16 Min. Lesezeit
Neuausgaben originaler Ensemblemusik des 17. Jahrhunderts für Blechbläser
Von Klaus Winkler
I. Zur Tradition originaler Blechbläsermusik
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Kunst der in Zünften organisierten Stadtpfeifer zu höchster Blüte gelangt.¹ Im Lauf der Jahre war ein Repertoire entstanden, das auf das Instrumentarium — überwiegend Zinken und Posaunen — zugeschnitten war.
Der wohl grösste Teil der Werke ist nicht überliefert. Drei grosse Sammlungen, «Hora Decima» (1670) und «Fünfstimmig blasende Musik» (1685) von Johann Christoph Pezelius und «Vierundzwanzig neue Quatricinien» (1696) von Gottfried Reiche, erschienen gedruckt; andere Instrumentalwerke, die für Bläser bestimmt waren, erschienen zusammen mit vokaler Musik oder in Kompendien über bestimmte Instrumente.²
Im 18. Jahrhundert verloren die Stadtpfeifer zunehmend an Bedeutung, an ihre Stelle traten die sozial aufgestiegenen «Bierfiedler», die zu «Kunstgeigern» geworden waren;³ lokale Traditionen hielten sich bis ins 19. Jahrhundert.⁴
Diese Entwicklung hatte verschiedene Auswirkungen:
- Die gedruckten Ausgaben verschwanden in wenigen Exemplaren in Bibliotheken; mündlich tradierte Literatur ging verloren.
- Die Kenntnisse über Blastechniken für bestimmte Instrumente wurden nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben.
- Der Zink, das Diskantinstrument der Bläsergruppen, starb aus.
Mit der fortschreitenden Erforschung des Umfelds von Johann Sebastian Bach wurde die in Vergessenheit geratene originale Ensemblemusik in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts wiederentdeckt. Federführend war der Musikwissenschaftler Arnold Schering, der ausgewählte Werke von Joh. Chr. Pezelius edierte.⁵ Adolf Müller von der Sächsischen Posaunenmission, der von Schering beraten wurde, liess die «Vierundzwanzig Quatricinien» des Bachtrompeters Gottfried Reiche und Kompositionen von Pezelius drucken. Etwa zur gleichen Zeit erschienen erste mehrchörige Kanzonen und Sonaten von Giovanni Gabrieli.⁶ Der entscheidende Durchbruch gelang jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg.
In den letzten 20 Jahren wuchs die Zahl der Blechbläser beständig. Dieser enorme Aufschwung ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass in den letzten Jahrzehnten die hohe Kunst des Blechblasinstrumentenspiels neu entdeckt, gelernt und gelehrt wurde. Dabei bedarf ein Name besonderer Erwähnung: Der französische Trompeter Maurice André, der in den frühen 60er Jahren die bedeutenden internationalen Musikwettbewerbe in Genf und München gewonnen hatte, wurde zum Vor- und Leitbild einer neuen Generation, die sich intensiv mit Blechblasinstrumenten zu beschäftigen begann. Zwar stand am Anfang die Trompete im Vordergrund, doch Horn und Posaune waren bald ebenfalls gefragt.
Originale Literatur des 17. Jahrhunderts bildet einen entscheidenden Grundstock eines jeden Blechbläserensembles. Hier wird der Versuch gemacht, die heute zugänglichen Neuausgaben⁷ genauer zu untersuchen. Neben den genannten Sammlungen von Pezelius und Reiche werden einzelne Kompositionen von Giovanni Martino Cesare und Giovanni Gabrieli, die für Bläser gedacht sind, analysiert.
Kriterien für die Beurteilung sind Untersuchungen zu Notentext, Tonarten, aufführungspraktischen Zutaten und kritischen Berichten. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, wurden die gedruckten Neuausgaben mit den originalen Drucken verglichen.
Weiterlesen
Erhalten Sie vollständigen Zugang zur digitalen Ausgabe.
Brass Bulletin 53, I / 1986 Seiten 69–80
Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1986–2026