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Das Wundermundstück - Ein Weihnachtsmärchen

Das Wundermundstück - Ein Weihnachtsmärchen

Diese kleine Geschichte dient nur nur der Unterhaltung. Aber jeder, der mitspielt, wird, je nach Phantasie, Argumente vorbringen, die ihm seine geheimen Wünsche oder seine moralische Unbeugsamkeit vor Augen führen werden... oder...

Kürzlich, als ich im Viertel der Antiquitätenhändler in London spazieren ging, fiel mein Blick auf einen silberglänzenden Gegenstand im Schaufenster eines Trödlerladens. Der Laden war klein und finster. Trotzdem stiess ich die Türe auf. Eine Dame ehrwürdigen Alters begrüsste mich mit einem Lächeln:

— Guten Tag, junger Mann, murmelte sie, Sie kommen wegen des Mundstücks, nicht wahr?

Ich stutzte. Woher wusste sie, dass mich gerade dieser Gegenstand interessierte? Ihre lebhaften und schelmischen Augen fixierten mich so intensiv, dass ich meinen Blick senkte.

— Jawohl. Darf ich es bitte ansehen?

— Sicher, nehmen Sie es nur!

Sorgfältig nahm ich es zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Leichtigkeit und Glätte erstaunten mich. Ich setzte es an und stellte sofort eine undefinierbare Qualität fest. Ich musste dieses Mundstück unbedingt haben. Plötzlich befürchtete ich, es nicht bekommen zu können.

— Was kostet es?

— Es hat keinen Preis, aber es gehört Ihnen. Ich schenke es Ihnen.

Wieder funkelte ihr Blick und verwirrte mich vollends. Ich stotterte einige Dankesworte und verliess den Laden von einem einzigen Gedanken beseelt: sofort nach Hause gehen und es ausprobieren.

Dies war der Anfang einer ausserordentlichen Zeit. Stellen Sie sich vor: sobald ich das Mundstück ansetzte, vibrierten meine Lippen mit perfekter und harmonischer Intensität wie nie zuvor. Kein Druck lastete auf meinen Lippen. Meine Geschmeidigkeit war total befreit.

Alle Töne perlten genau so, wie ich sie mir vorstellte. Die entlegensten Intervalle waren in jeder Geschwindigkeit ohne Kratzer spielbar. Dies war wirklich das perfekte Mundstück, und mein Spiel auf dem Instrument war plötzlich im wörtlichen Sinne verzaubert worden!

Mein erster Orchesterdienst wurde zu einem wahren Feuerwerk — unvergesslich. Meine Kollegen spitzten bald die Ohren und beobachteten mich verstohlen. Etwas für sie unbegreifliches war geschehen. Nicht, dass ich vorher schlecht gespielt hätte, aber dies war schlicht irreal. Bald bemerkte auch der Dirigent die Sache.

Ich selbst veränderte mich tiefgreifend. Selbstsicher war ich geworden, ruhig, grosszügig und tolerant mit meinen Pultkollegen. Nach einigen Wochen war mein Ruf so gewachsen, dass man mich für die besten Orchester anfragte und mein Name bald als Solist der renommiertesten Konzerte der Welt genannt wurde.

Wie soll ich meine Gefühle beschreiben? Ich erlebte ein unglaubliches, fabelhaftes Abenteuer. Ich lernte, mit meinem Publikum zu spielen, es zum mitgehen, weinen, lächeln zu bringen. Diesen vielen Tausend Menschen meine Gefühle mitteilen zu können erfüllte mich mit einem tiefen Glücksgefühl.

Auch meine materielle Lage hatte sich spektakulär verändert, und ich besass alles, was ich mir wünschen konnte.

Aber dann kam dieser Montag, der 18. Oktober...

Ich landete um 10.30 Uhr in Brüssel mit der Maschine der Singapur-Airlines, um am selben Abend dort ein Konzert zu geben. Die Probe sollte um 14.30 Uhr stattfinden. Ich spielte die Uraufführung eines Konzertes von Claude Debussy, welches der Musikwissenschafter Claude Ansi in einem Posten unveröffentlicher Noten des Leduc Verlages in Paris entdeckt hatte. Ein beachtetes musikalisches Ereignis, da es sich ausserdem um ein grosses und schwieriges Werk für mein Instrument handelte (man weiss ja, dass unser Blechbläserrepertoire nicht so reich ist wie das anderer Instrumente...)

Am Abend traf ich zehn Minuten vor dem Konzert ein, um mich etwas vorzubereiten. Mit meinem Mundstück benötigte ich ja kein Einblasen mehr. Alles war augenblicklich da. Ich öffnete meinen Kasten, holte das Instrument heraus und prüfte seine Funktion. Dann suchte meine Rechte das Mundstück an seinem gewohnten Platz. Meine Finger suchten vergeblich. Das Mundstück war verschwunden.

Das Konzert wurde unter dem Vorwand einer plötzlichen Indisposition abgesagt. Meine verzweifelte Suche nach dem Mundstück blieb vergeblich. Alle meine Engagements wurden annulliert, man gab gesundheitliche Gründe an. Ich versuchte natürlich, mein früheres Mundstück wieder zu spielen, aber ich fand mich auch auf meinem früheren Niveau wieder... Sechs Monate später sprach niemand mehr von mir, zurück blieben nur meine Schallplatten und Aufnahmen.

Hingegen begann ein Name auf den Plakaten zu erscheinen, ein Wunderkind, sagten die Kritiker... Eines morgens, beim Rasieren, erinnerte ich mich plötzlich, ihm begegnet zu sein in meiner Loge vor dem letzten Konzert in Brüssel. Er hatte sich vorgestellt, mir feurige Komplimente ausgesprochen und wollte unbedingt mein Instrument — und mein Mundstück — berühren.

Ich empfand überhaupt keine Rachsucht ihm gegenüber. Im Gegenteil, mein Spiegelbild reflektierte ein sonderbares Lächeln, welches jenem der alten Trödlerin in London erstaunlich ähnelte...

Brass Bulletin 60, IV / 1987 Seiten 11–14

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