100 Jahre Kuhlo-Posaunenbuch
Zum 125. Geburtstag und 40. Todestag Johannes Kuhlo's
Von Wilhelm Ehmann
Unerwartet ist ein Nachlaß Kuhlos aufgetaucht: Notenabschriften, musikalische Skizzenbücher, handschriftliche Liedersammlungen, Erstdrucke, Programme, Briefe, Notizen u. a. m., ein riesiger Wust, ungeordnet und vorläufig unübersehbar.
Beim Durchstöbern dieser äußerst aufschlußreichen Dokumente aus den Händen mehrerer Generationen, die das Sänger- und Bläserchorwesen im Ravensberger Land errichteten — mit ungeahnter Auswirkung auf Westfalen, Deutschland und darüber hinaus —, stieß ich auf das erste «Posaunenbuch» mit dem Editionsvermerk «Gütersloh 1881». Dieses Buch ist also gerade 100 Jahre alt geworden. So mag eine Skizze über seine Entstehung und seine Beschaffenheit als dankerfüllter Beitrag für das Kuhlo-Jahr gelten.
Eine erste Auswertung des Archivs. Singen und Blasen brachen zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge auf innerhalb der neupietistischen Erweckungsbewegung. «Verlegenheit um's Seligwerden» war der Anstoß. «Bibel-Bauern» (Kuhlo) sammelten sich um Bibel und Gesangbuch. Das Singen ging dem Blasen voraus.
Als vorpreschende Träger galten die «Jünglings- und Jungfrauen-Vereine» unter der Leitung von Eduard Kuhlo, Pfarrer im dörflichen Gohfeld, nahe Herford und Bad Oeynhausen gelegen. Es ist ein Kennzeichen einer «Bewegung», daß sie gleichsam plötzlich «vom Himmel fällt»; niemand ist darauf vorbereitet, am wenigsten auf ein mehrstimmig geordnetes Singen und Blasen. Wie kommt man an die Noten?
Schon als Hauslehrer der Familie von Laer auf dem Landgut Oberbehme — mit einem schmucken Wasserschlößchen nach westfälischer Bauart, vor den Toren Herfords — hatte der junge Theologe eine Sammlung mehrstimmiger Gesänge begonnen, gemeinsam mit der Tochter des Hauses, seiner Verlobten (signiert: «E. Kuhlo, Ida v. Laer, Oberbehme 1851»). Die systematische Anlage geht von «Chorälen» über «Geistliche Volks- und Kinderlieder» und «Geistliche Gesänge» bis zu (Klavier-)«Liedern» von Schubert und Mendelssohn, wobei der Sammler seine Braut zum Sologesang begleitete.
Oft sind schriftliche oder mündliche Quellen verzeichnet. So brachte der Lied-Fahnder gregorianische Psalmodie-Modelle aus dem missionarischen Zentrum Hermannsburg mit (mehrstimmig), «für die Nebengottesdienste». Ein zweiter Sammelband Eduards bezieht sich unmittelbar auf die blasenden Chöre: «Partitur für den Posaunenchor zu Gohfeld, angefangen im Herbst 1867» (signiert: «E. Kuhlo, Pastor in Gohfeld»).
Die Posaunenchöre waren durch den Erweckungsprediger Heinrich Volkening von dem Dorfe Jöllenbeck aus (nahe Bielefeld) ins Leben gerufen worden. Sie sollten das Singen bei den zahlreichen Treffen erweckter Kreise auf den großen Bauernhöfen stützen, die sich als Meyer-Höfe aus der Gefolgschaft des legendären Sachsenherzogs Wittekind herleiten (früheste Erwähnung: Meyer zu Bexten). Dazu legte Kuhlo das in Westfalen gebräuchliche «Choralbuch für ev. Kirchen, 4 stg. gesetzt und mit Vor- und Zwischenspielen versehen von C. H. Rinck» (zuerst erschienen Essen 1829) zugrunde, welches der Enkelschüler Bachs auf Veranlassung des Konsistoriums in Münster (Natorp) verfaßt hatte.
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