Brass Bulletin 38, II / 1982 Seite 5– · 2 Min. Lesezeit

Vorwort

Vorwort

Wer die Programme der zahlreichen Musikfestspiele überfliegt, die dieses Jahr in allen Ecken der Welt stattfinden, wird gewahr, wie selten darin Blechbläser als Solisten oder Kammermusiker figurieren. Unter allen aufgeführten Instrumenten sind die unseren mit ganzen 1–3 % vertreten, während sie doch immerhin 15–20 % eines Symphonieorchesters stellen. So teilen also die Tasteninstrumente, Streicher, Sänger und — in geringerem Maß — Holzbläser den Kuchen sozusagen unter sich auf.

Gleichzeitig kann man beobachten, wie die Präsenz der Blechbläser in der Unterhaltungsmusik zurückgeht, wo die Klangfarben der «natürlichen» Instrumente immer mehr von elektronischen Sounds verdrängt werden.

Diese Feststellungen sollten uns nachdenklich stimmen.

Wir haben uns einst von einem Blechblasinstrument in Bann schlagen lassen; es beherrschen zu lernen, haben wir uns zur Leidenschaft gemacht — stehen wir heute auf dem Abstellgeleise? Die paar «großen Namen», die es bis auf die Plakatwände geschafft haben — ein André, Jones, Bauman, Tuckwell, Damm, Becquet, Slokar, oder Fletcher — sollten uns nicht in falsche Sicherheit wiegen.

Jeder von uns ist es sich schuldig, für sein Instrument zu werben und ihm ein größeres Publikum zu erschließen. Gelingt uns das, so werden auch die Konzertveranstalter nachziehen und dem «Trend» folgen. Doch diese Eroberung — denn erobert will das Publikum sein — kann nur gelingen und von Dauer sein, wenn wir die Qualität der Interpretation pflegen und unsere Programme mit Geschmack und Verstand gestalten und dosieren.

Müssen wir nicht allzu oft Musiker hören, die es den großen Virtuosen gleichtun möchten und damit der Sache der Blechbläser einen Bärendienst erweisen, weil sie sich öffentlich an Werken versuchen, die für ihr Können eine Nummer zu groß sind?

Wenn ein Blechblasinstrument ein Publikum in seinen Bann zu ziehen vermag, dann zumeist durch seinen Klang mit all seinen Schattierungen und durch seine reichen Möglichkeiten an dynamischen Nuancen und Gegensätzen. Dies sind — nebst der Kunst der Artikulation — unsere stärksten «Waffen», denen wir sorgfältigsten Schliff schulden. Demgegenüber sollte die Wahl des musikalischen Substrates aus dem immensen Vorrat, den uns die Komponisten vermacht haben, leichter fallen. Die technische Geläufigkeit dagegen ist ein quasi mechanischer Ablauf, der sich den besagten Grundqualitäten lediglich überlagert: Als ob sie uns daran erinnern wollten, beschließen große Virtuosen ihre Konzerte gerne mit einer sehr schlichten Zugabe — so Maurice André mit Schuberts Ave Maria. Doch wann lehrt man unsere jungen Künstler nach und nach an die Öffentlichkeit zu treten, mit Werken, die ihrem Können und den Umständen entsprechen?

Sodann: Jeder von uns ist es sich schuldig, das Interesse der Komponisten — aller Gattungen und Stilrichtungen — zu fördern, auf daß die Präsenz unserer Instrumente im zeitgenössischen Répertoire gewährleistet sei. Ein von den Komponisten verschmähtes Instrument ist dem Vergessen und allmählichen Verschwinden geweiht.

Seltsamerweise scheinen Laienensembles (Blech- und Blasmusikvereine) bei dieser «Operation Überleben» ungleich energischer zuzupacken — vielleicht deshalb, weil diesen Gruppen der eisige Wind des öffentlichen Desinteresses schon länger um die Ohren pfeift.

Bei den «Profis» dagegen läßt sich bis jetzt wenig mehr als eine narzißtische Neigung beobachten, sich zu versammeln und sich bei nationalen und internationalen Seminarien und Symposien gegenseitig zu applaudieren. Hoffen wir deshalb, daß solche Zusammenkünfte schließlich doch noch zur Bewußtwerdung der realen Stellung des heutigen Musikers in der Gesellschaft führen mögen!

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1982–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Loading…

Im Brass-Bulletin-Archiv suchen.