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Die Entwicklung der Literatur für Amateur-Blasorchester in Mitteleuropa seit 1950
Von Wolfgang Suppan
Etwa 10’000 Blasorchester mit zusammen rund einer halben Million aktiven Musikern prägen das dörfliche und kleinstädtische Musikgeschehen in Süddeutschland, in Österreich, in der Schweiz und in Südtirol. Statistiken des Deutschen Musikrates bezeugen es: Keine andere Institution des öffentlichen Musiklebens führt in dieser Region derzeit mehr junge Menschen zum Musizieren. Und trotzdem gilt diese breite Basis der musikalischen Kulturpyramide vielfach als suspekt. Musikgeschichten sprechen nicht davon, Lexika und Enzyklopädien haben kaum eine Zeile für die musikalische Entwicklung, für die gesellschafts- und kulturpolitische Wirksamkeit und für die Komponisten und Interpreten dieses Genres übrig. Die Quantität wird der Qualität (angeblich) zum Verhängnis. Darf einem Vertreter der L’art-pour-l’art-Ästhetik Verständnis für das Amateurblasmusikwesen fehlen, so muss doch der Musikpädagoge und Kulturpolitiker damit rechnen, dass die Mitglieder der Blaskapellen einem Bildungsprozess unterworfen werden, der für die Gesamtheit der Musikkultur nicht bedeutungslos bleibt. Die Fragen sind deshalb von allgemeinem Interesse: Wie findet der Einpassungsprozess junger Menschen in und der Sozialisierungsprozess durch die Blaskapellen statt?² Welche Musikliteratur wird dort an die Menschen herangetragen? In welchem gesellschaftlichen Umfeld vollziehen sich Ausbildung und Auftritte/Konzerte? In diesem kurzen Aufsatz möchte Verf. zur Beantwortung der zweiten Frage einen Baustein liefern.
Das «Konservatorium Europas» nannte man die böhmischen Länder einst. In privaten Musikschulen wurden dort «Eleven» für die Militärkapellen des deutschen Sprachraumes ausgebildet. Auf dem Bild die Kapelle des Internates von J. Volesenský in Neu-Byzoo, später Königgrätz. Der monatliche Unkostenbeitrag lag mit K 58.- sehr hoch. Die Musiker mit den hellen Kappen sind bereits für bestimmte Militärkapellen ausgesucht worden und verlassen das Internat. 1910.
Seit Paul Hindemith im jugendbewegten Schwung der zwanziger Jahre erkannt hatte, dass dieses grosse Potential an Musikamateuren («Laien» — wie er es nannte) von verantwortungsbewusst denkenden Pädagogen und Komponisten nicht allein gelassen werden dürfte, seit Hindemith selbst sowie Ernst Krenek, Ernst Pepping und Ernst Toch für die Donaueschinger Musiktage des Jahres 1926 einschlägige Werke schufen³ — eine Bewegung, die Hermann Grabner mit der «Perkeo-Suite» (nach Art einer klassischen Harmonie-Musik, 1923, gedruckt 1925) eingeleitet hatte und mit der «Burgmusik» und den «Firlefei-Variationen», 1937, mit dem «Concerto grosso», 1940, fortsetzte, in der sich die Namen Boris Blacher, Paul Höffer, Hans Felix Husadel finden, — seit damals ist der Trend zu einer originalen Musik für Amateurblasorchester und weg von der bis dahin dominierenden Marsch- und Freiluft-Unterhaltungsmusik einerseits und von den Bearbeitungen klassischer und romantischer Meisterwerke andererseits deutlich auszumachen⁴.
Ausgediente Militärmusiker gründeten im 19. Jahrhundert den Grossteil der zivilen Kapellen in Stadt und Land. So kam es auch, dass die Amateurblaskapellen sich in Fantasie-Uniformen einheitlich zu kleiden begannen. Unser Bild: die Musikkapelle Nordrach/Kinzigtal, BRD, im Jahr 1963.
Der Zweite Weltkrieg verlagerte diese Entwicklung nach den USA, wo leistungsfähige Highschool- und Universitätsblasorchester ebenfalls nach neuer und bläserspezifischer Literatur suchten: Paul Hindemith schrieb dafür die «Symphonie in B», Arnold Schönberg «Thema und Variationen», op. 43A⁵, Krzysztof Penderecki die «Pittsburgh Overture». Doch schon in den fünfziger Jahren suchte ein Kreis um Guido Waldmann am Hochschulinstitut für Musik in Trossingen, im Zentrum des süddeutschen Blasmusikwesens, Hindemiths und Grabners Ideen aufzugreifen und den gewandelten Gesellschaftsformen anzupassen. Der starke Zuzug junger Menschen zur Blasmusik erneuerte nicht allein die einzelnen Orchester, es bestand zudem die Chance, mit Hilfe der Literatur dem Amateurblasmusikwesen zeitgemässe Züge zu verleihen. Die Schwierigkeit bestand darin, einen Ausgleich zwischen der Entwicklung der Avantgarde in der Musik und den Möglichkeiten von Amateuren zu finden, eine «Neue (schichten- und situationsspezifische) Einfachheit» zu schaffen, die nicht in den Verdacht des Trivialen geraten sollte.
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Brass Bulletin 49, I / 1985 Seiten 13–30
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