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Eindrücke einer kurzen Konzertreise in der UdSSR

Eindrücke einer kurzen Konzertreise in der UdSSR

Tom Everett

Heimkommend von einer zweiwöchigen Konzertreise in Finnland (Helsinki) und Russland (Moskau und Leningrad) als Hilfsdirigent des Massachusetts Jugend-Bläserensembles im April 1975, kam mir die Idee, dass unsere in der UdSSR gemachten Erfahrungen vielleicht die BRASS BULLETIN-Leser interessieren würden.

In Moskau wohnte ich einer Aufführung des Bolschoi-Balletts bei, und zwar im neuen Saal im Kreml. Der Saal war gestossen voll, und das Publikum begrüsste die Tänzer und Tänzerinnen mit herzlichem Applaus. Der Ensembleklang des Orchesters war ausgezeichnet, jedoch empfand ich im Allgemeinen das Spiel der Blechbläser (speziell die Oktaven der tiefen Bläser) als etwas zu aggressiv und laut, was wohl recht aufregend, aber doch ein wenig ungewohnt war. Beachtenswert war die Ausarbeitung der Details in der musikalischen Aufführung, und die Tänzer wirkten weniger akrobatisch, künstlerisch freier, als während einer kürzlichen US-Tournee, als ich mit dem Bolschoi in Boston spielte. Vielleicht liegt der Grund zu dieser ungezwungeneren Aufführung im Publikum, weil in Russland Ballett und Oper von allen Bevölkerungsschichten besucht werden, wie in Amerika die Kinos.

Interessant war auch das Radio in unserem Hotelzimmer: tagtäglich konnte man 24 Stunden lang fünf Stationen hören. Eine Station sendete Oper, eine Orchester- und Kammermusik, eine Hörspiele, wie ich annahm (alles ging natürlich auf Russisch vor sich), die vierte sendete Nachrichten und Kommentare und die fünfte schliesslich brachte Volks- und Unterhaltungsmusik.

Wir gaben ein Konzert im Staatlichen Gnessin-Musikpädagogischen Institut. Das ist ein Konservatorium, wo Studenten (meist zwischen 17 und 23 Jahren) auf Volksinstrumenten, aber auch für den musikpädagogischen Beruf ausgebildet werden. Die Gnessin-Studenten interessierten sich sehr für unsere Instrumente, die sie ausprobierten und versuchten, sich nach dem Konzert mit unseren Studenten zu unterhalten.

Im Rimsky-Korsakov-Konservatorium in Leningrad hatten wir weit mehr Gelegenheit, mit interessierten Studenten in Kontakt zu kommen. Als wir uns mit den Blechbläsern des Konservatoriums unterhielten, bemerkte ich, dass ihre Instrumente enger mensuriert sind, als unsere gewöhnlich sind; dafür aber sind die Mundstücke verhältnismässig weiter (Kessel) und tiefer. Die meisten Instrumente sind russischer Herkunft, einzelne amerikanisch (vorwiegend Bach, auch einige Conn).

So wie die Blechbläser auf der ganzen Welt wollten auch sie gerne Mundstücke austauschen und Instrumente ausprobieren. Verschiedene Studenten verwendeten Schilke-Mundstücke, welche einer der Konservatoriumslehrer vor vielen Jahren einmal in Chicago gekauft hatte. Der Hornprofessor wollte sehr gerne wissen, ob unter unseren Studenten vielleicht jemand ein Holton-Farkas-Modell hätte, das er versuchen könnte — und das hatten wir!

Der Stundenplan der Meisterklassen dieses Konservatoriums ist sehr verschieden von unserem. In den USA sind die Meisterklassenstunden meistens Einzelstunden, die wöchentlich einmal stattfinden. Am Rimsky-Korsakov bestand der Posaunenunterricht durchwegs aus Gruppenstunden, und zwar zwei- bis dreimal wöchentlich, an denen alle Posaunenschüler teilnehmen. Eine solche Klasse (sie bestand aus neun Schülern) übte Orchesterauszüge, wobei die Spieler einmal die hohen, dann wieder die tiefen Stimmen übernahmen. Es wurde oft zwischen Tenor und Bass gewechselt, da die Tenorinstrumente kein Quartventil hatten. Ich musste feststellen, dass das Hauptziel beim Training der russischen Instrumentalisten die Orchestertätigkeit ist. Anscheinend werden alle nach dem Diplom in einem Orchester untergebracht.

Dann gibt es aber auch eine Meisterklasse für solistische Ausbildung. Auch diese wird von allen Studenten besucht, und jeder Student spielt die Solowerke. Diese bestehen alle aus Werken des 19. Jahrhunderts oder aus russischen Kompositionen. Sie wurden auswendig und mit Klavierbegleitung gespielt. Französische Kompositionen, Saint-Saëns und die Teststücke des Pariser Konservatoriums, waren am beliebtesten. Genau betrachtet hatte ich den Eindruck, dass sich die gesamte von den Musikstudenten (insbesondere Posaunenstudenten) verwendete Literatur aus russischen Werken und französischer Konservatoriumsmusik (in Alphonse-Leduc-Ausgaben) zusammensetzt, hie und da durch Kompositionen aus den Oststaaten aufgelockert (z. B. Serocki, Polen). Der grosse russische Lehrer Blazhevich hat ein reiches Œuvre von zwölf Konzerten und zahlreichen Methoden sowie wertvollen Etüden hinterlassen. Es war lustig zu beobachten, wie bei manchen Studenten zum Zeichen der Ablehnung «der Daumen nach unten ging», als wir Rimsky-Korsakovs Konzert spielten!

Die dritte Meisterklasse bestand aus Übungen und Etüden, oftmals unisono gespielt. Ich beobachtete, dass es viele technische Übungen gab, aber wenig Legato-Material. Ich habe inzwischen einige Concone- und Bordogni-Rochut-Melodische Studien hinübergesandt, in der Hoffnung, damit eine Lücke im Studienmaterial auszufüllen.

Tief beeindruckte mich der Ernst der Posaunenstudenten und ganz besonders ihr allgemeines Musikertum, Ohrtraining (sie solmisieren alles Material), Genauigkeit und Ausdauer. Die Spieler, die ich hörte, spielten alle laut mit robustem, angriffigem Vortrag, was sehr aufregend klang. Von Klangfeinheit oder Legato war jedoch nichts zu hören.

Die am Konservatorium zugelassenen Studenten sind stark selektioniert und alle sind bereits von jung auf an anderen Schulen auf eine Musiklaufbahn vorbereitet worden, was vielleicht ein Vorteil ist im Vergleich zu unserem, viel zu generell gehaltenen System.

Die UdSSR kennt keine Bläserensembles in unserem Sinne. Es gibt aber Militärkapellen und die sehr wichtigen und populären Zirkuskapellen. Die Konservatoriumslehrer waren höchst erstaunt über die grosse Vielfalt unserer Programme. Tatsächlich bilden wir manchmal kleinere Jazz-Gruppen, dann wieder spielen wir Kammermusik, Hindemiths B-Dur-Sinfonie, Porgy and Bess von Gershwin (unsere Glanznummer!), Sousa und sogar russische Musik von Prokofiev und Miaskovsky.

Sie waren fasziniert von der dynamischen Reichweite und dem Können unserer Studenten, insbesondere der Blechbläser.

Ich gab mir ganz besondere Mühe, mit Jazz in Kontakt zu kommen. Es gelang mir sogar, einen der wenigen russischen Jazzkritiker kennenzulernen, aber was ich zu hören bekam, war meistens eine Art Swing-Tanzmusik aus der Mitte der fünfziger Jahre. Eine der Gruppen war zusammengesetzt aus einem Altsaxophon, einer Trompete, Orgel, Bass und Schlagzeug. Die meisten Musiker kannten einige der berühmten Jazz-Erneuerer und wollten unbedingt wissen, wie populär diese in den USA waren.

Es war mir eine grosse Freude, alte, liebe Erinnerungen mit Victor Venglosky wachzurufen. Er ist Professor für Posaune am Konservatorium und Solo-Posaunist am Leningrader Philharmonischen Orchester. Es war allerdings eine Nervenprobe, Kontakt mit Victor herzustellen: ich brauchte vier Tage dazu (die Telefonsituation ist unglaublich!), und so konnten wir uns erst am letzten Abend vor meiner Abreise aus Leningrad sehen. Victor und ich tauschten — ausser Erinnerungen — Musik und Schallplatten aus. Er nimmt sehr aktiv am Leningrader Musikleben teil und gab mir vier von ihm gespielte Platten, die vielleicht auch andere Posaunisten interessieren:

Darius Milhaud — Concertino d’Hiver, mit Orchester (c.01363-4)
Solo mit Klavier: Musik der Franzosen Poot (Impromptu) und Bozza (Ballade), sowie des Russen Angelov (Scherzino), und Transkriptionen von Rachmaninoff und Weber (cm.01921-22)
Das Leningrader Posaunenquartett: Suiten von Dondeyne und Serocki, drei Stücke von Bozza, vier von Defay, Être ou ne pas être von Tomasi und ein russisches Werk von Kladniski (cm.04239-40)
Schliesslich Musik für verschiedene Bläsergruppen, u. a. von Poulenc (Trio) und Speer (Sonate) (cm.02955-56)

Alle Platten sind auf Russia Melodiya erschienen.

Tief beeindruckt war ich von der Freundschaft und Wärme, die mir von den Russen, insbesondere von den Musikern, denen ich begegnen durfte, entgegengebracht wurde. Die gemeinsamen Interessen halfen mit, die Sprachbarrieren zu überbrücken (ich spreche nur wenige Worte Russisch), und so hoffe ich, dass auch andere BRASS BULLETIN-Leser sich zu einer Russlandreise entschliessen werden — sei es als Touristen oder zur Forschung, zur Aufnahme von Kontakten mit Musikern oder ganz einfach des ganz seltenen, einzigartigen Erlebnisses wegen!

Tom Everett
Tom Everett

Tom Everett, der uns freundlicherweise folgende interessante und lebhafte Beschreibung seiner UdSSR-Tournee zukommen liess, ist Solo-Bassposaunist (Boston Ballet and Opera Orchestra) und unterrichtet am New England Conservatory sowie an den Universitäten Harvard und Brown. Er ist Präsident der International Trombone Association.

Brass Bulletin 14, II / 1976 Seiten 16–18

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