Lassen wir dieses empörende Thema!
Kürzlich sprach ich mit einigen Freunden über den musikalischen Geschmack. Ich war verblüfft darüber, dass sich heute auf interessante Weise eine Wiedergeburt des Stils von 1850-1920 abspielt; das virtuose Kornett und seine romantische Literatur sind wieder Mode.
Vor einigen Jahren haben die herrlichen Musiker Philip Jones und Elgar Howarth ihrer Begeisterung und ihrem Entschluss Ausdruck gegeben, dass sie den Typ des englischen Brass Band Musikers heranbilden wollten, indem sie ihn in eine höher stehende, kunstvollere Musik einweihten, die von den besten zeitgenössischen Komponisten geschrieben werden musste. England war in der Folge das letzte Land, in dem diese beliebte Musikart noch lebte; hier spielten noch die «reinen Blechblasensembles» mit Saxhörnern und Kornetten, die in den andern Ländern aus der Mode gekommen waren.
Mit viel Ausdauer sind Philip Jones und alle jene, die er zu begeistern verstand, eigentlich an ihrem Ziel angelangt: die Blechmusik in Grossbritannien bietet heute eine hochentwickelte Musikalität an, die den grossen Zeitströmungen relativ nahesteht. So wurde die Brass Band aus der sub-kulturellen Zone herausgehoben, in der sich diese Ensembles immer gefallen hatten.
Unglaublicher Schelmenstreich der stets wechselnden Strömungen: überall in der Welt der Blechblasmusik tauchen wieder vergilbte Partituren des «Carnaval de Venise» auf, verblüffende Variationen der Helden des Kornetts wie Herbert L. Clarke, Jean-Baptiste Arban und anderer Virtuosen in F der Belle-Epoque...
Wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beisst, bilden auch die Stilrichtungen eine Schlinge, die sich dreht und dreht...
Wissen Sie, wieviel im Welt-Budget der Schallplatten-Industrie für klassische Musik ausgegeben wird? Weniger als 5 %! (In diesen 5 % sind die oft horrenden Honorare der grossen Staren wie Karajan etc. inbegriffen; was bleibt da noch für die jungen Interpreten, für die Avantgarde-Musik?)
Für den authentischen Jazz gilt ungefähr das Gleiche.
90 % werden also der Unterhaltungsmusik gewidmet, der grösste Teil offensichtlich für die Hits und den Quatsch...
Gewisse Leute behaupten, dass 90 % des Volks nichts anderes wünscht als seine Hit-Parade. Andere sind überzeugt, dass die Schallplattenindustrie daran schuld ist, dass Mittelmässigkeit so gross geschrieben wird (sie ist so viel leichter zu verkaufen).
Ich weiss nicht, was Sie zu diesem Thema denken. Aber ich glaube, dass jeder Musiker gut daran tut, seinen Blick für diese Situation zu schärfen.