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Die polyphone Posaune

Ein Vorschlag zur Notation

Die polyphone Posaune

Es ist im gegenwärtigen Komponieren die Tendenz zu beobachten, auch reine Melodieinstrumente polyphon zu behandeln. Bei den Bläsern geht es dabei weniger um die Verwendung der sogenannten Multiphonics, als vielmehr um das Bestreben, die verschiedenen Komponenten der Tonerzeugung so zu differenzieren, dass auch im Bereich realer Einstimmigkeit eine Polyphonie der Linie entsteht. Das wird im einfachsten Fall schon dann erreicht, wenn etwa zwei verschiedene Vibrato-Arten (Lippen/Zug oder Zug/Zwerchfell) rhythmisch unabhängig voneinander geführt werden. Taucht so eine Kombination nur vereinzelt auf, kann das Gewünschte durch Zusätze zur normalen Notation unschwer angedeutet werden. Dies ändert sich jedoch, wenn die bewusste und permanente Verwendung polyphoner Kombinationen zur Grundlage von Komposition und damit auch von Interpretation wird.

Eine Spezialnotation ist ab dem Moment unverzichtbar, da das Anblasen der Obertöne und die Veränderungen der Züge als rhythmische Zweistimmigkeit realisiert werden sollen. Wenn keine festen Zugpositionen beim Anspielen bestimmter Obertöne angenommen werden können, können auch keine absoluten Tonhöhen notiert werden. Die beiden Komponenten der Tonerzeugung sind daher konsequent zu trennen. Dafür sei folgendes System vorgeschlagen:

A) Für die Züge wird ein dreiliniges System eingeführt, auf dem Positionen und Positionswechsel in rhythmisch fixierter (oder auch graphisch andeutender) Form eingetragen werden können. Die Verwendung des Glissando-Striches erlaubt dabei die Unterscheidung zwischen quasi «normalem», schnellem Wechsel und kontinuierlichem Übergang. Die davon eventuell unabhängige Verwendung der Ventile wird auf einer tieferliegenden, gestrichelten Hilfslinie angezeigt.¹ (Notenbeispiel 1).

Notenbeispiel 1

Notenbeispiel 1

B) Das System für die Obertöne befindet sich unter dem für die Züge. Es empfiehlt sich, hier das normale Fünfliniensystem beizubehalten, darin jedoch nur die Obertonrelationen zu notieren. Hier schlage ich als vereinheitlichende Lösung vor, vom Grundton B¹ des Instrumentes auszugehen und die Obertöne dem System so zuzuordnen, dass der achte Partialton über B¹ (= c²) der Linie zugeordnet wird, die sonst das c¹ des Tenorschlüssels bestimmt. Ein spiegelverkehrter Tenorschlüssel mag diese Beziehung andeuten; ferner sei zum Zeichen, dass hier nur eine relative, von der Zugposition abhängige Tonhöhenfestlegung vorliegt, eine rhombische Notenform gewählt. (Notenbeispiel 2)

Notenbeispiel 2

Notenbeispiel 2

Die Kombination dieser beiden Systeme lässt nun jede spieltechnische Möglichkeit klar notieren. Ein kleines Stichnotensystem kann zusätzlich an geeigneten Stellen durch Angaben über die momentane absolute Tonhöhe Orientierungshilfe bieten. Weitere Spielvorschriften können problemlos in die Grundnotation integriert werden. Dabei sollte man in der Regel darauf achten, dass alles, was Lippen/Atem betrifft dem System (B), alles was Bewegungsvorgänge betrifft, dem System (A) zugeordnet wird. Konkret heisst das, zu System (A) gehört:

a) Zug-Vibrato
b) Ventil-Aktivitäten (V.-Triller)

Zu System (B) gehört:

c) Zwerchfell-Vibrato
d) Flatterzunge
e) Triller zwischen Obertönen
f) Blasgeräusche
g) Singen ins Instrument (auf Stichnoten-System)

Die Verwendung weiterer Hilfslinien dürfte sich weitestgehend vermeiden lassen. Wo sie sich als unabdingbar erweisen — wie zur rhythmisch eigenständigen Verwendung eines auf Stativ montierten Dämpfers (h) — können sie bequem ober- oder unterhalb der Hauptsysteme angebracht werden.

Das abschliessende Notenbeispiel zeigt anhand zweier Takte aus meiner Komposition «Cercar» (1983) für Posaune solo, dass das vorgeschlagene Notationssystem auch in relativ komplexen Situationen ein übersichtliches Notenbild gewährleistet.² (Die kleinen Buchstaben beziehen sich auf die oben erwähnten Spieltechniken.) (Notenbeispiel 3)

Notenbeispiel 3

Notenbeispiel 3

Anmerkungen

¹ Die Frage, ob bei asynchronem Ventil/Zug-Gebrauch von B oder F bzw. E Positionen auszugehen ist, wäre vom Komponisten jeweils festzulegen.

² «Cercar» für Posaune und die auf teilweise identischem Material beruhende Komposition «Am Ende des Kanons» für Posaune und Orgel sind in der Edition Gerig (Köln) erschienen. Die Wiedergabe des Notenbeispiels erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Brass Bulletin 45, I / 1984 Seiten 31–33

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