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Paolo Longinotti (1913-1963)
Seine Karriere
Paolo Longinotti
Paolo Longinotti war einer der grössten Trompeter seiner Zeit. Er gehörte zu jener Gruppe ausserordentlicher Künstler, die allein durch ihr Talent und ihre Persönlichkeit grosses Gewicht haben. Er war Solotrompeter im Orchestre de la Suisse Romande (Nachfolger von Francis Bodet ab 1949) in der Aufbauzeit dieses Orchesters — einer der wichtigen Eckpfeiler des Orchesterinstrumentes von Ernest Ansermet.
Paolo Longinotti war ein eigentlicher Orchestertrompeter. Er hat deswegen relativ wenig Solokonzerte aufgenommen. Hingegen kann man ihn in der grossen Reihe von Aufnahmen hören, die das OSR mit Ansermet zwischen 1940-60 gemacht hat.
Paolo wurde am 6. November 1913 in Bellinzona, Tessin, in der Schweiz geboren. Mit sechs Jahren erhält er ersten Klavierunterricht bei Maestro Casagrande. Sein Vater, Ercole Longinotti (Mitbegründer der Eisenbahnermusik Bellinzona) bringt ihm die Anfangsgründe des Solfège und der Trompete bei und weckt in ihm die Liebe zur Musik. Von zwölften Lebensjahr an lernt er Solfège bei Prof. Fasolis und Geige bei Prof. Bertoni in Lugano. Er lernt auch weiterhin Trompete bei den Lehrern Mattey und Ombra. Nach einer Lehre als Zahntechniker (er erhält sein Diplom 1933) wird die Leidenschaft für die Musik sein Schicksal bestimmen. Am Genfer Konservatorium erhält er in der Klasse von Prof. Dupont, dessen Stunden er selten besucht, ein Solistendiplom mit besonderer Auszeichnung. Er lernt die Musiktheorie mit den Lehrern Jules Ph. Godard und Alexandre Dénéréaz in Lausanne.
Seine erste Stelle als Solotrompeter erhält er am 1. Juni 1933 beim Orchester von Radio Lausanne. Vom 31. März 1935 bekleidet er den selben Posten im Orchester von Radio Suisse Romande, welches damals neu gegründet wurde und am 30. September 1938 wieder aufgelöst wurde. Zu diesem Zeitpunkt wird er zum ersten Mal erster Trompeter in Ernest Ansermets Orchestre de la Suisse Romande.
1942 verlässt er Genf, um nach Zürich zu gehen, wo das Tonhalle-Orchester ihm eine bessere Stelle anbietet. Daneben wird er 14 Saisons hindurch Solotrompeter des Luzerner Festspielorchesters sein, unter den grössten Dirigenten seiner Zeit: Toscanini, Furtwängler, Schuricht, Karajan, Bruno Walter, Clemens Krauss, Knappertsbusch, Sabata, Markevitch, Dobrowen und vielen andern, die alle sein schönes Spiel bemerkten und schätzten.
In Zürich vervollkommnet er sich in Komposition mit Prof. Müller und nimmt Dirigierunterricht bei Paul Klecki in Luzern.
1948 verlangt Ernest Ansermet von seiner Verwaltung, Paolo Longinotti von Zürich nach Genf zu berufen, als Stimmführer im OSR. Die Verhandlungen dauern bis im März 1949. Longinotti unterschreibt einen Vertrag, der ihm als «Erstem Solotrompeter» SFr. 800.- im Monat und vier Wochen bezahlte Ferien garantiert. Das ist der Höhepunkt seiner Karriere. Das Orchester ist auf dem Gipfel seines Ruhms.
1950 machen ihm die Berliner Philharmoniker ein konkretes Angebot. Man bietet ihm, damals, zu Furtwänglers grossen Zeiten, DM 950.- pro Monat. Er müsste nur die Konzerte spielen, und man lockt ihn mit zahlreichen möglichen Zusatzverdiensten.
Der Brief des Verwalters Fischer schliesst mit dem Wunsch, das Angebot vertraulich zu behandeln. Paolo Longinotti verzichtet auf das Angebot, denn «in dieser Stadt Berlin gibt es nicht genug sonnige Terrassen zum Kaffeetrinken! und ausserdem ist das Tessin zu weit weg!»
Zu jener Zeit (vor dem Auftauchen Adolf Scherbaums) ist Longinotti einer der wenigen grossen Spezialisten der kleinen Trompete. Der Mangel an Trompetern, die fähig waren, das 2. Brandenburgische Konzert von Bach zu blasen, führte dazu, dass man Sopransaxophonisten (!)¹ und Klarinettisten engagierte, um die Partie auszuführen. Kein Wunder, dass man sich einen Longinotti in Europa aus den Händen riss².
Er wird das schwierige Werk über vierzig Mal aufführen und einige Aufnahme machen, die durch ihre Musikalität, welche durch die technische Bravourleistung hindurchschimmert, beeindruckt.³
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Brass Bulletin 47, III / 1984 Seiten 58–69
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