Wunderpille gegen Lampenfieber?
Von Wilfried Buck
Wer kennt sie nicht, die Angst des Tormanns beim Elfmeter, die des Posaunisten beim Boléro, des Trompeters beim Zarathustra oder die des Hornisten bei der Pathétique. Lampenfieber ist weit verbreitet und soll schon manche große Karriere auf dem Gewissen haben.
Dabei ist es eine ganz normale Antwort des Körpers auf ungewöhnliche, plötzlich auftretende Belastungen. Physiologisch gesehen werden die lebenswichtigen Funktionen unseres Körpers durch das vegetative, vom menschlichen Willen unabhängige Nervensystem in Gang gehalten und den Bedürfnissen angepaßt.
Wenn uns aus irgendwelchen Gründen, etwa wegen eines allgemein hörbaren schwierigen Einsatzes bei einem Musikstück, die Angst packt, wird durch ein Signal aus dem Gehirn das Hormon Adrenalin freigesetzt und an bestimmten Nervenendigungen eines Teils des vegetativen Nervensystems ausgeschüttet. Eine Empfangsstelle in dem jeweiligen Organ (Herz, Haut, etc.) nimmt das Adrenalin auf, wodurch das Organ in einer festgelegten Weise reagiert. Das Herz schlägt schneller, die Schweißdrüsen laufen auf Hochtouren, die Pupillen werden weitgestellt etc.
Wir bemerken den schnellen Puls, die feuchten Hände und haben Angst, was die körperlichen Reaktionen noch weiter anheizt. Daraus resultiert häufig ein unfreiwilliges Vibrato oder ein verpatzter Einsatz.
Man kann diese Streßreaktion entwicklungsgeschichtlich als sinnvolle Schutz- bzw. Fluchtreaktion deuten. Für den Bläser ist sie jedoch meist unwillkommen.
In letzter Zeit mehren sich Nachrichten über eine Wunderpille gegen Nervosität. Bekanntesten ist Valium. Dabei handelt es sich um Beruhigungsmittel mit dem enormen Nachteil, daß man schläfrig, vor allem aber distanzlos und wenig selbstkritisch wird. Jedenfalls kratzt einen der verstochene Ton nicht mehr.
Auch Alkohol wird wegen seiner allgemein dämpfenden Wirkungen gern und häufig von Bläsern konsumiert. Manche sollen dabei zum Alkoholiker geworden sein. Sie blasen jetzt stressfreier, aber bestimmt nicht besser.
Die «neue» Wunderwaffe, die sogenannten Beta-Blocker, besitzen demgegenüber zwei deutliche Vorzüge: sie erzeugen keine körperliche Abhängigkeit und bewirken keine Beeinträchtigung wichtiger Hirnfunktionen. Sie reduzieren lediglich die körperlichen Streßreaktionen, in erster Linie den schnellen Herzschlag.
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