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Der Neue

Der Neue

Seit 25 Jahren hatte Herbert sich bequem installiert in seiner Stellung im Orchester und am Konservatorium. Er war, was die Posaune betraf, der unbestrittene Experte jener grossen deutschen Stadt, deren Symphonieorchester der nationalen Musikkultur zum Stolz gereichte.

Herbert hatte es nicht leicht gehabt. Der Krieg hatte sein Studium unterbrochen, und erst 1949, als 24 jähriger, hatte er seinen Abschluss an der Musikhochschule machen können. Die Nachkriegszeit war schwierig. Man musste sich zu helfen wissen. Nach dem Verlust seiner besten Jahre hatte er hart arbeiten müssen, um sich eine solide Technik zu erwerben. Er hatte überall Mucken gemacht. Deutschland war im kulturellen Wiederaufbau begriffen, man gründete bisweilen Orchester sogar ohne sozialen und finanziellen Hintergrund. Die deutschen Musiker waren rar, die Ausländer waren damals noch nicht beeindruckt von dem, was das deutsche Wirtschafts- und Kulturwunder werden sollte. Herbert fand leicht eine Stelle in dem berühmten Symphonie-Orchester, das gerade im Wiederaufbau war. Seine Pultkollegen waren in der Mehrzahl alte Musiker aus anderen Orchestern oder einfach weniger begabte und weniger ehrgeizige Posaunisten als er.

Er war der unbestrittene Soloposaunist seines Registers, geachtet von den anderen Orchestermitgliedern, vom Chefdirigenten (der mit anderen Stimmführern sehr streng sein konnte) und von den Gastdirigenten.

Selbstverständlich hatte man ihm die Stelle am Konservatorium angetragen, und in 25 Jahren hatte er wahrscheinlich gut hundert Schüler ausgebildet.

Ausser dem «Boléro» von Ravel und zwei oder drei anderen wichtigen Repertoire-Stücken ging er seine Arbeit mit Heiterkeit, Ruhe und einer Überlegenheit an, um welche ihn viele Kollegen beneideten.

1983 wurde Walter, sein treuer Spannemann in Register, pensioniert. Dieser Verlust verstörte Herbert sehr. Seine drei anderen Kollegen waren freundliche Burschen, routinierte Orchester-Beamte und Biertrinker. Sie spielten nicht besonders gut, aber das störte ihn nicht. Walter kompensierte alles. Er war treu, ergeben und sein Vertrauensmann.

Herbert selbst musste — so rechnete er sich aus — noch 6 Jahre machen bis zur Pensionierung, und er fragte sich bedrückt, wer während dieser letzten Jahre wohl den Platz neben ihm besetzen würde...

Das Probespiel fand im Juni statt. 58 Kandidaten aus 17 Ländern spielten vor. (1951, bei seinem Probespiel, waren sie 4 gewesen!) Er war erstaunt über die Meisterschaft, die Virtuosität und das hohe Niveau dieser jungen Posaunisten...

Beim Stechen der beiden letzten Kandidaten (beide tadellos!), bat man Herbert, ihnen Orchesterstellen zum Blattlesen vorzulegen.

Mit Unbehagen betrat er die Bühne und legte die erste Stimme auf das Pult. Sie wurde in einem Zug und ohne Schwierigkeit vom Blatt gelesen.

Es handelt sich doch um eine Stelle als zweiter Posaunist, nicht wahr, dachte er. Was machen die beiden hier? Sie sind viel zu gut. Sie sollten anderswo für Soloposaunisten-Stellen vorspielen.

Gut, der Engländer verfehlte im «Boléro» zwei Töne, der Amerikaner nicht, und letzterer bekam die Stelle.

Herbert kehrte erschöpfter heim als wenn er selbst gespielt hätte. Er betrachtete seinen täglichen Weg, die so vertrauten Gebäude seiner Stadt und spürte ein undefinierbares Unbehagen.

Am 15. September um 09:30 begab er sich zur ersten Probe mit dem neuen Zweiten. Er fühlte sich alt, und ein ungewohntes Lampenfieber bemächtigte sich seiner. Bei der Ankunft schien es ihm, dass seine alten Kollegen ihn spöttisch beobachteten.

«Er sitzt schon am Pult» sagte Karl.

Herbert kam zu seinem Platz und streckte Ronald seine Rechte entgegen, indem er mit der anderen Hand fest seine Posaune umklammerte.

Guten Tag, Kollege. Na wie gehts?

Hi! Herb.

Die Beiden schüttelten sich die Hand, aber Herberts Blick ruhte auf dem Pult des neuen Zweiten.

Seine erste Stimme lag darauf. Herbert nahm sie an sich und legte sie auf sein Pult. Er dachte an Walter, seinen Kameraden.

Anmerkungen

¹ Ich habe eine Reihe «kleiner Geschichten aus dem Blechbläserleben» geschrieben, um mittels einer Anekdote intensive Momente wiederzugeben, die jeder Blechbläser einmal erlebt hat. Erzählungen und Zeugnisse zahlreicher Kollegen und Freunde und meine eigenen Erfahrungen dienten mir als Inspiration. Natürlich sind aber diese Erzählungen frei erfunden.

Brass Bulletin 55, III / 1986 Seiten 23–24

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