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Eine kleine Trompetenmusik

Eine kleine Trompetenmusik

Bei den Proben schon hatte ich zur D-Trompete gegriffen, um die hohen A zu bezwingen. Nicht, dass sie etwa auf der C-Trompete sehr problematisch gewesen wären, aber das Risiko schreckte mich ab. Entspannung, Yin und Yang, Yoga, Whisky, Betablocker... ich hatte alles versucht. Am Schluss blieb doch nur der gute alte Mut übrig.

Beim zurechtrücken des Fracks im Stimmzimmer spürte ich, wie dieses blöde Schwindelgefühl mich wieder überwältigte.

Zwar hatte ich meine Lippen gut vorbereitet. Bei den Proben und auch zu Hause waren die A’s, und auch die nächsthöheren Töne, die immer so heikel anzublasen sind, leicht wie Seifenblasen gekommen.

Meine Kollegen, fröhlich und anscheinend entspannt, schienen mir plötzlich fern und irreal. Der Beifall des Publikums begleitet unseren Auftritt auf dem Podium. Ich setze mich bequem auf meinem Stuhl zurecht und lege die Trompete auf die Knie. Der Dirigent, alert, bahnt sich einen Weg durch das Orchester und springt aufs Podium. Ich spreche mit mir selbst, fast laut: «Pass auf, dieser da fängt sofort an, sobald er das Publikum begrüsst hat!»

Wozu hat Mozart diese verflixten A’s geschrieben? Wenn sie richtig gespielt werden, bemerkt sie kein Mensch, und wenn man sie verkiekst, hört es der ganze Saal! Meine Brust zerspringt fast. Dieses Tam-tam mache ich nun schon seit zwanzig Jahren mit, und jedes Mal sage ich mir: «häng diesen Beruf an den Nagel, Du wirst noch zugrundegehen daran...» Die ersten Töne haben gut angesprochen. Jetzt kommen 58 Takte tacet. Die Entspannung. Ich zähle etwas schläfrig die Zehnerblöcke. Kein Problem mit dem nächsten Einsatz. Routine. Ich spüre meine Lippen gut heute Abend. Der Dirigent beachtet mich nicht. Um so besser! Zerstreut streift mein Blick durchs Publikum. Anonym, aufmerksam und konzentriert. Der enge Kontakt meiner Lippen mit dem Mundstück beruhigt mich etwas. Sie fühlen sich geschmeidig an.

Die Musik ist schön.

Plötzlich wird mir bewusst, dass ich aufmerksam zuhöre. Meine Freunde im Orchester spielen herrlich gut heute Abend. Ich habe grosse Lust, mitzumachen, zu spielen. Die Zeit steht still, das Lampenfieber ist weg. Ich gehöre zum Ganzen, und das Ganze trägt mich mit. Ich spreche nicht mehr mit mir selbst, meine Gedanken sind direkt, vom Wort befreit müssen sie sich nicht mehr an den Umweg der Sprache halten. Jeder Ton wird durch mich dosiert, gesetzt, abgestimmt, betont, zurückgehalten, entflammt, gelöscht...

Der Dirigent hat längst keinen Namen mehr, meine Kollegen auch nicht. Die Musik hat keinen Titel mehr, keinen Komponisten. Nur noch diese stille Sammlung und das Tongebäude, das daraus wächst, von unseren mitschwingenden Instrumenten zum Leben erweckt.

Nach dem Abebben des Beifalls habe ich mich langsam auf den Heimweg gemacht, habe sorgfältig meine schöne Trompete in ihrem Samtetui versorgt. Mit einigen guten Kollegen habe ich an der Ecke einen Schlummerbecher genommen, vor der Heimkehr. Die Nacht war schön, ich war glücklich, Musiker zu sein und begriff einmal mehr, warum ich es hatte werden wollen. Das Tam-tam hatte funktioniert.

Anmerkungen

¹ Ich habe eine Reihe «kleiner Geschichten aus dem Leben eines Blechbläsers» geschrieben mit dem Ziel, durch eine Anekdote die Schlüsselmomente wiederzugeben, die jeder Blechbläser einmal erlebt hat. Ich habe mich dabei frei inspirieren lassen von Berichten und Geständnissen vieler Kollegen und Freunde und auch von meinen eigenen Erfahrungen. Natürlich sind alle dieser Erzählungen fiktiv.

Brass Bulletin 50, II / 1985 Seiten 81–83

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