Brass Bulletin 40, IV / 1982 (Seite 4–9) · 7 Min. Lesezeit
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1982–2026

Lampenfieber - Pille - Doping

Hinter einer einst auf Musiker begrenzten Debatte zeigt sich ein Wendepunkt, an dem Lampenfieber, Medikamente und Verantwortung klar getrennt werden.
Lampenfieber - Pille - Doping

Anmerkung des Herausgebers

Dr. Christian Baechler aus Genf befasst sich im folgenden eingehend mit einem Problem, welches uns äusserst wichtig und von aktueller Bedeutung erscheint. Er setzt damit die Reihe der Äusserungen von Thomas Stevens und Dr. Wilfred Buck fort, die unter unsern Lesern schon lebhafte und zum Teil widersprechende Kommentare hervorgerufen haben. Dies ist der Grund, weshalb wir uns entschlossen haben, Ihre Aufmerksamkeit in besonderem Masse zu wecken, indem wir Ihnen einen ungewöhnlichen Umschlag präsentieren.

Wenn Hans Pizka sich in seiner Spalte kürzlich damit brüstete, dass er nicht wisse, was Lampenfieber sei, so kennt die grosse Mehrheit der «normalen» Musiker die negativen Auswirkungen dieser Bühnenkrankheit leider nur viel zu gut. Einige bekämpfen sie mit Yoga-Übungen, andere mit dem Alkohol, die Dritten mit dem Gebet und wieder andere schliesslich um den Preis ihrer physischen und psychischen Gesundheit.

Dr. Baechler spricht als Fachmann. Seine Klarheit ist wohlwollend. In einem ersten Abschnitt stellt er hier die Faktoren dar, welche diesem brennenden Thema zugrundeliegen. Er hat sich zudem auch bereit erklärt, im Rahmen seiner Kompetenzen Ihre Fragen zu beantworten und auf Ihre Bemerkungen und kritischen Äusserungen einzugehen. Wenn Sie einzelne Punkte besonders zur Sprache bringen wollen, so wird er sich dazu gerne detaillierter äussern.

Um die persönlichen Schritte zu erleichtern, die jeder Musiker angesichts der Schrecken der Angst auf sich nehmen muss, die die Praxis des öffentlichen Musizierens mit sich bringt, eröffnen wir hiermit eine spezielle Rubrik über das Thema Lampenfieber - Pille - Doping.

Zögern Sie nicht mit Ihrer Reaktion! Unterbreiten Sie uns Ihre Erlebnisberichte. (Wenn Sie es wünschen, werden wir Ihre Anonymität respektieren.) [jpm]

Lampenfieber - Pille - Doping

Die Artikel von Herrn Stevens (BRASS BULLETIN Nr. 37, S. 8) und meines Kollegen Dr. Wilfred Buck (BRASS BULLETIN Nr. 39, S. 23) haben mich sehr interessiert, und es liegt mir nun daran, zum behandelten Thema einen persönlichen Beitrag sowohl als Arzt wie auch als Amateur-Trompeter zu leisten.

Es scheint mir, dass Lampenfieber, die «Wunderpille» und Doping drei grundlegende Begriffe sind, die man deutlich voneinander trennen und so klar wie möglich präzisieren muss. Man muss es vermeiden, Wirklichkeiten zu vergleichen und miteinander zu vermengen, die miteinander nichts zu tun haben. Die misslichen Schlussfolgerungen, die sich daraus ergeben könnten, wären katastrophal oder zumindest ungeschickt, wie dies Thomas Stevens im letzten Abschnitt seines ausgezeichneten Artikels bereits ahnt (BRASS BULLETIN Nr. 37, S. 9).

1. Das Lampenfieber

Bezüglich des Lampenfiebers haben die Herren Stevens und Buck mit vollem Recht von der Nervosität gesprochen, vom ausgetrockneten Mund, von der Reaktion des Körpers auf eine plötzliche Spannung, vom erhöhten Puls, den feuchten Händen, einem ungewollten Vibrato, von einem Verteidigungsverhalten, ja sogar von Flucht. Ich könnte diese Liste noch verlängern, indem ich meine persönlichen Symptome aufzähle (zusammengeschnürte Kehle, kalte Schweissausbrüche, Schlaflosigkeit oder arterielle Verspannung.) Aber es liegt mir nicht daran, mich in Aufzählungen zu ergehen, die ebenso traurig sind wie langweilig. Ich möchte mich darauf beschränken einfach zu sagen, dass das Lampenfieber und ich uns leider nur zu gut kennen.

Wie wir soeben gesehen haben, macht sich das Lampenfieber auf verschiedene Weise bemerkbar, und jeder Musiker kann seine Auswirkungen leicht beschreiben. Man muss wissen, dass alle diese Symptome die gleiche Ursache haben, nämlich die Angst, aber man muss sie in zwei Gruppen unterteilen, die sich völlig voneinander unterscheiden:

A) die sogenannten «psychischen» Symptome

B) die sogenannten «somatischen» Symptome

A) Unter den «psychischen» Symptomen versteht man die Gesamtheit der Auswirkungen, die durch den Zustand der Angst charakterisiert sind: psychische Spannungen wie Angst, Schlaflosigkeit, depressive Zustände, Appetitlosigkeit, Verringerung der intellektuellen Leistung oder Verhaltensstörungen bei einer öffentlichen Vorführung, sei sie musikalischer oder anderer Art.

B) Unter den «somatischen» Symptomen versteht man die Gesamtheit der Auswirkungen, welche auf organischer Ebene erfolgen, das heisst einfacher ausgedrückt, Symptome die vorwiegend physischer Art sind wie zum Beispiel erhöhter Puls, das heftig schlagende Herz, die verschiedenen Arten des Schwitzens, die Trockenheit des Mundes, heftiger Durchfall, Atemnot, die verschiedenen und manchmal alarmierenden Arten der arteriellen Verspannung...

Man kann die Opfer des Lampenfiebers zu Schematisierungszwecken in drei Kategorien aufteilen:

a) Diejenigen, die fast ausschliesslich unter psychischen Symptomen leiden (vgl. A), oben).

b) Diejenigen, die fast ausschliesslich unter somatischen Symptomen leiden (vgl. B), oben).

c) Diejenigen — und es ist die grosse Mehrheit —, bei denen die psychischen und die somatischen Symptome in unterschiedlichem Grad vereinigt sind.

Wer leidet unter Lampenfieber?

Weiterlesen

Zugang zum vollständigen digitalisierten Brass Bulletin Archiv • CHF 5.– / Monat · jederzeit kündbar

Artikel teilen

Loading…

Im Brass-Bulletin-Archiv suchen.