Auch wenn die Bläser der Ansicht sind, dass sie eine alte musikalische Tradition fortsetzen, stimmt dies trotzdem nicht mit der Wahrheit überein, haben sie doch Dampierre Art und überhaupt die Art, wie im 18. Jahrhundert geblasen wurde, vergessen. Genau diese Art und Weise zu blasen möchte ich jedoch gerne wiederzubeleben versuchen unter dem Namen «klassischer Ton» im Gegensatz zum «Weidwerkton» des 19. Jahrhunderts.
Im 18. Jahrhundert war das Parforcehorn nichts anderes als eine grosse Trompete (daher sein französischer Name «la trompe de chasse»), deren Rohr in einem grossen Durchmesser eingerollt war; so konnte man sie an einer Kette um den Hals tragen. Wenn sie auf D gestimmt war, dann deshalb, weil die am Hofe verwendeten Trompeten ebenfalls Trompeten in D waren. Und auch die Technik beim Blasen des Parforcehorns war der Blastechnik, wie sie bei der Barocktrompete üblich war, ganz ähnlich. So haben wir die Möglichkeit, ein ganzes Repertoire neu zu entdecken, das von den Bläsern deshalb vernachlässigt worden ist, weil es nicht dem «Weidwerkton» entspricht; so gibt es z.B. die «24 Nouvelles Fanfares» für zwei Jagdhörner oder zwei Trompeten von Dampierre, die in Vergessenheit geraten sind und die ich in meinem Buch veröffentlicht habe (als Beispiel dafür s. Abb. 1).
Extrait des 24 Fanfares Nouvelles pour 2 cors de chasse ou 2 trompettes, de Dampierre
Dies erlaubt uns, Abwechslung ins Repertoire zu bringen, denn die Jagdfanfaren und der «Weidwerkton» so reizvoll sie im Walde klingen mögen, verlieren im Konzert sehr bald ihren Reiz und werden monoton. Und hier nun gilt es, nach den Anfängen der Geschichte des Horns zu forschen, eine Angelegenheit, die eigentlich jeden Hornisten interessieren sollte. Ich glaube auch, dass es auf diesem Gebiet noch vieles zu entdecken gibt.
Um die Beispiele, die Daniel Bourgue angeführt hat, zu vervollständigen und um auf die verkannten Möglichkeiten des Parforcehorns (das nach allem nichts anderes als ein Naturhorn ist) hinzuweisen, gönne ich mir an dieser Stelle das Vergnügen, die reizende «Invocation» von Tyndare anzuführen. Dieses kurze, für zwei Parforcehörner in D und Orgel geschriebene Stück verlangt die Anwendung «gestopfter Töne». Die sehr helle Klangfarbe des Parforcehorns harmoniert wundervoll mit der Orgel, doch vermag auch das Ventilhorn, trotz seiner dumpferen Klangfarbe, dieser Musik eine erfrischende Einfachheit zu verleihen. (Abb. 2).
Abbildung 2