Brass Bulletin ist jetzt auch auf Italienisch und Spanisch verfügbar.
Brass Bulletin 45, I / 1984 Seite 62–65 · 3 Min. Lesezeit

Ein grosses kammermusikalisches Werk für Blechbläser?

Quintet, von Peter Maxwell Davies

Ein grosses kammermusikalisches Werk für Blechbläser?

Albany Brass Ensemble: David Whitson, James Handy, James Gourlay, Paul Archibald, Graham Ashton

Ein regnerischer Tag im Januar. Fünf jugendliche Musiker bereiten in einem der grösseren BBC-Studios die Aufnahme eines Stücks vor, das nach den ersten Aufführungen in Amerika letztes Jahr als «grosses kammermusikalisches Werk» bezeichnet wurde.

Als Komponist zeichnet Peter Maxwell Davies, und er sagt, dass sein «Quintett» «sowohl von Interpreten wie Zuhörern eine gute halbe Stunde äusserster Konzentration» verlange.

Das Albany Brass diskutiert mit dem Tontechniker Martin Page die Resonanzprobleme. «Normalerweise benützen wir ein Horn-Mikrophon.» (Das Horn ist natürlich leiser als die andern und zeigt erst noch in die falsche Richtung.) Martin zieht es vor, nur ein Mikrophon einzusetzen.

«Die bezahlten eine Menge für ihre Mikrophone und wollen nicht, dass wir sie kaputtmachen», murmelt Jim Gourlay hinter seiner Tuba hervor. James Handy macht sich Sorgen. Er hat einen schwierigen und verantwortungsvollen Tag vor sich, denn wie Andrew Porter im New Yorker schrieb, hat das Horn die wichtigste Stimme zu spielen.

Paul Archibald, erster Trompeter und der Blechblasmusik ganz ergeben, freute sich riesig auf dieses Werk; nicht nur wegen dem Prestige des Komponisten, sondern wegen der musikalischen und technischen Herausforderungen, den komplexen Rhythmen, den extremen Tonlagen und der Virtuosität. «Die Komponisten schreiben gewöhnlich Sachen, die sie für Blechbläser als geeignet erachten. Ich aber sage: «Er soll schreiben, was er will, und wir werden lernen, es zu spielen.» Als ich Maxens Agentur anrief und ihr mitteilte, dass wir die britische Erstaufführung übernehmen wollten, zweifelte sie daran, dass wir dazu fähig seien.»

Mutig machten sie sich an die Arbeit und übten während Monaten, manchmal mit dem Komponisten zusammen. «Es ist nicht möglich, sich durch diese Musik hindurchzuzählen; man muss sie kennen und fühlen.»

Die Aufführung im Konzertsaal im Dezember wurde von vielen führenden Kritikern deutlich gelobt. «Einige sagten, es sei eines von Maxens besten Werken. Dass sie über ein Werk für Blechbläser so urteilen, ist aussergewöhnlich.»

Nun üben sie den Anfang, eine kantige Hornmelodie, die sich durch alle drei Sätze hindurchzieht. Da taucht Peter Maxwell Davies auf, wie ein Lausbub in Lederjacke und Kappe. Vom Kontrollraum aus erkundigt sich die ruhige Stimme von Produzent Stephen Plaistow, ob sie für eine Aufnahme bereit seien. Sie überprüfen die Stimmung und Paul spielt ein leises Arpeggio. Das rote Licht leuchtet auf.

Sich die Aufnahme wieder anzuhören, ist ein überaus ernsthaftes Geschäft — die Musiker machen Notizen in ihren Stimmen, und Produzent und Komponist stellen Ungeschicklichkeiten fest — aber auch Lustiges. «Knappe Sache!» kommentiert Jim Gourlay eine seiner extravaganten Passagen. Ein Quietscher der Trompete löst schallendes Gelächter aus.

Die Resonanz stimmt nicht. Obwohl sich die Trompeten zurückhalten, sind Horn und Posaune zu leise. Die Sitzordnung wird angepasst, und Martin gibt sein Einverständnis zu einem Mikrophon für das Horn.

In der zweiten Aufnahme hat die langsame Einleitung eine gedämpfte Intensität, die vorher fehlte. Paul fragt sich, ob das Zusammenspiel klappte. Max sagt ihm, er sollte sich keine Sorgen machen. Er wünscht jedoch, dass die Aufschreie des Horns (wie vieles andere in diesem Stück: die lineare Spannung, die Triller, Gebrumme, wiebelnde Arabesken — sie erinnern mich an die zweite Symphonie) im betreffenden Teil am lautesten seien.

Eine weitere Aufnahme. Das Allegro, ein unruhiges, kontrapunktisches Scherzo geht in tanzende Soli auf Tuba und Posaune über mit einem tiefen, brummenden As und einem hohen, flüchtigen Des.

Jim Gourlay spielt «Polly, put the kettle on», und jedermann begibt sich in die Kantine.

Der zweite Satz, eine doppelte Variation, beginnt mit der gleichen Hornmelodie wie der erste. Hier entwickelt sie sich in ein langes, mörderisches Solo, das mit grossintervalligen, doppelten Vorschlägen verziert ist. «Eine tolle Sache!» nennt Paul sie enthusiastisch.

Mehrere Aufnahmen sind notwendig. «Ist es nicht ein bisschen zaghaft, so?» fragt Max. «Könnt Ihr etwas schneller spielen?» «Die Lippen sind schuld», meint James Handy und bewegt die seinen illustrativ.

Langsam bewegen sie sich über das Akrobatenseil. Nur wenige Zeichen nervöser Spannung sind sichtbar. James will sich vor dem Studio die Füsse vertreten, aber Stephen Plaistow regt sich nicht auf, und Max ist von überschwänglicher Freundlichkeit.

Die Musik ist in ihrer Virtuosität sehr ausdrucksstark. Sie weist aber auch durch Einfachheit schöne Wirkungen auf: der ruhige Puls in der Trompete in der ersten Variation, der den Satz auf dramatische Weise zu Ende führt; eine unregelmässige, rhythmische Figur, die von harmonierenden Dreiergruppen gespielt wird; eine Staccato-Bewegung der ersten Trompete über den langsameren, tiefen Stimmen. Max geniesst vor allem die sehr einfachen Takte zu Beginn der Coda. «Man wagt es fast nicht so zu schreiben, aber dann tut man es doch, und es gelingt.»

Als das Empire Quintet (damals Mitglieder des Boston Symphony Orchestras, welches seine zweite Symphonie uraufführte) ihn um ein Stück bat, so zögerte er zuerst. «Ich kannte sie nicht als Musiker, und offen gestanden wusste ich nicht, welche Virtuosität man Blechblasinstrumenten — abgesehen von der Trompete — zumuten kann.» Der Tuba gegenüber hatte er sogar seine Vorurteile. «Aber als ich sie spielen hörte, änderte ich meine Meinung.»

Ist Virtuosität von grundlegender Bedeutung? «Nicht eigentlich. Aber wenn ich für ein neues Medium schreibe, so erweitere ich mich dabei, und ich will, dass das Medium selbst und die Interpreten sich ebenfalls erweitern.»

Nach dem Mittagessen legen die Burschen gleich los mit dem letzten Satz, einem tanzenden Allegro vivace mit einem langsamen, choralmässigen Teil, der die ersten Motive des Werks weiter entwickelt und dann zu einem glanzvollen Schluss führt.

Alle sind recht zufrieden, aber die Interpreten rufen eifrig: «Wir wollen es noch einmal machen!» Nach einer weiteren Aufnahme und einem Stück aus dem langsamen Satz, scheinen sie zusätzliche Verbesserungen zu planen. «Ich glaube, sie realisieren nicht, dass die Sitzung vorbei ist», murmelt Stephen Plaistow. «Die würden noch die ganze Nacht weiterfahren, wenn wir sie machen liessen.»

«Sie haben sich nicht ein Mal wegen den Lippen beklagt», stellt Max ungläubig fest. Er dankt allen und verabschiedet sich. Über der letzten Tasse Kaffee fasst Stephen Plaistow zusammen: «Ich habe den ganzen Tag einem einzigen Musikstück zugehört und habe mich nicht ein Mal gelangweilt.»

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1984–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Wird geladen…

Im Brass-Bulletin-Archiv suchen.