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Vorwort

Vorwort

Man ist immer wieder aufs neue überrascht, wie doch das Leben eine unergründliche Wunderkiste darstellt. Unsereins hat mit der Musik zu tun; aber wie das Leben ist auch die Musik voller Geheimnisse...

Jede Epoche hat ihre Verehrer des Vergangenen, ihre Pioniere der Zukunft, ihre Snobs, ihr Schwärmer, ihre Gleichgültigen, ihre Fachleute, ihre Opportunisten, ihre Märtyrer, ihre Helden und ihre Wetterfahnen; und es ist sehr gut, dass es ist, wie es ist.

Aufgrund der sich streitenden Gegensätze, der Konfrontation verschiedener Wahrheiten, stellt sich mit der Zeit ein Gleichgewicht her. Gruppen werden gebildet, die sich rivalisieren oder im Wettbewerb stehen gegeneinander; Ideen entwickeln sich oder verschwinden.

Heute jedoch scheint es, dass man in eine neuen Formel eingekeilt wird. Die Macht der Massenmedien, der Disk-Jockeys¹ (zu Pferd auf der galoppierenden Mode) hat sich wegen der Verstärker, der Videos, dem hypnotisierenden Bildschirm, den Radio- und Televisions-Kanälen, den Nachrichten-Monopolen auf ganz erschreckende Weise erweitert. Unglaublich grossen Hörermassen spritzt man musikalische Fertigware unter die Haut und fanatisiert sie auf diese Weise. Man kommerzialisiert eine Art von Musik, die sich auf den einfachsten Nenner bringen lässt: eine Ekstase dank dem Maschinenhammer, dessen Aufschwung so eng verknüpft ist mit demjenigen von Kanonen und Bomben. Millionen von Menschen werden so mit der dumpf dröhnenden, apokalyptischen Gewalt vertraut und mit der kollektiven Raserei, die durch Monster-Versammlungen geweckt wird.

Um eine gigantische Opferung zu inszenieren, würde man nicht anders vorgehen.

Jazz, Barockmusik, Jodel, Avantgarde, gregorianischer Choral usw. sind Musikarten, die die Disk-Jockeys als zu schwierig erachten für das Volk.

Man will uns offenbar den musikalischen Hamburger aufzwingen, funktionelles, billiges Fast-Food — hören Sie sich nur gut um. Drei Minuten Kultur zu einem Dollar.

Kürzlich hat ein Disk-Jockey des Radio Suisse Romande (immerhin Staatsmonopol) an alle Schallplattenhändler des Landes ein Rundschreiben geschickt, in welchem er ihnen angibt, dass ein bestimmter Titel 28 mal (!) in der Woche aufgelegt werde, und er rät ihnen, die fragliche Platte von nun an auf Vorrat zu haben — eine phantastische Absatzförderung; aber in wessen Namen, für wen und weshalb?

Es ist die Diktatur des Scheins und des Bla-Bla. Und wir Musiker? Werden nicht auch wir wie Marionetten manipuliert?

Lassen wir dieses empörende Thema!

Kürzlich sprach ich mit einigen Freunden über den musikalischen Geschmack. Ich war verblüfft darüber, dass sich heute auf interessante Weise eine Wiedergeburt des Stils von 1850-1920 abspielt; das virtuose Kornett und seine romantische Literatur sind wieder Mode.

Vor einigen Jahren haben die herrlichen Musiker Philip Jones und Elgar Howarth ihrer Begeisterung und ihrem Entschluss Ausdruck gegeben, dass sie den Typ des englischen Brass Band Musikers heranbilden wollten, indem sie ihn in eine höher stehende, kunstvollere Musik einweihten, die von den besten zeitgenössischen Komponisten geschrieben werden musste. England war in der Folge das letzte Land, in dem diese beliebte Musikart noch lebte; hier spielten noch die «reinen Blechblasensembles» mit Saxhörnern und Kornetten, die in den andern Ländern aus der Mode gekommen waren.

Mit viel Ausdauer sind Philip Jones und alle jene, die er zu begeistern verstand, eigentlich an ihrem Ziel angelangt: die Blechmusik in Grossbritannien bietet heute eine hochentwickelte Musikalität an, die den grossen Zeitströmungen relativ nahesteht. So wurde die Brass Band aus der sub-kulturellen Zone herausgehoben, in der sich diese Ensembles immer gefallen hatten.

Unglaublicher Schelmenstreich der stets wechselnden Strömungen: überall in der Welt der Blechblasmusik tauchen wieder vergilbte Partituren des «Carnaval de Venise» auf, verblüffende Variationen der Helden des Kornetts wie Herbert L. Clarke, Jean-Baptiste Arban und anderer Virtuosen in F der Belle-Epoque...

Wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst, bilden auch die Stilrichtungen eine Schlinge, die sich dreht und dreht...

Wissen Sie, wieviel im Welt-Budget der Schallplatten-Industrie für klassische Musik ausgegeben wird? Weniger als 5 %! (In diesen 5 % sind die oft horrenden Honorare der grossen Staren wie Karajan etc. inbegriffen; was bleibt da noch für die jungen Interpreten, für die Avantgarde-Musik?)

Für den authentischen Jazz gilt ungefähr das Gleiche.

90 % werden also der Unterhaltungsmusik gewidmet, der grösste Teil offensichtlich für die Hits und den Quatsch...

Gewisse Leute behaupten, dass 90 % des Volks nichts anderes wünscht als seine Hit-Parade. Andere sind überzeugt, dass die Schallplattenindustrie daran schuld ist, dass Mittelmässigkeit so gross geschrieben wird (sie ist so viel leichter zu verkaufen).

Ich weiss nicht, was Sie zu diesem Thema denken. Aber ich glaube, dass jeder Musiker gut daran tut, seinen Blick für diese Situation zu schärfen.

¹ Ich habe beim Begriff Disk-Jockey an all die «Verantwortlichen» gedacht, die für uns denken, an all die gefährlichen Individuen, die über das Mikrophon mit der anonymen Masse per Du sind, an all die Mietlinge des Show-Business, die von ihrer eigenen Stimme so überzeugt sind.

Brass Bulletin 43, III / 1983 Seiten 5–7

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