Was die Sache letzten Endes so frustrierend macht, ist das Moment der Subjektivität. Solange unser Musizieren von Menschen beurteilt wird, werden unsere Darbietungen auch weitgehend subjektiv analysiert werden. Musiker werden sich nie wie Sportler bewerten lassen, deren Leistungen gemessen und nach statistischen Mittelwerten klassiert werden. So kann es kommen, dass ein Musiker das Gefühl hat, hervorragend probegespielt zu haben, sich dann aber in der Vorrunde ausgeschieden sieht. Jeder Versuch zu beweisen, dass ein bestimmter Kandidat von der Jury oder dem Dirigenten begünstigt wurde, muss aus naheliegenden Gründen scheitern. Deshalb steht der Vorwurf der Ungerechtigkeit nie öffentlich zur Diskussion, wie wohl er in Tat und Wahrheit auch begründet sein mag.
Oft sind die Orchesterkollegen dann mit dem Resultat solcher nach der gegenwärtig vorgeschriebenen Prozedur durchgeführter Probespiele unzufrieden. Denn die Gewinner solcher Konkurrenzen sind häufig ausserstande, den ganz spezifischen Bedürfnissen des betreffenden Registers eine ganze Spielzeit lang gerecht zu werden. Der Grund dafür dürfte in gewissen Schwächen des Probespielsystems an sich liegen.
Denn drei entscheidende Qualitäten jedes guten Orchestermusikers vermag ein Probespiel nicht aufzuzeigen.
Die erste ist Konstanz. Kein Musiker erwirbt seinen Ruf auf Grund einer einzigen Darbietung, sondern erst im Laufe einer Reihe von Konzerten mit stilistisch vielfältigen Programmen. Kurz wie die meisten Probespiele sind (manchmal nur fünf Minuten!¹), vermögen sie über den Faktor Konstanz nichts auszusagen.
Die zweite Fähigkeit ist die, sich anzupassen. Wie absurd deshalb, wenn bei einem der wichtigsten Probespiele in den USA bemängelt wird: «Bei Bruckner waren Sie zu langsam. Das würde Maestro Soundso bestimmt rascher nehmen.» (Interessanterweise hatte die Jury während des Vorspiels nie ein rascheres Tempo gewünscht.) Im Laufe einer Spielzeit hat man es mit den verschiedensten Auffassungen zu tun, und da zählt die Fähigkeit, sich den musikalischen Vorstellungen des jeweiligen Dirigenten anzupassen, am meisten. Wie lächerlich also, von einem Musiker zu erwarten, dass er einen ihm völlig unvertrauten Saal (in einigen Fällen gar ein Hotelzimmer!) betrete, um dort ganz alleine Orchestermusik aufzuführen, und dies nach dem Geschmack eines ihm unbekannten Dirigenten!
Drittens kann kein Probespiel zeigen, ob einer das Potential hat, sein Spiel noch zu verbessern. Das können nur Zeit und Erfahrung zeigen. Erfolgreiche Probespieler sind nämlich nicht selten reine «Roboter», die jederzeit mit den notorischen Orchesterstellen brillieren können. Im Laufe der Spielzeit zeigt sich dann aber, dass diese Asse sich nicht von einer Aufführung zur nächsten zu steigern vermögen, sondern ihre Stimmen jedesmal gleich herunterspielen. Solche «Stellen-Roboter» erweisen sich im Zusammenspiel der Gruppe meist als schwach, da sie in ihrer kühlen Art nur eine Auffassung und einen Stil draufhaben und deshalb Konzert für Konzert mit derselben mechanischen Eintönigkeit aufwarten.
Dieses Versagen des zur Zeit geltenden Probespielsystems veranlasst immer mehr Orchester und Dirigenten zu Massnahmen, die gewährleisten sollen, dass fähige Musiker eingestellt werden, die sich mit der betreffenden Gruppe menschlich und musikalisch vertragen. Dabei handelt es sich oft um Personen, die den Orchestermitgliedern oder dem Dirigenten wohlbekannt sind.
Da nun aber Gewerkschaften und Bundesbehörden offene Probespiele fordern, werden unlautere Methoden zur Realität. Eine der subtileren Methoden, ein manipuliertes Probespiel zu tarnen, besteht darin, die Kandidaten ihre Pflichtstücke anonym hinter Vorhang spielen zu lassen, nachdem der «Favorit» bereits eine lokale Ausscheidung gewonnen hat und in die Endrunde zugelassen worden ist. Beim nationalen, «offenen» Probespiel werden dann weitere Endrundenteilnehmer ausgewählt, und hier passiert dann die Mogelei: Alle Bewerber, die gleich gut oder besser spielen als der Auserkorene, werden ausgeschieden und nur mittelmässige Spieler oder Studenten kommen weiter.
Sie im Finale, wo der Chefdirigent zugegen ist, auszustechen, dürfte dann mangels echter Konkurrenz dem «Kronprinzen» ein Leichtes sein. Diese betrügerische und ungesetzliche Methode ist äusserst zuverlässig, und manch ein Bewerber, der sein sauer verdientes Geld ausgibt, um zum Probespiel zu reisen, wird gar nicht erst in Betracht gezogen, sondern dient lediglich als Strohmann, um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen.
Diesen Machenschaften müsste man Einhalt gebieten, doch solange sich die musikalischen Oberleiter nicht entschliessen können, alle Kandidaten anzuhören, dürfte das nicht möglich sein.
Solche Pseudoprobespiele kommen die Bewerber häufig teuer zu stehen. In einem Riesenland wie den USA ist man bei den meisten Probespielen auf das Flugzeug angewiesen. Wer z. B. an der Westküste wohnt, muss für zwei oder drei Probespiele ohne weiteres mit 1000 Dollars oder mehr für Flugscheine rechnen. Diese finanzielle Last verschlimmert die ohnehin gestresste Probespielsituation noch zusätzlich.
In Anbetracht dessen sind viele Musiker der Meinung, dass Wahlkommissionen, die im voraus wissen, wen sie anstellen wollen, dies ohne Umschweife tun sollten. Das käme den Orchestern zugute, welche die Stelle von einem bestimmten Musiker besetzt haben wollen. Haben sie dagegen niemanden im Auge, würde das Probespiel landesweit ausgeschrieben und wäre dann wirklich offen.
So war es früher auch der Brauch, bis vor einigen Jahren die Gewerkschaften nationale Probespiele für alle Stellen durchsetzten. Dass sie ihr Ziel damit verfehlt haben, hat die Erfahrung inzwischen gezeigt. Die Probespiele sind um nichts «offener» als zuvor, zum Schaden der geprellten und missbrauchten Musiker.
Da nun sowohl Orchestergesellschaften wie Stellensuchende mit den herrschenden Zuständen unzufrieden sind, ist es höchste Zeit, tauglichere Einstellungsmethoden für Orchestermusiker zu finden. Heute gibt es für jede Stelle so viele Bewerber, dass das gängige Probespielsystem nicht mehr funktioniert.
Solange sich nicht mehr Amerikaner für klassische Musik einsetzen, wird es immer mehr qualifizierte Musikhochschulabsolventen geben, die kaum hoffen können, je ein Probespiel zu gewinnen. Immer mehr von ihnen werden Arbeit und künstlerische Befriedigung in Europa und Asien suchen.
Dürfen wir amerikanische Musiker Euch deshalb um Toleranz und Verständnis bitten? Oder gar um Vorschläge für ein gerechteres Probespielsystem? Wenn ein solches Wirklichkeit werden sollte, dürftet Ihr weniger Amerikaner bei Euren Probespielen sehen.