In Wirklichkeit gibt es indessen bereits eine solche Theorie. Es ist die Theorie von den Selbstschwingungen des Mundstücks von Blasinstrumenten, die der sowjetische Gelehrte B. P. Konstantinov in seinem Buch «Die hydrodynamische Tonbildung und die Ausbreitung eines Tons in begrenztem Raum» aufgestellt hat. Sein Inhalt ist kurz folgender: ein Blasinstrument ist ein akustisches System mit einer instrumentbedingten Schwingungsfrequenz (so liegt z.B. die Schwingungsfrequenz der Posaune als System bei 58.270 Hz, dh. beim B der Kontraoktave, und dieser Ton bildet zusammen mit seinen Teiltönen die Obertonreihe der 1. Lage; jede weitere Lage hat eine verschiedene Frequenz und bildet weitere Grundtöne; der Gesamtumfang des Instrumentes ist von den verschiedenen Obertonreihen gebildet. Die Tonerzeugung eines bestimmten Systems auf einer gegebenen Frequenz hängt direkt von der Frequenz ab, auf welche der tonbildende Apparat abgestimmt ist. Experimente, bei denen man versucht hat, ohne Mitwirkung eines Musikers, allein mit Hilfe einer Lippen simulierenden Kunstharz-Membrane, Töne in der Posaune zu erzeugen, bestätigen diese Feststellung. Für das Hervorbringen von unterschiedlich hohen Tönen erwies es sich als unumgänglich, für jeden einzelnen Ton eine zusätzliche Membrane zu verwenden. Diese Tatsache weist darauf hin, dass der Musiker imstande sein muss, die Schwingungsfrequenz seiner Lippen zu verändern. Wenn der tonbildende Apparat auf die Frequenz des zu blasenden Tons abgestimmt ist und man hineinbläst, entsteht ein akustisches System. Ergänzend kommt noch hinzu, dass die tonbildenden Lippen, sobald sie das erste Signal abgeben die Schwingungen des Systems hervorrufen, worauf dann die Schwingungsfrequenz des Systems bestimmt wird. Die Einflussnahme der Lippen oder der Membrane auf die Schwingungsfrequenz des Systems ist nur am Anfang wichtig.
Eine entscheidende Rolle kommt der Kenntnis der Anatomie und Physiologie des Spielapparates und der psychischen Aktivität des Bläsers zu. Wenn wir z.B. wissen, dass der Kreismuskel des Mundes (musculus orbicularis) die Grundlage für den tonbildenden Ansatz ist und zu den radial an ihm befestigten Muskeln in einem antagonistischen Verhältnis steht, so hilft uns dies, die beste Variante für den Ansatz zu finden. Dabei kann ein durchsichtiges Mundstück uns eine wertvolle Hilfe sein, denn im Gegensatz zu dem bestehenden Mundstückring (visualizer) kann man bei ersterem besonders gut beobachten, wie sich der Mundapparat unter den konkreten Bedingungen der Einwirkung des akustischen Systems formt.
Eine grosse Bedeutung kommt für das erfolgreiche Erlernen einer sauberen Tonerzeugung auf einem Instrument auch einem richtigen Erfassen des Wesens der Atemzufuhr zu. Der für das Blasen unerlässliche Einbezug des Zwerchfells sowie die Kunst, mit diesem die richtigen Bewegungen auszuführen, werden erreicht durch eine Kräftigung des Muskelgefühls im Zwerchfell, was den Grad der Muskelbewegung und -beherrschung hebt.
Ein letzter wichtiger Umstand liegt in der Kunst begründet, in der Mundhöhle den Zustand des Luftstroms zu steuern. Je höher ein Ton, desto mehr nähert sich die Zunge dem Gaumen, und desto mehr verringert sich der zu bildende Durchlass für den Luftstrom, und ganz logisch entstehen so die Bedingungen für die Steigerung der Blasgeschwindigkeit.
Entsteht wie von selbst ein leichter und sauberer Ton (auch ohne Zungenschlag), so bedeutet das, dass sämtliche Voraussetzungen erfüllt worden sind.