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Teil 1
Hat J. S. Bach die Partie des «Corne da Caccia» der Messe h-Moll BWV 232 für Gottfried Reiche komponiert?
Von Peter Damm
J. S. Bach, Gottfried Reiche
Anlässlich einer Schallplattenproduktion der h-Moll-Messe von J.S. Bach mit dem Neuen Bachischen Collegium musicum zu Leipzig unter der Leitung von Peter Schreier wurde die Möglichkeit erwogen, dass der Komponist die Partie des obligaten «Corne da Caccia» in der Arie «Quoniam tu solus sanctus» (BWV 232¹/10) für den Senior der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche (1667-1734) komponiert hätte. Infolgedessen wurde die Arie «Quoniam» zweimal aufgenommen: Einmal in der üblichen Version, d.h. die Corno-Partie auf dem Diskanthorn in F alto ausgeführt, später in einer Version in D alto, ausgeführt durch den Trompeter Ludwig Güttler auf einem sogenannten Piccolohorn.¹ Dieses, in den äusseren Abmessungen bedeutend kleinere Diskantinstrument wurde von Meister Friedbert Syhre in Leipzig entwickelt. Meister Syhre überraschte mich mit dem Prototyp eines engwindigen Diskanthornes bereits im Jahre 1976. Hier nahm der Wunsch vieler Hornisten nach einem handlichen «Urlaubs-instrument» Gestalt an, doch sollte dies nicht der Endzweck sein. Mir war dieses Piccoloinstrument willkommen, weil es klanglich meine Programme für Horn und Orgel aufhellte.
Ursprünglich in der Stimmung F alto, wurde es später als kombiniertes Instrument in F alto/B diskant (= Trompete in B) gebaut. Klanglich ist das Instrument eine Mischung zwischen Flügelhorn und Diskanthorn. In der ursprünglichen Bauart wird es mit einem Hornmundstück normaler Randgrösse, jedoch kleinem Trichter angeblasen. In dieser Ausführung wurde es von mir in einer Schallplattenproduktion «Musik für Horn und Orgel» (ETERNA 827 572) geblasen. Eine Weiterentwicklung in D alto-Stimmung besitzt ein weiteres Mundrohr und kann mit Trompetenmundstück geblasen werden. Geschäftstüchtig wurde jetzt die weiterentwickelte Form «Corno da caccia» genannt, in der Presse als das «wiederentdeckte» bzw. «rekonstruierte Corno da caccia» hochgelobt.
Widerspruch der Hornisten
Und an diesem Punkt regt sich der Widerspruch der Hornisten. Das von Syhre entwickelte engwindige Piccolohorn hat klanglich mit dem Corno da caccia des frühen 18. Jahrhunderts so wenig gemeinsam, wie die heutigen kleinen Trompeten mit den Langtrompeten der hohen Zeit der Clarinblaskunst. Wer letzteres prüfen mag, höre sich die Schallplatte «Baroque & Brass» an, welche Kompositionen für Bläserensembles (Trompeten und Posaunen), vorgetragen auf originalen Instrumenten enthält (Teldec 6.429 77 AZ).
Ein weiterer Widerspruch regt sich, wenn die alte verallgemeinernde Behauptung wiederholt wird, dass alle hohen Hornpartien nur Trompeter auf dem Horn blasen konnten. Auf Grund belegter historischer Tatsachen ist diese pauschale Einschätzung abzulehnen.
Abzulehnen ist auch die immer wieder aufgewärmte These, dass es vor 1750 nur kesselförmige Mundstücke für das Horn gegeben hätte. Den Beweis für die Existenz trichterförmiger Mundstücke in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbrachte Horace Fitzpatrick.²
Aus Anlass des 300jährigen Hornjubiläums hatte ich an gleicher Stelle über die Hornisten der kurfürstlichen Hofkapelle Dresden und deren bewundernswerte Clarinblastechnik berichtet. Es wurden aber nicht nur in Dresden sondern auch in anderen Hofkapellen frühzeitig Spezialisten für das Corno da caccia engagiert, denen der Wechsel zur Trompete untersagt war (Zunftordnung der Reichstrompeterzunft!). Man kann und darf deshalb nicht alle Kompositionen des frühen 18. Jahrhunderts mit einem Mass messen, sondern muss unbedingt die historischen Hintergründe betrachten.
Dies will ich nachfolgend bei der Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage tun.
Gottfried Reiche?
Als Beweis für die hohe Version der Hornpartie der «Quoniam»-Arie wurde das Instrument auf Gottfried Reiches Porträt herangezogen. Dieses Gemälde sowie die handschriftliche Stimme des «Corne da caccia»³ der Arie sagen jedoch nichts über eine Ausführung in D alto aus. Auch der Text der Arie lässt eine solche Deutung zweifelhaft erscheinen. Vielmehr weisen alle Umstände darauf hin, dass die «Corne da caccia»-Stimme nicht für Gottfried Reiche und Leipzig komponiert wurde, sondern Bach mit Kyrie und Gloria, der ursprünglichen Missa BWV 232¹, ein ganz besonderes Ziel verfolgte: dem Hofe von Dresden zu gefallen.⁴
Klangfarbe
Nach 1680 vollzog sich eine Wandlung des Hornes vom Gebrauchsinstrument zum Kunstinstrument. Nicht spontan erfolgte der Eingang in das Orchester, mancherorts wirkten gelegentlich Horn blasende Jäger mit, andernorts, wie zum Beispiel 1710 in Dresden, wurden spezialisierte Musiker engagiert.⁵
Jagdhörner, deren tonliche Qualitäten entsprechend ihrem ursprünglichen Verwendungszweck klanglich hell und teilweise scharf waren, fügten sich nur schwer dem Orchesterklang ein. Vorteilhafter eignete sich ein von den Gebrüder Leichnambschneider in Wien um 1700 eigens für das Orchester weiterentwickelter Typ des Jagdhornes mit auswechselbaren kurzen und langen Aufsteckstiften beziehungsweise — bögen, sogenannte «Stickel» und «Krummbögen» zur Intonationskorrektur beziehungsweise zur Vertiefung der Grundstimmung.⁶ Mit Benutzung der Aufsteckbögen wurde das «Jägerhorn», wie es Michael Leichnambschneider noch immer auf seinen Rechnungen bezeichnete, für die Jagd unbrauchbar.
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Brass Bulletin 56, I / 1986 Seiten 61–73
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