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Vorwort

Ein Sommernachtstraum

Vorwort

Kürzlich, in einer jener heissen Sommernächte, die den Schlummer leicht machen, vernahm ich ein leichtes Klopfen an der Haustüre. Rasch zog ich meinen Hausmantel über und öffnete vorsichtig die Türe. Welche Überraschung, als ich mich dem grossen Virtuosen des Cornet à pistons, Jean-Baptiste Arban, von Angesicht zu Angesicht gegenüber fand!¹

– Meister! Sie hier, zu dieser Stunde, in diesem Jahr! Treten Sie doch bitte näher!

– Danke, mein Bester. Ich bin todmüde, meine Reise war erschöpfend. Aber sagen Sie, hätten Sie nicht etwas Ventilöl für mich, meine Ventile sind ganz trocken und festgefressen. Ich kann nur noch Kavalleriesignale blasen.

– Aber natürlich! Hier, ein besonders schmierfähiges Öl. Behalten Sie die Flasche. Aber entschuldigen Sie meine Neugier: wie kommt es, dass Sie hier sind?

– In meiner jetzigen Stellung bin ich vom Rest der Welt abgeschnitten, und ich erhalte sozusagen überhaupt keine Nachrichten aus der Welt der Blechbläser mehr, in welcher ich, wie Sie wissen, sehr aktiv war. Da mein Arzt mir eine Reinkarnationskur verschrieben hat, habe ich die Gelegenheit benutzt, bei Ihnen hereinzuschauen, denn man sagt, Sie seien dank Ihrer Zeitschrift einer der bestinformierten Männer der Gegenwart.

– Meister, welche Übertreibung...

– Jedenfalls heisst es das im Jenseits. Sagen Sie, verkauft sich meine Schule immer noch?

– Seien Sie beruhigt, Meister, Sie sind noch auf dem ersten Platz der Hit-Parade für Blechbläser, und es sieht nicht aus, als ob sich das ändern würde. Im übrigen stellt man ein steigendes Interesse fest an den Kornettsolos, die Sie von Lissabon bis St. Petersburg berühmt gemacht haben.

– Oh, das freut mich. Ach, war das eine schöne Zeit...

Arbans Augen umfloren sich traurig. Er sieht sehr müde aus. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Sichtlich und gespannt beobachtet er meine Hi-Fi-Anlage, die Stapel von Platten und Compactdiscs, die Kassetten, die Videoanlage und den Fernseher. Ich lege ihm eine Platte auf, während ich in den Keller gehe, um eine hundertjährige Flasche Vosne-Romanée auszugraben. Als ich zurückkomme, hält sich Arban den Kopf, mit aufgerissenen Augen...

– Aber das ist ja unglaublich, so zu spielen! Wer ist das? murmelt er.

– Meister, das ist ein Schüler der grossen französischen Schule, deren Ruhm Sie begründet haben. Es ist unser grosser Maurice André. Er spielt das Konzert von Tartini.

– Tartini?

– Ja, Tartini, wissen Sie, es ist eine Transkription des Violinkonzertes.

– Das ist alte Musik, nicht wahr?

– ...

– Was für ein Instrument spielt er?

– Eine vierventilige Selmer-Piccolo.

– Eine Selmer picc...

Unsere Unterhaltung bricht ab, und wir hören uns schweigend den Rest des Stückes an. Ich stelle den Plattenspieler ab und entkorke die Flasche. Arbans Augen verraten eine grosse Gemütsbewegung beim Anblick des Jahrgangs: 1884. Etwas unsicher verkoste ich den wertvollen Tropfen: er ist intakt, herrlich, rund und reich wie der Klang eines Sax-Cornets. Arban, der bis da die Gegenstände des Raumes mit wachem Blick gemustert hat, sieht mir plötzlich tief in die Augen.

– Ich muss bald zurückkehren, aber bitte, erzählen Sie mir schnell, was in der Welt der Blechbläser dieses Jahr passiert!

– Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, Meister... Miles Davis ist nach elfjähriger Pause wieder am Jazzfestival in Montreux aufgetreten. Zwei Konzerte, eine Gage von 100’000.- Schweizer Franken, ein Riesenerfolg, errungen mit dem Rücken zum Publikum — ein herrlicher Schwanengesang für einen gesundheitlich schwer angeschlagenen Trompeter. Michel Becquet und sein Pariser Posaunenquartett verblüffen durch eine Perfektion und eine Musikalität, die auf diesem Instrument selten anzutreffen sind. Peter Hirsbrunner hat 60 Tuben in die ganze Welt geliefert, während der ersten 6 Monate des Jahres, und man sagt, dass die Gold wert sind. Alle grossen Instrumentenmacher vervollkommnen ihre Instrumente mit Hilfe der modernsten Technologie, was aber die kleinen Handwerker nicht daran hindert, die Ansprüche unserer grössten Virtuosen zu befriedigen. Der zweite internationale Blechbläserkongress hat in Bloomington, Indiana stattgefunden. Die meisten der 1500 Teilnehmer erlitten eine Blech-Überfütterung, da das unglaublich reichhaltige Menu (Konzerte, Vorträge, Ausstellungen, Diskussionen usw.) übermenschliche Aufnahmefähigkeit verlangte. Bei dieser Gelegenheit scheint der Trompeter Doc Severinsen mit seiner Kunstfertigkeit einstimmige Bewunderung gefunden zu haben. Schwierig zu verstehen, warum ein derartiger Künstler in Europa nicht bekannter ist.

Arban scheint nicht wirklich zuzuhören. Ich habe den Eindruck, dass all diese Namen ihm nichts sagen. Dennoch bleibt er fragend. Ich fahre fort, um nicht ein lastendes Schweigen aufkommen zu lassen:

– Der Hornist Hermann Baumann und der Trompeter Roger Delmotte (dessen Talent und pädagogische Kenntnisse endlich anerkannt werden) sind allgegenwärtig in Europa für Kurse und Konzerte. Auf der ganzen Welt halten die Blechbläser Seminare, Sommerkurse, Festivals ab. Verrückt, wie diese Blechbläser arbeiten.

Arban taucht plötzlich aus seinem Halbschlaf auf:

– Sie haben recht, völlig recht! Man muss ausnützen, wenn die Geschäfte laufen! In meiner Jugend lebten wir inmitten einer allgemeinen Gleichgültigkeit. Die Zeiten waren schwierig.

Ich fülle sein Glas, das er wie ein Grossbürger elegant zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Er hebt ostentativ seinen Ringfinger, um einen grossen Ring mit einem eindrucksvollen Diamanten aufblitzen zu lassen.

– Fahren Sie bitte fort.

– In Amerika sind die Solobläserstellen der grossen Orchester Gegenstand unglaublicher Handeleien. Man kämpft mit Zähnen und Klauen darum... Der Budapester Wettbewerb ermöglichte es den jungen Trompetern des Ost- und Westblocks, sich zu messen. Das Blechbläserquintett von Guy Touvron feiert seinen zehnten Geburtstag...

Ich überlege.

– Was soll ich Ihnen noch sagen... Es passieren so viele Sachen, dass ich Ihnen unmöglich alles erzählen kann.

Arban erhebt sein Glas und kostet wie ein echter Kenner. Plötzlich rinnt ihm ein wenig des kostbaren Tropfens aus dem linken Mundwinkel und befleckt seine weisse Hemdbrust, wie Einschüsse einer Maschinengewehrgarbe. Er erhebt sich mühsam und geht zur Türe.

– Entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht mehr sehr gut. Ich glaube, ich muss gehen.

– Meister, Ihr Besuch hat mich sehr gefreut. Kommen Sie wieder?

– Ich denke nicht, die Gelegenheit war ausserordentlich und einmalig. Die Zeiten haben sich sehr geändert, und ich fürchte, die erneute Beliebtheit meiner Schule und meiner Soli ist nur eine Modeerscheinung. Vielen Dank für den Wein, seine Blume war trefflich. Ich freue mich, erfahren zu haben, dass die Geschäfte der Blechbläser gut gehen. Und dieser Maurice André — so heisst er doch — welch ein Künstler! Wenn Sie ihn sehen, übermitteln Sie ihm meinen Respekt und meine Bewunderung!

Sein Gesicht wird starr. Er streckt mir eine ungewöhnlich kalte und harte Hand hin, wendet sich dann entschlossen um und verschwindet schwankend in der Nacht. Im Wohnzimmer steht noch eine Flasche Vosne-Romanée, dere Jahrgang von der Feuchtigkeit zur Unkenntlichkeit zerfressen ist. Sie ist leer, gleich wie die beiden Gläser daneben.

Wer wird etwas verstehen an dieser unwahrscheinlichen Geschichte? Ich frage mich wirklich.

¹ Jean-Baptiste Arban wurde 1825 in Lyon geboren und man sagt, dass er 1889 in Paris gestorben ist. Sein nächtlicher Besuch (21. Juli 1984) stellt aber diese Angaben in Frage.

Brass Bulletin 47, III / 1984 Seiten 7–10

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