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Wynton Marsalis
Interview
Wynton Marsalis
Am Jazz-Festival von Montreux hat BRASS BULLETIN diese aussergewöhnliche Persönlichkeit, dieses grosse Talent getroffen. Seine Trompete ist das Werkzeug eines Gehirns von ausserordentlicher Klarheit...
Hotel Palace, Montag, 13. Juli 1987, 17 Uhr. Die Hotelhalle ist überschwemmt von den Musikern der Big Band, die Jon Faddis anlässlich des 70. Geburtstages von Dizzy Gillespie zusammengestellt hat und soeben angekommen ist. Dizzy, müde, aber souverän, durchmisst die Halle in allen Richtungen, während Jon Faddis, strahlend, sich um den Grossvater des Bop kümmert. Herrliche Stimmung... Auf unsere Bitte ruft die Telefonistin. Zimmer 314, wohin sich Wynton Marsalis vor einigen Minuten begeben hat. Der erste Kontakt ist schwierig...
Wynton Marsalis: Ich gebe keine Interviews mehr. Man kann der Presse nicht mehr trauen. Sie deformiert, vereinfacht, verändert alles, um die Auflage zu erhöhen und Streitigkeit unter den Musikern zu schaffen. Ich habe genug!...Ah! BRASS BULLETIN?... Gut, das ist etwas anderes. Kommen Sie herauf!
Ein Knabe von zwölf Jahren öffnet uns die Türe. Es ist der jüngste der fünf Söhne von Ellis Marsalis. Ein früh ernstes Gesicht. Auf dem Bett liegen Schlagzeugstöcke und ein Übungspolster. Den grossen Bruder auf der Reise zu begleiten heisst sich schon mit der Musik vertraut machen, mit dem Rhythmus, überall, unter allen Umständen... Der Empfang ist herzlich. Wir lassen uns auf einer kleinen Terrasse nieder. Die Diskussion beginnt.
BRASS BULLETIN: Was fangen Sie mit Ihren ausserordentlichen Begabungen an?
W.M.: Ich versuche, eine Etappe nach der anderen zurückzulegen, langsam, vorsichtig!
(Die Basis ist gegeben. Entspannt, aber konzentriert. Das Auge von Wynton Marsalis mustert den Gesprächspartner, schätzt ihn ein. Man wird seine Zeit nicht mit Oberflächlichkeiten verbringen...)
Gegenwärtig besteht mein grösstes Problem darin, die wesentlichen Grundlagen des Jazz zu entdecken, daran zu arbeiten und sie zu verdauen. Meine Generation hat den vitalen Kontakt mit dem Jazz verloren zugunsten von oberflächlichen und demagogischen Musiksparten, die nur oberflächliche Bewegungen auslösen. Wir befinden uns wieder im Mittelalter, in einer Zeit der Dunkelheit... Das Wissen wurde damals nur in Klöstern verwahrt. Ich versuche — ein wenig wie die Humanisten der Renaissance — die Grundlagen einer korrekten Erziehung wieder zu finden, um die wirkliche Essenz dieser Musik, die heute fast verstümmelt und vergessen ist, zu entdecken...
B.B.: Bedeutet dies, dass es Lücken in der Ausbildung gibt?
W.M.: Sicherlich bestehen gravierende Ausbildungslücken. Wenn Clifford Brown, Miles Davis grosse Schulen besucht haben und dort das nötige musikalische Material erhielten, so erhielten sie doch in ihrem Leben die nötige Substanz, weiterzugehen. Es braucht beide Quellen! Ohne die profunden musikalischen Kenntnisse, die er erwarb, wäre Beethoven nur eine interessante Persönlichkeit gewesen, aber keinesfalls ein genialer Komponist. Wir berühren hier ein grundsätzliches Thema.
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Brass Bulletin 59, III / 1987 Seiten 64–68
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