– Ich muss bald zurückkehren, aber bitte, erzählen Sie mir schnell, was in der Welt der Blechbläser dieses Jahr passiert!
– Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, Meister... Miles Davis ist nach elfjähriger Pause wieder am Jazzfestival in Montreux aufgetreten. Zwei Konzerte, eine Gage von 100’000.- Schweizer Franken, ein Riesenerfolg, errungen mit dem Rücken zum Publikum — ein herrlicher Schwanengesang für einen gesundheitlich schwer angeschlagenen Trompeter. Michel Becquet und sein Pariser Posaunenquartett verblüffen durch eine Perfektion und eine Musikalität, die auf diesem Instrument selten anzutreffen sind. Peter Hirsbrunner hat 60 Tuben in die ganze Welt geliefert, während der ersten 6 Monate des Jahres, und man sagt, dass die Gold wert sind. Alle grossen Instrumentenmacher vervollkommnen ihre Instrumente mit Hilfe der modernsten Technologie, was aber die kleinen Handwerker nicht daran hindert, die Ansprüche unserer grössten Virtuosen zu befriedigen. Der zweite internationale Blechbläserkongress hat in Bloomington, Indiana stattgefunden. Die meisten der 1500 Teilnehmer erlitten eine Blech-Überfütterung, da das unglaublich reichhaltige Menu (Konzerte, Vorträge, Ausstellungen, Diskussionen usw.) übermenschliche Aufnahmefähigkeit verlangte. Bei dieser Gelegenheit scheint der Trompeter Doc Severinsen mit seiner Kunstfertigkeit einstimmige Bewunderung gefunden zu haben. Schwierig zu verstehen, warum ein derartiger Künstler in Europa nicht bekannter ist.
Arban scheint nicht wirklich zuzuhören. Ich habe den Eindruck, dass all diese Namen ihm nichts sagen. Dennoch bleibt er fragend. Ich fahre fort, um nicht ein lastendes Schweigen aufkommen zu lassen:
– Der Hornist Hermann Baumann und der Trompeter Roger Delmotte (dessen Talent und pädagogische Kenntnisse endlich anerkannt werden) sind allgegenwärtig in Europa für Kurse und Konzerte. Auf der ganzen Welt halten die Blechbläser Seminare, Sommerkurse, Festivals ab. Verrückt, wie diese Blechbläser arbeiten.
Arban taucht plötzlich aus seinem Halbschlaf auf:
– Sie haben recht, völlig recht! Man muss ausnützen, wenn die Geschäfte laufen! In meiner Jugend lebten wir inmitten einer allgemeinen Gleichgültigkeit. Die Zeiten waren schwierig.
Ich fülle sein Glas, das er wie ein Grossbürger elegant zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Er hebt ostentativ seinen Ringfinger, um einen grossen Ring mit einem eindrucksvollen Diamanten aufblitzen zu lassen.
– Fahren Sie bitte fort.
– In Amerika sind die Solobläserstellen der grossen Orchester Gegenstand unglaublicher Handeleien. Man kämpft mit Zähnen und Klauen darum... Der Budapester Wettbewerb ermöglichte es den jungen Trompetern des Ost- und Westblocks, sich zu messen. Das Blechbläserquintett von Guy Touvron feiert seinen zehnten Geburtstag...
Ich überlege.
– Was soll ich Ihnen noch sagen... Es passieren so viele Sachen, dass ich Ihnen unmöglich alles erzählen kann.
Arban erhebt sein Glas und kostet wie ein echter Kenner. Plötzlich rinnt ihm ein wenig des kostbaren Tropfens aus dem linken Mundwinkel und befleckt seine weisse Hemdbrust, wie Einschüsse einer Maschinengewehrgarbe. Er erhebt sich mühsam und geht zur Türe.
– Entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht mehr sehr gut. Ich glaube, ich muss gehen.
– Meister, Ihr Besuch hat mich sehr gefreut. Kommen Sie wieder?
– Ich denke nicht, die Gelegenheit war ausserordentlich und einmalig. Die Zeiten haben sich sehr geändert, und ich fürchte, die erneute Beliebtheit meiner Schule und meiner Soli ist nur eine Modeerscheinung. Vielen Dank für den Wein, seine Blume war trefflich. Ich freue mich, erfahren zu haben, dass die Geschäfte der Blechbläser gut gehen. Und dieser Maurice André — so heisst er doch — welch ein Künstler! Wenn Sie ihn sehen, übermitteln Sie ihm meinen Respekt und meine Bewunderung!
Sein Gesicht wird starr. Er streckt mir eine ungewöhnlich kalte und harte Hand hin, wendet sich dann entschlossen um und verschwindet schwankend in der Nacht. Im Wohnzimmer steht noch eine Flasche Vosne-Romanée, dere Jahrgang von der Feuchtigkeit zur Unkenntlichkeit zerfressen ist. Sie ist leer, gleich wie die beiden Gläser daneben.
Wer wird etwas verstehen an dieser unwahrscheinlichen Geschichte? Ich frage mich wirklich.