Brass Bulletin 38, II / 1982 (Seite 15–24) · 5 Min. Lesezeit
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Unbekannte Kostbarkeiten für Trompetenensemble

Aufzugsmusiken aus dem Bayern des 18. Jahrhunderts

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Unbekannte Kostbarkeiten für Trompetenensemble

Aufzugsmusiken aus dem Bayern des 18. Jahrhunderts

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die bayerischen Klöster enteignet wurden (Säkularisation), gingen auch die Bibliotheksbestände in das Eigentum des bayerischen Staates über. Die Kommissare, welche die musikalischen Bestände sichteten, um das wertvolle Material in die Staatsbibliothek nach München zu bringen, interessierten sich hauptsächlich für ältere Werke; die reichen musikalischen Bestände aus dem 18. Jahrhundert waren es nach damaliger Anschauung nicht wert, gesammelt zu werden. Sie blieben weiter in den für die Öffentlichkeit kaum zugänglichen Klosterarchiven und gerieten in Vergessenheit.

Erst in unserer Zeit wurden diese Bestände von der Bayerischen Staatsbibliothek erforscht. Unsere besondere Anerkennung verdient in diesem Zusammenhang Herr Dr. Robert Münster, der Leiter der Musikabteilung, dem wir u.a. auch die Wiederentdeckung der Weyarner Aufzüge verdanken.

I) Die anonymen Aufzüge aus dem Stift Weyarn

Die von ihrem Umfang her wohl einzigartige Sammlung (über 400 Aufzüge für 4 Trompeten u. Pauken und 7 zweichörige Aufzüge) befindet sich in der Dombibliothek in Freising. Die detaillierte Aufstellung dieser Aufzüge ist zu finden in: Thematischer Katalog der Musikhandschriften der ehemaligen Klosterkirchen Weyarn, Tegernsee und Benediktbeuern, hrsg. v. R. Münster und R. Machold, München-Duisburg 1971.

Im Jahre 1780 wurde der aus Dietfurt/Oberpfalz stammende Chorherr Lorenz Justinian Ott (1748-1805) zum Musikdirektor ernannt. Unter seiner Führung, als die Weyarner Musikpflege zu ihrer höchsten Blüte kam, wurden die Aufzüge komponiert, gesammelt und kopiert.

Von 1776 bis 1805 führte Ott das Klostertagebuch («Diarien»), welches erhalten ist und uns einen Einblick in das damalige Leben im Kloster Weyarn ermöglicht. Demnach wurden die kurzen, zweiteiligen Aufzüge von den Schülern des Stifts aufgeführt; sie fanden bei allen feierlichen Anlässen in und außerhalb der Klosterkirche Verwendung: bei hohen Festen, Prozessionen, Jubiläen oder Fürstenbesuchen.

Veröffentlichungen:

— drei zweichörige Aufzüge wurden von R. Münster im Mozart-Jahrbuch 1960/61 (Seite 210 ff.) veröffentlicht und von E. H. Tarr aufgenommen (EMI C 061-28361/2 X);

— drei Aufzüge für 4 Trp. u. Pk. finden wir auf der Platte MB 303;

— ca. 30 bis 40 Aufzüge wird Dr. Münster demnächst veröffentlichen (wahrscheinlich beim Verlag Katzbichler).

I. Anonym (Weyarn, ca. 1780)Sign. WEY 675/Nr. 3Veröffentlicht von R. Münster im Mozart-Jahrbuch 1960/61, Seite 210 ff.,...

I. Anonym (Weyarn, ca. 1780)

Sign. WEY 675/Nr. 3

Veröffentlicht von R. Münster im Mozart-Jahrbuch 1960/61, Seite 210 ff., unter dem Komponistennamen Ott. Aufzug für zwei vierstimmige Trompetenchöre mit Pauken.

II) Ferdinand Donninger (1716-1781)

Fünf Aufzüge für vier Clarini e Timpani (D-Dur)

Donninger trat 1755 in die Dienste des fürstlichen Hauses Thurn und Taxis. Seine Aufzüge aus der Zeit des «Immerwährenden Reichstages» zu Regensburg sind Bestandteil des Divertissements Vorstellung einer musikalischen Seeschlacht. Dieses reizvolle Werk (ein Vorläufer von Beethovens Wellingtons Sieg und Tschaikowskys Ouverture solennelle 1812) schildert mit Märschen und Aufzügen die Aufstellung zur Schlacht.

Den Abschluß und Höhepunkt bildet die eigentliche «Seeschlacht»; dabei imitieren getrennt im Raum aufgestellte Pauken und Trommeln das Kanonen- und Musketenfeuer. Die fünf Aufzüge — sie werden übrigens in der Fürstlichen Hofbibliothek Regensburg aufbewahrt — wurden entdeckt, als das fürstliche Haus eine Repräsentationsmusik für die 1800-Jahrfeier der Stadt Regensburg benötigte.

Besonders interessant ist der 1. Aufzug, der mit «Morgenseegen» betitelt ist (Beispiel II).

Der 5. Aufzug stellt hohe Anforderungen an den ersten Trompeter (klingendes e'''). Diese Stücke werden von E. H. Tarr veröffentlicht.

II. Ferdinand Donninger (1716-1781)Nr. 1 der fünf Aufzüge aus Musikalische Vorstellung einer Seeschlacht für 4 Clarini e...

II. Ferdinand Donninger (1716-1781)

Nr. 1 der fünf Aufzüge aus Musikalische Vorstellung einer Seeschlacht für 4 Clarini e Timpani (Auszug aus der von E. H. Tarr erstellten Partitur).

III) Aufzüge aus der Bayerischen Staatsbibliothek in München

1. Anonym, Sechs Aufzüge für vier Trompani

Ungewöhnlich ist die Bezeichnung «Trompano» für Trompete; eigentlich handelt es sich um die übliche Besetzung für 2 Clarini, Principal u. Pauken, da «Trompano IV» nur die zwei Töne der Pauken zu spielen hat. Auffallend ist auch, daß fünf dieser kurzen, zweiteiligen Stücke mit einer Coda enden.

Drei dieser schönen Stücke wurden von E. H. Tarr bereits aufgenommen (EMI SMC 91421 Die Kunst der Trompeter); er wird auch das Notenmaterial veröffentlichen.

III.1 Anonym (18. Jh.)Nr. 3 der sechs Aufzüge für vier «Trompani» der Bayerischen Staatsbibliothek.

III.1 Anonym (18. Jh.)

Nr. 3 der sechs Aufzüge für vier «Trompani» der Bayerischen Staatsbibliothek.

2. Anonym, Sechs Aufzüge für drei oder vier Clarini (Mus. Mss. App. 2023)

Diese einfachen Stücke, die wahrscheinlich aus der Kirche in Schnaitsee stammen, verlangen als Spitzenton nur ein e'' und sind deshalb auch für Fanfarenzüge geeignet.

3. M. Mösl, Sechs Aufzüge für drei oder vier Trompetten, Paucken, Orgelsolo, Posaune ad libitum (Ende des 18. Jh.)

Diese Stücke wurden in Augsburg ohne Angabe der Jahreszahl gedruckt. Leider ist nur die obligate Orgelstimme erhalten geblieben. In Anlehnung an die Aufzüge Max Kellers, von denen noch die Rede sein wird, ist es mir gelungen, in etwa die Trompeten- und Paukenstimmen zu rekonstruieren. Jeder Aufzug enthält Pianostellen, bei denen die Orgel ohne Trompeten erklingt.

4. Johann Dessary, Zwei Aufzüge für Clarini I/II (in C), Principale (in C), Tromba (in G) und Tympani (in C u. G)

Die verschieden gestimmten Naturtrompeten offenbaren den Wunsch nach größeren Modulationsmöglichkeiten, der in einem anonymen Werk aus dem Stift Weyarn noch mehr zum Ausdruck kommt: «Marsch und Einleitung zu einem Kyrie in D» für Ciarino I in D, Tromba I in A alto, Tromba II in A basso, chromatische Trompete I in A alto, Tromba I in G, Tromba II in D, Corno in D; (Ciarino II, chromatische Trompete II, Orgel und Pauken fehlen).

Die fehlenden Stimmen werden von unserem Domorganisten Eberhard Kraus rekonstruiert und veröffentlicht. (Dieses Werk wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts komponiert.)

III.3 M. Mösl (ca. 1800), AufzugAus: 6 Aufzüge für 3 oder 4 Trompeten, Pauken und Orgelsolo, Posaune ad libitum, Augsbur...

III.3 M. Mösl (ca. 1800), Aufzug

Aus: 6 Aufzüge für 3 oder 4 Trompeten, Pauken und Orgelsolo, Posaune ad libitum, Augsburg o. J. (Orgelstimme).

III.1 und IV. Vergleich: «Trompano»-Aufzug Nr. 4 (A) — Dingolfinger Aufzug Nr. 1 (B).

III.1 und IV. Vergleich: «Trompano»-Aufzug Nr. 4 (A) — Dingolfinger Aufzug Nr. 1 (B).

IV) Die 96 Aufzüge der Turmtrompeter zu Dingolfing/Niederbayern

Die ebenfalls zweiteiligen Kompositionen für 3 Naturtrompeten und Pauken ad libitum stammen aus der Zeit um 1800. Der Turmtrompeter Kasimir Gegenfurtner (gestorben 1866) schrieb die Aufzüge 1847 nieder, um sie der Nachwelt zu erhalten. Die Originale wurden zu Beginn unseres Jahrhunderts zu Forschungszwecken nach Berlin gegeben. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, die vollständige Sammlung zu finden¹¹.

Sechs dieser Aufzüge wurden aber bereits veröffentlicht:

— Nr. 1-5 in Ludwig Plaß Es blasen die Trompeten, Potsdam 1935 (Seite 19-23);

— Nr. 43 in H. J. Moser Tönende Volksaltertümer, Berlin 1935 (Seite 25/26).

Auffällig ist die große Ähnlichkeit des ersten Aufzuges mit dem vierten «Trompano»-Aufzug aus München, welche nicht zufällig sein kann (Beispiel III und IV).

IV. Vierstimmiger Aufzug der TürmerAus: Tönende Volksaltertümer, hsg. von Hans Joachim Moser, Berlin-Schöneberg 1935, S....

IV. Vierstimmiger Aufzug der Türmer

Aus: Tönende Volksaltertümer, hsg. von Hans Joachim Moser, Berlin-Schöneberg 1935, S. 25-26.

Aus Dingolfing/Ndb., um 1800, aufgezeichnet durch Stadttürmermeister Kasimir Gegenfurtner 1847.

V) Max Keller (1770-1855), Sechs kurze und leichte Aufzüge für 2 Clarini, Principale, Pauken und Organo ad libitum

Bemerkenswert an diesen Stücken aus Altötting ist das späte Entstehungsjahr 1834! Sie bilden somit das Gegenstück zu den drei Aufzügen (Fanfaren) des österreichischen Ritters Sigismund von Neukomm (1778-1858), welche im Jahr 1833 komponiert wurden. Beide Komponisten verlangen als Spitzenton nur mehr g''.

Trotz des späten Entstehungsjahres sind Kellers Aufzüge ganz dem 18. Jahrhundert verpflichtet. Der erste Aufzug enthält in den ersten beiden Takten die Melodie eines bayerischen Volksliedes (Beispiel V).

V. Max Keller (1770-1855)Nr. 1 und Nr. 3 der sechs Aufzüge für 2 Clarini, Principale und Organo ad libitum.

V. Max Keller (1770-1855)

Nr. 1 und Nr. 3 der sechs Aufzüge für 2 Clarini, Principale und Organo ad libitum.

Interessant ist auch, daß laut Titelblatt und Stimmenüberschrift statt der Trompete (Ciarino) eine Tromba marina, also eine Trompetengeige (auch «Nonnengeige») verwendet werden kann; dieses Instrument besteht aus einem hölzernen Resonanzkörper, auf den nur eine starke Saite aufgespannt ist. Wird diese mit einem Geigenbogen angestrichen, so erklingt ein trompetenähnlicher Ton.

Die Aufzüge von Max Keller werden herausgegeben von E. H. Tarr im Druck erscheinen. Eine Schallplattenaufnahme mit dem E. H. Tarr Ensemble ist in Vorbereitung. Neukomms Aufzüge wurden von D. Towsend bei Mercury Music Corporation herausgegeben.

Mit dem fortschreitenden 19. Jahrhundert übernehmen nun Militärkapellen die Funktion der alten Trompeterkorps. Die Gründe können wir im allgemeinen Verfall der Clarinblaskunst, hauptsächlich aber im sich ändernden Zeitgeschmack sehen. Trotzdem finden wir gelegentlich Kompositionen, die an die große Zeit der Aufzugsmusiken erinnern. So z. B.:

— Anonym, «Altherkömmliche Aufzüge des Oktoberfestes zu München». Einer dieser Aufzüge ist in dem bereits erwähnten Heft von Ludwig Plass zu finden;

— Konrad Max Kunz (1812-1875), «22 Aufzüge für vier Naturtrompeten und Pauken» op. 15 zur 700-Jahrfeier der Stadt München (1858).

Wegen des vorgegebenen Rahmens mußte ich mich auf das Wesentlichste beschränken. Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Aufsatz ein wenig zur Wiederbelebung der darin vorgestellten Trompetenmusiken aus Bayern beitragen könnte.

Anmerkungen

¹) Wer sich genau über die Turmtrompeter zu Dingolfing informieren will, möge folgenden Aufsatz des Heimatpflegers von Dingolfing lesen: Fritz Markmiller: Zur Geschichte der weltlichen Instrumentalmusik in Dingolfing, in Der Storchenturm, Heft 17, Dingolfing 1974.

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