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Die Trompete als Führungsstimme im Jazzorchester

Geistige und körperliche Anforderungen

Wenn es auch in jedem Land Hunderte von Berufstrompetern gibt und Dutzende von begabten Solisten, so findet man doch relativ wenig wirkliche Führungstrompeter in den Jazzorchestern. Es ist eine schwere Rolle. Wenn einem die Aufgabe zum ersten Male gestellt wird, muss man sich bewusst sein, dass man sich mit unendlich viel mehr als nur mit Noten auseinanderzusetzen hat. Als erstes steht die Musik, mit all ihren Markierungen von pp bis fff, und als führende Stimme hat man diese ganze Dynamik in Form von lebendiger, aufregender Brillanz auf das ganze Orchester zu übertragen. Musikalische Auffassung und ihre Übertragung sind also wichtiger als Noten.

Ausserdem hat der Führungstrompeter jedes Stück bei jeder Aufführung (auch wenn es das hundertste Mal ist) lebendig, neu, ja: besser zu gestalten. Tut er das nicht, so verflacht nicht nur sein Spiel, sondern das vom ganzen Orchester und die Aufführung wird das Publikum nicht begeistern. Spannung und Erregung sind überaus wichtige Elemente im Jazz-Konzert, sie werden vom Führungstrompeter erzeugt, womit er sich quasi mit dem Orchester-Leader identifiziert. Er muss seine Kraft und seine Persönlichkeit einsetzen und dennoch stets für die Schwierigkeiten der anderen Spieler Verständnis haben. Er muss seine Leute in taktvoller und mitfühlender Weise instruieren und dadurch die Anerkennung seiner Führungsposition erlangen.

Jeder, der die Führungsstimme im Jazzorchester übernehmen will, muss über verschiedenartige Reserven verfügen, die er, wenn nötig, einsetzen kann. Da wären z.B.: Führungseigenschaften, Begeisterung, Inspiration, er muss interpretieren können und musikalischen Instinkt und Geschmack haben. Dies alles muss er zunächst auf seine direkte Gruppe, sodann auf das gesamte Orchester ausstrahlen. Der Schlagzeuger ist für den Führungstrompeter die wichtigste Person: sie müssen, sowohl was Phrasierung und Klangfarbe wie Auffassung und Interpretation betrifft, vollkommen übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, so entsteht Chaos.

Erstrebt man die Stellung eines Führungstrompeters im Jazzorchester, so ist Folgendes a priori erforderlich: man muss fest entschlossen und von guter Gesundheit sein, muss viel innere Kraft und einen guten Lehrer haben, ausserdem braucht es viel Erfahrung sowohl im Zuhören wie im Spielen von Jazzmusik. Zur Erlangung der nötigen Spannweite und Ausdauer auf dem Instrument braucht es extra Arbeit — auch ist die Wahl von Instrument, Mundstück usw. ausserordentlich wichtig, damit man es sich im hohen Register so leicht wie möglich machen kann.

Sehr wichtig sind auch die Übungen* zur Entwicklung der Luftbewegung innerhalb des Instrumentes, die zur grösstmöglichen Kapazität gebracht werden sollte. Atem, Artikulierung und Phrasierung sollten allesamt dazu beitragen, schlussendlich Musik zu erzeugen, nicht bloss eine Reihe von Tönen. Natürlich wird es nicht allen Spielern gelingen, das Ideal zu erreichen, aber sie können nahe dran kommen, wenn sie gut zuhören und wenn sie versuchen die allgemeingültigen Regeln für jeden Musiker zu befolgen, die auch für einen Führer gelten.

In den letzten zwanzig bis dreissig Jahren haben die kommerziellen Spieler den Stimmbereich der Trompete bis weit über das Normale (wir sagen: Textbuch-Limite) ausgedehnt: sie spielen in einem Register, an das sich der klassische Spieler niemals wagen würde und tun es mit reiner Gewalt. Man ist sich darüber einig, dass das Trompetenspiel enorm viel physische Kraft erfordert und dies gilt ganz besonders für das Spiel in den höchsten Lagen, wie es der Führungstrompeter macht.

William Whitworth sagt darüber in seinem Artikel «Profiles» (New Yorker Magazine): «Die Führungsspieler werden als eine Elite betrachtet, weil ihre Aufgabe so besonders schwierig ist.»

* Siehe «The Art of Playing Lead Trumpet», von G. Stuart.

Brass Bulletin 10, I / 1975 Seiten 43–47

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