Anni Muikku, Erkki Eskelinen
Die Blechbläserwoche von Lieksa
Das Kammermusikfestival von Kuhmo, einer kleinen Nachbarstadt von Lieksa, hat sich internationalen Ruf erworben.
Und warum sollten wir so etwas nicht auch bei uns in Lieksa veranstalten? sagte sich Erkki Eskelinen, der Direktor der Musikschule des Distriktes Lieksa (500 Schüler, 40 Lehrer aller Instrumente).
Von weitem beobachtete er die ausserordentliche Entwicklung in Kuhmo, lernte aus den zu vermeidenden Irrtümern und arbeitete daran, eine günstige Infrastruktur für sein Vorhaben in Lieksa zu schaffen (mit der Umgebung 19’000 Bewohner).
1979 ging man daran, die Entwicklung des Tourismus in der Region von Lieksa zu planen. Erkki Eskelinen nahm daran als musikalischer Sachverständiger teil und arbeitete zusammen mit Anni Muikku, damals Sekretärin auf dem Reisebüro. Der Kern der Blechbläserwoche von Lieksa wurde so geschaffen und ab 1980 nahm die Sache konkrete Form an.
Die Stadt gab eine Subvention und stellte während der Veranstaltung die Räume der Musikschule und einige Sekretärinnen zur Verfügung. Die verschiedenen Verantwortlichen der finnischen Blechbläserguilden unterstützten das Projekt sofort, indem sie eine berufliche Leitung stellten (Solisten, Lehrer, Spezialisten für Kammermusik, usw.) und internationale Kontakte ermöglichten. Von da an wird die Entwicklung der finnischen Blechbläserwochen von Lieksa aufsehenerregend sein.
1982 entdeckte der finnische Staat die Qualität und die Bedeutsamkeit der Initiative, würdigte die Öffnung zur Welt, die sie herbeiführte und das hohe musikalische Niveau der Darbietungen. Das Unternehmen wurde offizialisiert und erhielt staatliche Subvention.
Die Sibelius-Musikakademie von Helsinki, in Anerkennung des Profils der Unternehmung, übernimmt von nun an die Organisation, die Finanzierung und die Zusammenarbeit für die Meisterkurse.
Die Pioniere
Simo Kanerva (Posaune), Timo Mäkinen (Trompete), Erkki Karjalainen (Trompete), Timo Ronkainen (Horn) und Pertti Kulku (Trompete) sind in gewisser Weise die Pioniere der Initiative von Erkki Eskelinen.
«In Finnland kennen alle alle. Als Erkki Eskelinen sein Projekt lancierte, hat er uns sofort in Helsinki angerufen, weil er wusste, dass wir schon Erfahrung im Unterricht und in der Kammermusik haben. Die Trompeter- und Hornguilde waren schon gegründet und organisiert und hatten schon ausländische Künstler eingeladen (vor allem die Hornisten).»
«In Lieksa kam alles zusammen, und so wurde die kleine Stadt zur finnischen Blechbläserhauptstadt, die Hochburg ihres Gedankenaustausches und beruflichen Kontaktes. Sie ist auch der Empfangsort, wo die ausländischen Kollegen ihre internationale Perspektive hinbringen.»
Ziele
Der Hauptzweck der Blechbläserwochen von Lieksa ist die Förderung und Entwicklung zum höchstmöglichen Standart der Blechbläser-Kammermusik in Finnland. Die Organisatoren versuchen, grosse ausländische Lehrer einzuladen, um den Studenten und ihren finnischen Lehrern eine möglichst breite Palette zu bieten.
Die ausländischen Studenten sind willkommen, aber ihre Anwesenheit ist nicht der Hauptzweck der Anstrengungen der Veranstalter.
Vorgesehene Entwicklungen
Der Preis der Kurse ist sehr bescheiden, weil man viele Einschreibungen haben möchte. Dennoch kann die Zahl der Teilnehmer (etwa 100) und der Lehrer (etwa 15) nicht erhöht werden. Die ökonomischen Möglichkeiten und die Infrastruktur sind trotz allem begrenzt. In Zukunft wird man wohl angepasste Einschreibegebühren erwarten müssen, die dem Wert des erteilten Unterrichtes entsprechen.
Grundsätzlich wird man die bewährte Formel in Zukunft beibehalten, während die «Menüs» jährlich nach neuen Ideen variiert werden sollen. 1986 wird zum Beispiel die Jazz-Musik grossgeschrieben. Man prüft auch die Idee eines jährlichen Blechbläserwettbewerbes (mit Instrumentenwechsel jedes Jahr), mit internationaler Erweiterung im Erfolgsfall.
Erkki Eskelinen arbeitet auch daran, den Besuch der Konzerte durch das einheimische und touristische Publikum zu verbessern. Nicht nur wäre die Selbstfinanzierung hoch willkommen, sondern die Popularität würde die Veranstaltung in der öffentlichen Meinung aufs glücklichste aufwerten. Die sichtbare Entwicklung geht jedenfalls in diese Richtung. Ausser den grossen Blechbläsern aus dem Ausland findet man in Lieksa auch Blasmusiken (Brass Bands oder Harmonien) aus Deutschland, England oder anderswo, die angenehme öffentliche Freiluft-Konzerte geben, was gerade in Finnland besonders geschätzt wird. Die Initiative von Erkki Eskelinen und seiner Mannschaft ist exemplarisch und verdient einen Besuch, besonders da auch die Gegend von ausserordentlicher Schönheit ist. Nützliche berufliche Fortbildung und Ferien können dort aufs glücklichste verbunden werden.
Zwei wichtige Adressen:
Lieksa Brass Week
Koski-Jaakonkatu 4
SF-81700 Lieksa
☎ 75-20359
City Tourist Office
PL 41
SF-81701 Lieksa
☎ 75-20500
Leena Heikkilä, Pasi Pirinen, Juha Salmela, Aki Välimäki
Gespräch
Was bedeutet die Blechbläserwoche von Lieksa (1985) für die jungen finnischen Musiker?
Diese Frage stellte ich folgenden Personen:
Aki Välimäki, (im weiteren als AV bezeichnet), zweite Teilnahme, erster Trompeter im Sinfonieorchester von Helsinki.
Pasi Pirinen (PP), Trompeter, dritte Teilnahme, 16 jährig, Student an der Sibelius-Akademie in Helsinki.
Leena Heikkilä (LH), fünfte Teilnahme, drittes Horn im Sinfonieorchester von Kuopio und Lehrerin.
Juha Salmela (JS), Tuba, vierte Teilnahme, Schüler der Berufsklasse von Raimo Pesonen an der Sibelius-Akademie in Helsinki.
LH: Lieksa ist jedes Jahr verschieden!
AV: Hier passieren viele Dinge, vielleicht zu viele... Mir haben die Meisterkurse sehr gefallen und ich habe viel gelernt. Die technischen und musikalischen Fragen werden immer sehr klar behandelt und gut geübt.
Früher waren die Schüler schüchtern. Dieses Jahr (1985) überrascht mich, dass die Lehrer uns sehr ermuntern und alle Lust zum Spielen haben.
Die unfallbedingte Abwesenheit von Guy Touvron half uns, Richard Giangiulio zu entdecken, der uns zu fesseln wusste.
Die Blechbläserwoche von Lieksa ist das wichtigste Ereignis im Sommer für die finnischen Blechbläser, und sie können dort ihre ausländischen Kollegen treffen. Heutzutage ist die technische Seite überall in der Welt klar analysiert, was uns aber hier wichtig ist, ist der andersartige musikalische Weg, den unsere ausländischen Kollegen uns zeigen und der uns zum Nachdenken anregt.
Das Durchschnittsniveau der Teilnehmer hat sich in diesen zehn letzten Jahren gewaltig verbessert.
LH: Ich denke es war sehr klug, ein Blechbläserquintett einzuladen. Die Instrumentenpalette war für Kammermusik und Meisterkurse komplett.
PP: Es war sehr interessant, dieses Jahr französische Gäste zu haben.
JS: Vor allem die Persönlichkeit der Musiker ist verschieden. Die technischen und musikalischen Themen gleichen sich meistens. Die Franzosen von Guy Touvrons Quintett scheinen Wert zu legen auf eine sensible und subtile Musikalität.
LH: Ja, zum Beispiel hat uns Michel Molinaro ein französisches Werk vorgestellt, und die französische Art, es zu üben und zu spielen.
JS: Es ist sehr interessant, Konzeptionen zu vergleichen. Der englische Trompeter John Miller, der regelmässig nach Lieksa kommt, hat mit uns in verschieden zusammengesetzten Gruppen gearbeitet, sowohl für die Kammermusik als auch für die Arbeit als Register im Orchester. Man stellt das Gleichgewicht zwischen den Instrumenten her, man diskutiert über die verschiedenen Stile.
LH: All das ist in der Tat sehr positiv, aber — und unter den Studenten haben wir darüber geredet — das Angebot ist in so kurzer Zeit fast zu gross.
PP: Ich selbst schätze besonders die Meisterkurse. Man spricht dort von Problemen, die wir alle beobachten und studieren können.
LH: Das stimmt, aber für mich sind die Einzelstunden viel effizienter.
BRASS BULLETIN: Wie situiert Ihr Euch im Verhältnis zu den Blechbläsern anderer Länder, oder anders gesagt, wie sieht dieser Vergleich aus?
PP: Die Meinung der ausländischen Meister ist wichtig. Herr Giangiulio, zum Beispiel, hat uns versichert, unser Niveau sei dementsprechend was man in den anderen Ländern antrifft, und unsere Probleme seien dieselben wie anderswo... Aber wir sind eben sehr schüchtern...
LH: In dieser Hinsicht haben uns die Blechbläserwochen von Lieksa sehr gestärkt. Wir haben Vertrauen in unsere eigenen Möglichkeiten gewonnen. Dafür danken wir Erkki Eskelinen.
Strukturen des Musikunterrichtes in Finnland
Es gibt etwa hundert Musikschulen, die von den Gemeinden unterhalten werden und Elementar- bis Mittelstufen-Unterricht vermitteln. Sie sind über das ganze Land verteilt.
Für Berufsschüler (ab 16 Jahren), die ein Lehrdiplom anstreben (zum Beispiel für obengenannte Musikschulen) gibt es zehn nationale Konservatorien: Helsinki, Joensuu (Orchesterschule), Kokkola (Orchesterschule), Turkku, Lahti, Jyväskylä, Tampere, Kuopio, Oulu, Pietarsaari (Konservatorium in schwedischer Sprache).
Der professionelle Unterricht der höchsten Stufe wird ausschliesslich an der Sibelius-Akademie von Helsinki erteilt. Diese Institution wurde 1882 gegründet (Privatstiftung) und 1980 verstaatlicht. Gegenwärtig gibt es dort etwa 700 bis 800 Schüler und 250 Lehrer).
Unabhängig von dieser zivilen Struktur gibt es die Militärmusik-Akademie in Helsinki, die lange Zeit im speziellen Bereich der Blechbläser eine wichtige Rolle gespielt hat.
Finnland hat sich eine ausgezeichnete Struktur des Musikunterrichtes zu geben gewusst — auf das ganze Land verteilt.