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Das Pareforcehorn

Das Pareforcehorn

Nachdem ich soeben ein Werk über das Parforcehorn veröffentlicht habe¹, möchte ich direkt an den Artikel von Daniel Bourgue anknüpfen, um von meinen Entdeckungen zu berichten und meine Meinung zu äussern.

Zuallererst ist festzuhalten, dass wir für das, was wir überhaupt vom Parforcehorn wissen, dem Kommandanten de Marolles (1865-1949) zu Dank verpflichtet sind. Gaston de Marolles, der eine militärische Karriere durchlief, war auch ein grosser Liebhaber der Parforcejagd; einen beträchtlichen Teil seines Lebens hat er der Beschaffung von Angaben über das Parforcehorn gewidmet. Leider war er weder Historiker noch Musiker; bei aller Hochachtung vor der von ihm zusammengetragenen reichhaltigen Dokumentation muss man gegenüber seiner Interpretation der Tatsachen doch sehr kritisch eingestellt bleiben.

Er behauptet z.B., dass der «Weidwerkton» («D-Dur-Jagdton») 1723 von dem Marquis de Dampierre erfunden worden sei, dem Intendanten für Hoffeste am Hofe Ludwigs XV. Dabei stützt er sich auf die Erinnerungen des Herzogs de Luynes, wonach «der ganze Hof, als Dampierre blies, in Staunen erstarrt sei» («Lorsque Dampierre eut sonné, tout la Cour s’est étonnée»). Da die Herkunft des «Weidwerktons» bis zu seiner Zeit noch nicht geklärt war, schloss Gaston de Marolles daraus, dass allein Dampierre sein Erfinder sein konnte und dass diese Hypothese einwandfrei mit dem Zitat von de Luynes übereinstimme.

Meiner Meinung nach liegt die historische Wahrheit woanders, wie ich dies schon in meinem Buch dargelegt habe. Dampierre kann den «Weidwerkton» nicht erfunden haben, und zwar aus mehreren Gründen:

— Der «Weidwerkton» beruht wesentlich auf einer Dynamik der dem Parforcehorn eigenen Artikulation und Phrasierung. Daniel Bourgue macht dabei eine vollkommen gerechtfertigte Annäherung an den Jazz (die ich in meiner Studie selber auch unternommen habe, ohne dass wir uns je darüber unterhalten geschweige abgesprochen hätten). Es ist nur schwerlich einzusehen, wie Dampierre mitten im Barock ex nihilo einen völlig neuen Stil, der eine sehr spezifische Spieltechnik erfordert, hätte erfinden und einführen können.

— Die von Dampierre komponierten Fanfares enthalten Triller, die bei gewissen Noten oberhalb derselben mit «+» notiert sind, vor allem auf Finales². Es ist nun ausgeschlossen, auf diesen Positionen den tayau, den für den «Weidwerkton» charakteristischen Zungenschlag, auszuführen.

— Die erste Erwähnung des tayau findet sich in einer Beschreibung des Parforcehornspiels von 1804, stammt also aus einer wesentlich späteren Zeit, als Dampierre selber gelebt hat. Diese Spieltechnik wurde erst gegen 1830/1840 allgemein üblich.

— Wenn «der ganze Hof in Staunen erstarrt ist», dann deshalb, weil in jener Zeit das Amt des Musikanten nur von Bedienten ausgeübt wurde und weil Dampierre, eben idem er, ein adliger Abkömmling, auf dem Parforcehorn blies, Staub aufwirbelte. Im klassischer Französich hatte das Wort «étonner» eine stärkere Bedeutung als heute und besagte wörtlich «die Wirkung eines Donners erzielen». Hätte Dampierre wirklich den «Weidwerkton» erfunden, hätte er nämlich auch einen Überraschungseffekt geschaffen, doch allein ein gesellschaftlicher Skandal vermochte wie ein Donnerschlag den ganzen Hof zu erschüttern.

Auch wenn die Bläser der Ansicht sind, dass sie eine alte musikalische Tradition fortsetzen, stimmt dies trotzdem nicht mit der Wahrheit überein, haben sie doch Dampierre Art und überhaupt die Art, wie im 18. Jahrhundert geblasen wurde, vergessen. Genau diese Art und Weise zu blasen möchte ich jedoch gerne wiederzubeleben versuchen unter dem Namen «klassischer Ton» im Gegensatz zum «Weidwerkton» des 19. Jahrhunderts.

Im 18. Jahrhundert war das Parforcehorn nichts anderes als eine grosse Trompete (daher sein französischer Name «la trompe de chasse»), deren Rohr in einem grossen Durchmesser eingerollt war; so konnte man sie an einer Kette um den Hals tragen. Wenn sie auf D gestimmt war, dann deshalb, weil die am Hofe verwendeten Trompeten ebenfalls Trompeten in D waren. Und auch die Technik beim Blasen des Parforcehorns war der Blastechnik, wie sie bei der Barocktrompete üblich war, ganz ähnlich. So haben wir die Möglichkeit, ein ganzes Repertoire neu zu entdecken, das von den Bläsern deshalb vernachlässigt worden ist, weil es nicht dem «Weidwerkton» entspricht; so gibt es z.B. die «24 Nouvelles Fanfares» für zwei Jagdhörner oder zwei Trompeten von Dampierre, die in Vergessenheit geraten sind und die ich in meinem Buch veröffentlicht habe (als Beispiel dafür s. Abb. 1).

Extrait des 24 Fanfares Nouvelles pour 2 cors de chasse ou 2 trompettes, de Dampierre

Extrait des 24 Fanfares Nouvelles pour 2 cors de chasse ou 2 trompettes, de Dampierre

Dies erlaubt uns, Abwechslung ins Repertoire zu bringen, denn die Jagdfanfaren und der «Weidwerkton» so reizvoll sie im Walde klingen mögen, verlieren im Konzert sehr bald ihren Reiz und werden monoton. Und hier nun gilt es, nach den Anfängen der Geschichte des Horns zu forschen, eine Angelegenheit, die eigentlich jeden Hornisten interessieren sollte. Ich glaube auch, dass es auf diesem Gebiet noch vieles zu entdecken gibt.

Um die Beispiele, die Daniel Bourgue angeführt hat, zu vervollständigen und um auf die verkannten Möglichkeiten des Parforcehorns (das nach allem nichts anderes als ein Naturhorn ist) hinzuweisen, gönne ich mir an dieser Stelle das Vergnügen, die reizende «Invocation» von Tyndare anzuführen. Dieses kurze, für zwei Parforcehörner in D und Orgel geschriebene Stück verlangt die Anwendung «gestopfter Töne». Die sehr helle Klangfarbe des Parforcehorns harmoniert wundervoll mit der Orgel, doch vermag auch das Ventilhorn, trotz seiner dumpferen Klangfarbe, dieser Musik eine erfrischende Einfachheit zu verleihen. (Abb. 2).

Abbildung 2

Abbildung 2

L’Art de la Trompe, Tassin-la-Demi Lune 1982.

² Riemann, Musiklexikon, «Tonsystem»: die «Finales» sind das d, e, f und g der kleinen Oktave (Anm. d. Übers.).

Brass Bulletin 39, III / 1982 Seiten 45–47

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