J.-P. M.: Wie erklärst du diese «Explosion»?
J. F.: In England ist sie sehr schwer zu erklären. Für die U.S.A. hingegen fällt mir das leicht. Dort hat es seit, sagen wir zwanzig Jahren oder mehr, wirklich grosse Tubavirtuosen gegeben. William Bell war vielleicht der berühmteste in den Staaten, und auf ihn ist dann eine Anzahl Virtuosen gefolgt, Leute wie Harvey Phillips und Roger Bobo, die viel solistisch aufgetreten sind und damit die Tuba ins Rampenlicht gebracht haben, und Virtuosen von diesem Kaliber sind es, die das ausgelöst haben, was ich die «Tuba-Explosion» nenne.
In England ist das sehr viel schwerer zu erklären, und ich glaube, es hat viel mit den Wirtschaftsverhältnissen zu tun. Als ich ein Junge war, war Tubaspielen aus diversen Gründen etwas völlig Ausgefallenes, vor allem weil eine Tuba schwer ist und umständlich zu tragen — die wenigsten Leute hatten Autos — und dann auch, weil man sich den Kauf einer Tuba nicht leisten konnte.
Tuba (oder «Bass», wie wir sie nennen) konnte einer nur in der «Brass Band» spielen, wenn's an seiner Schule eine gab (was damals selten war), oder wenn er sich vom Musikverein eine borgte und im Probelokal übte.
Britanniens Wirtschaft hat sich bekanntlich langsamer entwickelt als anderswo, und erst seit fünf oder zehn Jahren kann man voraussetzen, dass die Leute Autos haben, mit denen sie ihre Kinder zum Spielen überall hinfahren können, und auch Geld, um Instrumente zu kaufen. Das ist erst seit kurzem so und ist interessant, aber man vergisst das leicht.
J.-P. M.: Nehmen wir nun deinen Fall. Du begannst doch vor dieser Explosion?
J. F.: Ja, aber ich war da eben ein «freak», einer der nicht den üblichen Gesetzen folgt. Mein Vater war Musiklehrer, und wir hatten ein grosses Schulorchester — ich besuchte die Schule, wo er unterrichtete.
Er war während des Krieges zu einer ausgezeichneten Tuba gekommen, die dann jahrelang herumstand, weil kein Junge darauf spielen lernen konnte, denn er konnte sie nicht mit der Strassenbahn nach Hause nehmen.
Dann hiess er mich darauf spielen, und ich hatte da viel Glück, denn ich hatte nicht nur eine sehr gute Tuba zur Verfügung, sondern er konnte sie auch in seinem uralten Wagen für mich zur Schule fahren und zurück. So begann ich also, und damals — das ist ja oft noch heute so — also wenn du damals Tuba spieltest und dich nicht allzu dumm anstelltest, dann liessen dich die Leute nicht mehr aufhören, weil du zumeist der einzige in der Gegend warst. Durftest nicht mehr aufhören, wenn du mal begonnen hattest.
Etwas anderes, was auch zur Tuba-Explosion beigetragen hat, war... (Ich glaube, man vergisst, dass ausserhalb Englands eigentlich stets recht viel Tuba geblasen wurde!) Gerald Hoffnung, der berühmte Karikaturist, war auch ein recht guter Tubist und hat die Tuba immer sehr ins Bewusstsein auch der gebildeten Publikumsschichten gebracht mit seinen bekannten Zeichnungen.
Sie ist eben immer ein bisschen ein Juxinstrument gewesen, und ich glaube, mit Recht. Nie ist die Tuba so ernst genommen worden wie heute in den U.S.A., auch jetzt noch nicht, wo so viel mehr Leute sie spielen.
Da haben wir in England eine etwas andere Einstellung zu diesem Instrument, und ich glaube, das hängt mit der englischen Art von Humor zusammen und mit der englischen Neigung, sich der Zukurzgekommenen anzunehmen; da ist die Tuba eben ein unterprivilegiertes Wesen, zu dem jeder nett ist.
Oft drückt man in Konzertprogramme noch ein Tubasolo rein, damit der Tubist was zu tun hat, und das wird dann immer mächtig applaudiert, denn jeder sagt «bravo, gut gemacht, stell' dir vor, der kann auf der Tuba ein Solo bringen».
Das ist natürlich komischer und herablassender als in den U.S.A., aber ich finde, die ganze Bewegung hat das Instrument über Nacht zu etwas Wichtigem und Ernstem gemacht. Das ist sehr riskant, denn wenn der Humor einmal weg ist, finden die Leute nur schwer einen anderen Zugang, denn selbst in den Händen des allerbesten Bläsers erzeugt die Tuba einen doch eher komischen Klang.
Deshalb meine ich, dass Humor ein sehr wesentlicher Faktor in der «Tuba-Explosion» bleiben muss. Aber uns in England wird der Humor kaum vergehen.
J.-P. M.: Ja, mag sein, aber wie du sprachst, dachte ich mir, das hat doch auch mit der Art von Stücken zu tun, die gespielt werden.
J. F.: Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Philip Jones spielt dabei eine grosse Rolle. Bis vor zehn, fünfzehn Jahren war die Tuba ein Artikel, der in Symphonieorchestern und «Brass Bands» Verwendung fand und nirgendwo sonst, von gelegentlichen Solos abgesehen.
Soviel ich weiss, schrieb Vaughan Williams das erste Solokonzert von Belang, das von englischen Tubisten recht häufig gespielt wird.
Aber erst das Aufkommen von Blechbläserensembles — Philip Jones, «Gabrieli», «Hallé» und andere «Vereine» — haben der Tuba eine neue Rolle erschlossen, welche bei den jungen Tubisten ernsthaftes Interesse geweckt hat.
Viele junge Tubisten kommen zu mir mit dem Wunsch, Quintettliteratur zu studieren, mit dem Endziel, in einem Blechbläserquintett zu spielen. Und das fördere ich, weil ich finde, es bietet einem Tubisten ganz neue Möglichkeiten, über «Brass Band» und Orchester hinaus.
Mir ist auch daran gelegen (obwohl ich nicht von der «Brass Band» herkomme), die Bassgruppe mehr zu beschäftigen, sei es innerhalb der Band oder solistisch in Band-Konzerten.
Natürlich ist das Euphonium der grosse Solist, die Prima donna im Brass-Band-Wesen. Der Bass, die hauptsächlich verwendete Es-Basstuba, wird sehr selten solistisch berücksichtigt, und ich wünschte mir mehr neue Stücke für englische «Brass Band» mit Solopart und/oder Wiederaufführungen.
Edward Gregson hat mit einem ausgezeichneten Solokonzert einen Anfang gemacht; Michael Brand hat Stücke geschrieben, und ich hoffe, dass das im traditionellen Brass-Band-Rahmen weitergeht — es muss weitergehen, denn es gibt in unseren Bands heute junge Es-Basstubisten, die viel zu gut sind für die Musik, die man ihnen vorsetzt. Sie werden sich langweilen und etwas anderes tun wollen.