Vorbericht seines «Harmonischen Gottes-Dienst...»⁴⁷ gibt er 1725 Musizieranweisungen, welche auch für das Hornkonzert Geltung besitzen. So können wir über nichtnotierte Dynamik lesen, «dass der Anfang eines jeglichen Stückes immer mit zum f. gehöret, wo nicht das p expresse darunter gezeichnet ist».
Vivace ist der erste Satz seines Hornkonzertes überschrieben, was schon zu mancher Diskussion über die Tempofrage führte. In den heutigen Wörterbüchern der Musik bekommt Vivace überwiegend die «Bedeutung von «lebhaft, schnell; im Zeitmass schneller als allegro.»⁴⁸
Riemanns Musiklexikon, Auflage 1967, gibt eine genauere Definition. Vivace wird primär als Charakter- und Affektbezeichnung gekennzeichnet: «Von einem Allegro unterscheidet sich ein V. nicht im Zeitmass, sondern in der Akzentuierung». Telemann selbst gibt folgende Tempobezeichnungen: «Presto, allegro, vivace & c. sehr geschwinde/geschwinde/munter & c.» Also bedeutet das erst an dritter Stelle stehende Vivace ein munteres, nicht zu schnelles Tempo für den ersten Satz des Hornkonzertes. Langsame Sätze werden von Telemann mit «Adagio, Largo, affettuose & c. sehr langsam/langsam/beweglich & c.» bezeichnet.
Johann Joachim Quantz gibt ausführliche Hinweise auf das Tempo: «Das Mittel welches ich zur Richtschnur des Zeitmaasses am dienlichsten befinde... ist der Pulsschlag an der Hand eines gesunden Menschen», welcher als Normaltempo dem MM = 80 entspricht.⁴⁹ Er teilt das Zeitmass in vier Hauptgruppen ein: «Sie sind aus dem gemeinen geraden oder Vierviertheiltacte genommen, und sind folgende: 1) das Allegro assai, 2) das Allegretto, 3) das Adagio cantabile, 4) das Adagio assai».⁵⁰ Nach dieser Klassifizierung ergeben sich für das (A)
A
C = ♩ = 160 MM, ¢ = ♩ = 160 MM Allegro assai
C = ♩ = 80 MM, ¢ = ♩ = 80 MM Allegretto
C = ♪ = 80 MM, ¢ = ♪ = 80 MM Adagio cantab.
C = ♪ = 40 MM, ¢ = ♪ = 80 MM Adagio assai
Zur ersten Gruppe rechnet Quantz «das Allegro di molto, das Presto, usw. Zu der zweyten das Allegro ma non tanto, non troppo, non presto, moderato usw. Der dritten Classe zähle ich zu: das Cantabile, Arioso, Larghetto, Soave, Dolce, Poco andante, Affettuoso, Pomposo, Maestoso, alla Siciliana, Adagio spiritoso, u.d.g. Zur vierten gehören: Adagio pesante, Lento, Largo assai, Mesto, Grave usw.»⁵¹
Als Untergruppe, «eine Art von gemässigtem Allegro, welches gleichsam zwischen dem Allegro assai und dem Allegretto» steht, bezeichnet Quantz ein Tempo, welches «durch Poco allegro, Vivace, oder meistentheils nur Allegro allein angedeutet» ist.⁵² Nach seinen Angaben würde sich im Viervierteltakt ♩ = 120 MM ergeben.
Entsprechende Unterteilungen ergeben sich für die anderen Taktarten.⁵³ In der ersten Gruppe, für den Dreivierteltakt, wenn nur Achtelnotenwerte vorkommen, ♩. = 107 MM, im Dreiachteltakt entsprechend ♪. = 107 MM. Für die Zwischengruppen («gemässigtes Allegro») ergeben sich
- im 2/4-Takt oder schnellen 6/8-Takt ♩ bzw. ♩. = 160 MM,
- im 12/8-Takt, «wenn keine Sechzehntheile vorkommen», ♩. = 160 MM,
- im 3/4-Takt, wenn «die Passagien darinne aus Sechzehntheilen oder eingeschwärzten Triolen bestehen...» ♩ = 160 MM, «wo in den Passagien nur sechs geschwinde Noten, in jedem Tacte, vorkommen» ♩. = 80 MM.
Für ein «Adagio cantabile in Dreyviertheiltacte, da die Bewegung... aus Achttheilen besteht» ergibt sich ♪ = 80 MM. «Besteht aber die Bewegung nur aus Viertheilen» ♩ = 80 MM. Adagio assai, Mesto oder Lento ♪ = 80 MM, gleiches Tempo gilt auch für ein «Arioso im Dreyachttheiltacte». «Ein alla Siciliana im Zwölfachttheiltacte» wird ♪. = 160 gespielt.
Von Interesse sind auch die Definitionen von Johann Gottfried Walther, welcher 1732 in seinem «Musicalischen Lexicon» Vivace als «lebhafft» bezeichnet, Largo ist «sehr langsam, den Tact gleichsam erweiternd... Bey etlichen Auctoribus bedeutet es etwas geschwindere Bewegung, als adagio erfordert».
Leopold Mozart⁵⁴ sieht das Tempo Vivace als «das Mittel zwischen dem Geschwinden und Langsamen». Seine Tempobezeichnungen reichen vom Prestissimo, es «zeiget das geschwindeste Tempo an» über elf Zwischenstufen bis zum Grave als «recht sehr langsam».
Mit einigen wenigen Beispielen möchte ich meine Betrachtungen abschliessen.
Erstes Beispiel für einen weitgehend ausnotierten Satz ist das Largo des Konzertes in D-Dur von Telemann.
In diesem Satz sind nur ganz wenige Stellen zum Auszieren mit Ornamentik oder Elementen der Diminution geeignet. Verwendet habe ich Vorschlag, Mordent, Schleifer und, auf dem Naturhorn besonders leicht spielbar, die Tirata, diese im 6. und 7. Takt an Stelle der Sextensprünge (NB 4).
Beispiel 4
G.Ph. Telemann, Concerto, Largo, in D T. 3-8.
Von Telemann auskomponierte Diminutionen finden wir auch im dritten Satz, wo aus dem aufsteigenden Dreiklang des Orchesters eine Triolengruppe im Solo wird. Im gleichen Satz lassen sich jeweils in den Reprisen «willkürliche Veränderungen» und «wesentliche Manieren» anbringen (NB 5).
Beispiel 5
G.Ph. Telemann, Concerto, Allegro.
Im Hornkonzert (Nr. 1) von Christoph Förster finden wir im ersten Satz «willkürliche Veränderungen» und einige Manieren bereits vom Komponisten eingearbeitet.
Aus einem sequenzartig fortgeführten Dreiklangmotiv, vermutliche Grundform (NB 6A) wird durch Ausfüllen der Terzschritte mit Schleifern im «lombardischen Geschmack», einem Triller und einer geschwinden Tirata (NB 7).
Beispeil 6 und 6A
Ch. Förster, Concerto, Adagio T. 6 ff.
Beispiel 7
Ch. Förster, Concerto, Adagio T. 6 ff.
In den folgenden Takten finden wir ausgeschriebene Diminution (NB 8).
Beispiel 8
Ch. Förster, Concerto, Adagio T. 6 ff.
In Takt 70 wird dem ausgeschriebenen Mordent zwecks Aufweichung der Dissonanz zwischen den Stimmen der 1. Violine und des Solos ein kurzer Vorschlag vorangestellt, ausserdem wird im folgenden Takt in Akkordbrechungen diminuiert (NB 9).
Beispiel 9
Ch. Förster, Concerto, Adagio T. 6 ff.
In den Takten 80 und 81 können die Synkopen noch mit einem kurzen Vorschlag versehen werden (NB 10).
Beispiel 10, 10A, 10B
In zweiten Satz, Adagio, «müssen alle Noten, so zu sagen, caressiret und geschmeichelt, aber niemals mit der Zunge hart angestossen werden: Es sey denn, dass der Componist einige Noten wollte kurz gestossen haben»⁵⁵. Im allgemeinen wird «das Zärtliche des Adagio in getragenen und geschleiften Noten vorgestellet»⁵⁶, es muss unbedingt «singend» gespielt werden. Aus diesem Grunde war es erforderlich, einige Legatobögen zu ergänzen. In den letzten Takten können auch zwei Schleifer angebracht werden (NB 6). Die «Penultima», auf der nur das Trillerzeichen steht (NB 10A) kann mit einem Doppelschlag (Gruppetto) den Triller hinauszögern (NB 10B).