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Haydns Trompetenkonzert

Teil 3 – Ende

Von Alfred Willener

Haydns Trompetenkonzert wird zum Prüfstein für Manuskriptfragen, interpretatorische Entscheidungen und die fragile Wahrnehmung vertrauter Musik.
Haydns Trompetenkonzert

Bevor ich den dritten Teil dieses Beitrags in Angriff nehme, möchte ich nochmals kurz auf die Textfrage zurückkommen. Inzwischen habe ich nämlich den Mikrofilm des Haydnschen Autographs erhalten. Welch erregender Moment, wenn ich auf dem Schirm des Lesegerätes das Leben einer persönlichen Handschrift vor mir erstehen sehe! Ich habe dann das Gefühl, mit dem Komponisten in direkten Kontakt zu treten. Gewiß, das ist eine Illusion, denn man müßte dazu auch über die Notationsgewohnheiten jener Zeit und die Feinheiten der individuellen Schreibweise Bescheid wissen. Doch immerhin fühlt man sich den ursprünglichen Absichten dessen, der dieses Werk ersann, irgendwie näher. Eine weitere Schwierigkeit: Dieses Manuskript wurde flüchtig zu Papier gebracht; der Komponist hat gewisse Einzelheiten der Ausführung dem Interpreten überlassen — aber doch wohl nicht alle, sei es aus Nachlässigkeit, sei es, weil die Kenntnis des adäquaten Stils damals beim Interpreten vorausgesetzt werden konnte. Und schließlich scheinen mir die Abweichungen von den besten der gedruckten Ausgaben nicht allzu groß. Trotzdem einige Feststellungen:

(1) Die Solotrompete beginnt (in Takt 8) forte, doch im Gegensatz zu mehreren Ausgaben ist die Exposition des Hauptthemas (T. 37) vom Komponisten dynamisch nicht bezeichnet, weder p (dieses gilt für das Orchester) noch f, wie viele Ausgaben vorschreiben (Beispiel 1). Und — im Gegensatz selbst zu den besten Ausgaben — keine Bindungen in den Takten 38, 39, 42, 46 und 48. Da aber an anderen Stellen Bindungen eindeutig verlangt werden, kann man nicht behaupten, der Komponist hätte diese Differenzierungsmöglichkeit wissentlich dem Gutdünken des Interpreten überlassen.

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(2) Der Solotrompetenpart im Andante ist tatsächlich p bezeichnet. In Beispiel 2 möchte ich Einzelheiten hervorheben, die mir von strategischer Bedeutung zu sein scheinen, wiewohl sie in den Ausgaben übergangen werden. So werden in Takt 21 fast überall jeweils zwei Töne oder der ganze Takt gebunden. Doch ist die Phrasierung des Originals nicht besser? Die drei kritischen Töne in Takt 38 (nach den verschiedenen Interpretationen zu schließen wohl die umstrittensten des ganzen Werkes) sind in vielen Ausgaben legato bezeichnet. Eine solche Angabe habe ich dem Manuskript nicht entnehmen können. Ich werde diesen Punkt überprüfen, sobald ich das Original in Wien vor mir habe.

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(3) Schließlich zwei weitere Einzelheiten, weniger wichtig, aber doch wohl nicht ganz belanglos. Hinsichtlich des Taktes 86 (3. Satz) gibt das Original der Redlich-Ausgabe recht. Die Verzierung ist also ein Mordent mit der unteren Nebennote, was den Charakter der Stelle verändert: man «bleibt unten», statt eine Tendenz «nach oben» auszudrücken. Zweitens: Wir wissen alle, daß man sich in der Interpretation mehr als nötig von den heutigen Notationsgewohnheiten beeinflussen läßt (Beispiel: Takt 53). Wohlverstanden: Dieser Text, vom Komponisten nicht ins Reine geschrieben, trägt die Züge einer echten Erstniederschrift. Er wurde «hingeworfen». Er läßt größere Zusammenhänge, Strukturen offenbar werden (die Notengruppen sind graphisch elegant verbunden und heben sich dadurch als lebendige kleine Einheiten voneinander ab). Andererseits enthält der Text Vergesslichkeiten und Fehler in Einzelheiten. Doch die Notationsweise der Oktavsprünge (Takte 210/211) könnte zu denken geben: steckt da etwa mehr dahinter als bloße schreiberische Bequemlichkeit? Etwa ein Hinweis, daß die hohen und die tiefen Töne gleiches Gewicht haben?

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III. Die Rezeption

Seit etwa zehn Jahren berieseln die technischen Musikverbreitungsmittel — von den elektronischen Medien über Schallplatten bis zu privaten Aufnahmen — tagtäglich eine derartige Menge von Menschen, daß man darob die Frage der beschränkten Zugänglichkeit der betreffenden Musikwerke gänzlich vergessen hat. Und wenn doch mal einer darüber nachdenkt — etwa über die Verbreitung des Konzertes, von dem hier die Rede ist — so ist er sogleich versucht, sich zu sagen: aber jeder hat doch Zugang dazu, er braucht ja nur die Platte zu kaufen... Doch aufmerksamere Beschäftigung mit dem Problem bringt jede Menge Hindernisse an den Tag, mehr, als man vorerst vermutet hätte.

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Brass Bulletin 37, I / 1982 Seiten 30–38

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