Barry Tuckwell
Interview
J.-P. M.: Barry Tuckwell, du bist einer der wenigen Leute, die mit einem Blechblasinstrument die ganze Welt bereisen. Wie erklärst du, dass diese Instrumente doch vergleichsweise selten konzertant zu hören sind?
B. T.: Nun, alles was ich da sagen kann, ist, dass ich mehr Konzerte angeboten bekomme, als ich annehmen kann. Von mir aus gesehen, kommt das Instrument also reichlich zum Zuge. Aber wir Hornisten haben auch grosses Glück, verglichen mit allen anderen Bläsern, dass wir ein so reiches Répertoire an beliebten Konzerten haben. Da sind einmal die vier Mozart-Konzerte, die zwei von Richard Strauss, Webers «Concertino», zwei Haydn-Konzerte, das Telemann und natürlich viele andere, aber das sind die bekanntesten Konzerte — von den zeitgenössischen mal abgesehen, die ich häufig spiele.
Ich komme ja eben von dieser Österreich-Tournée mit dem Scottish National Orchestra, wo ich viermal das Konzert von Thea Musgrave spielte: in Wien, in Linz und zweimal in Graz. Damit ist dieses Konzert im Ganzen nun schon 15-mal, was sehr viel ist für ein zeitgenössisches Konzert. Und das ist nur eines von den zeitgenössischen Konzerten.
Mein Problem ist nun, meine Konzerte zu reduzieren. Ich pflegte ihrer 200 pro Spielzeit zu machen. Von der nächsten Saison an werde ich viel weniger machen, nur neun Monate im Jahr arbeiten und zwei grosse Pausen machen und vielleicht ab und zu eine kleine...
J.-P. M.: Wie erklärst du, dass das Horn den grossen Komponisten so am Herzen lag, dass dieses fantastische Répertoire geschaffen wurde?
Barry Tuckwell
B. T.: Nun, da sind zwei Gründe. Zum einen zog das Instrument von seinem Wesen her die Aufmerksamkeit der Komponisten auf sich. Ich denke dabei an die nachbarocke Zeit (denn zuvor wurde nicht sehr viel für Horn geschrieben — zwei oder vielleicht drei Werke von Belang), aber sowie man begann, die Hände einzusetzen, eröffneten sich neue, grosse Möglichkeiten.
Ich glaube, der Klang des Instruments hat die Komponisten angezogen, seine besondere lyrische Qualität, und dann war auch die Fähigkeit, andere als nur Naturtöne erzeugen zu können, wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Zahl der Spieler, der grossen Virtuosen, die es offenbar in Mengen gab, vor allem in Böhmen. Kaum ein Komponist wird ein Werk ganz abstrakt schreiben, in der Hoffnung, irgend jemand werde es dann spielen. Gewöhnlich schreibt er für bestimmte Musiker.
Ich denke da besonders an Orchesterwerke, und wiederum besonders an Haydn. Wenn immer der in einer Symphonie einen besonders schwierigen Hornpart schrieb, war es für einen bestimmten Spieler, und wenn man diesem nachgeht, findet man, dass er auch ausserhalb des Orchesters als Solist Karriere machte.
Es sind also zwei Dinge, erstens das Instrument und zweitens die hervorragenden Hornisten in dieser überaus reichen Periode des 18. Jahrhunderts. Danach begann die Beliebtheit der Blasinstrumente zu sinken, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich weiss nicht genau weshalb, aber es scheint mit der Entwicklung des Orchesters zu einem reicheren Klangkörper zusammenzuhängen, weg von den Idealen der Klassik, und im Fall der Blechinstrumente auch mit der Erfindung der Ventile.
Die Komponisten sahen grössere Möglichkeiten in der Orchestration. Ausser ein paar Einzelgängern wie Schumanns «Adagio und Allegro» wurde kaum etwas geschrieben bis zum 20. Jahrhundert, wo diese Instrumente allmählich wieder populär wurden.
J.-P. M.: Vielleicht könntest du ein wenig von deiner Laufbahn erzählen.
B. T.: Ich wuchs in einer musikalischen Umgebung auf. Mein Vater, seine beiden Brüder und seine Schwester waren alle ausgezeichnete Musiker und hatten das absolute Gehör. Mein Vater und meine Tante waren als Wunderkinder-Duo aufgetreten. Er hatte fünfjährig in der Town Hall von Sydney als Klaviersolist gespielt. In so einer Familie wuchs ich also auf. Vater war Berufspianist und -organist, und so war es natürlich, dass ich mich musikalisch entwickeln würde.
Barry Tuckwell im Alter von 9 Jahren
St. Andrew’s Cathedral Choir School — Sydney, Australien
J.-P. M.: Du bist in Sydney geboren?
B. T.: In Melbourne, Australien, 1931. Ich studierte also Klavier, logischerweise, da eins im Hause stand. Ich konnte Noten lesen, bevor ich Wörter lesen konnte. Interessierte mich ja auch mehr. Ich lernte auch Geige und Orgel, aber erst als ich mit dem Horn begann, hatte ich das Gefühl, es als Instrumentalist zu etwas bringen zu können.
Ich wusste, dass ich auf jenen andern Instrumenten nicht das Zeug zum Berufsmusiker hatte. Das Horn, das packte mich, und da ich schon Noten lesen konnte, war da kein grosses Problem. Ich brauchte nur das Instrument als solches zu lernen. Für das Musikalische war schon gesorgt.
Was mir Sorgen machte, war die Notwendigkeit, zu transponieren, denn mit meinem absoluten Gehör war und bin ich unfähig, auf einem Tasteninstrument zu spielen, das falsch gestimmt ist, etwa einen Halbton zu tief. Sobald ich den ersten Akkord drücke, ist alles falsch und ich weiss nicht mehr, was tun, und ich dachte, das würde auch beim Horn das Problem sein.
Es war dann aber leicht, denn das Horn bleibt ja in derselben Stimmung, und ich glaube, Transponieren ist wirklich das Leichteste am Hornspiel.
J.-P. M.: Magst du dich erinnern, wie du dich für das Horn entschiedst, und an deinen ersten Kontakt mit dem Instrument?
B. T.: Tja, ich habe mich nicht dafür entschieden. Es ist für mich entschieden worden, weil... nun, meine Schwester studierte noch, und ihre Studienkameraden, Leute wie Charlie Mackerras und Richard Merewether, waren alle gute Freunde, und die sagten: «Schau doch mal, der ist musikalisch, der muss doch was spielen können!» Richard Merewether war es denn auch, der mir ein Instrument lieh und meine ersten Stunden gab.
Von da an machte ich weiter. Nicht dass ich gedacht hätte: «Dieses Instrument muss ich spielen — der schönste Klang, den ich je gehört habe.» Ich hatte es wirklich nicht spielen wollen, aber wie ich einmal begonnen hatte, merkte ich, dass ich es gut los hatte und begeisterte mich dafür, und gleich nach der Schule wurde ich dritter Hornist im Melbourne Symphony Orchestra.
Aber schon zuvor hatte ich häufig im Sydney-Orchester gespielt und auch in Melbourne, aber da muss ich fünfzehn gewesen sein. Sicher ist, dass ich mit vierzehn professionell spielte — sechs Monate, nachdem ich auf dem Instrument begonnen hatte. Wie gesagt, ich brauchte ja nur ans Technische zu denken und ausserdem, verglichen mit Klaviermusik, ist das viel leichter, denn da ist immer nur ein Ton aufs Mal und es geht viel langsamer, so dass man ein bisschen Zeit hat zum Denken.
Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Stück. Es war Mozarts «Entführung»-Ouvertüre, in einem Schülerorchester natürlich. Ich weiss noch, wie ich von dem Lärm verwirrt war, der mich da im Orchester umgab. Mit sechzehn spielte ich im Orchester von Melbourne und ging dann nach Sydney und spielte dort dreieinhalb Jahre.
Dann sagten mein Lehrer, Alan Mann, und der Dirigent Sir Eugene Goossens, ich sollte im Ausland Erfahrung sammeln. Ich sollte mal schauen, was anderswo los ist, sagten sie, also ging ich aufs Schiff und fuhr nach England. Ein paar Monate blieb ich in London, schaute mich nur um und hörte Konzerte — eine herrliche Zeit!
Ich erinnere mich an ein Konzert mit der 7. Bruckner-Symphonie unter Furtwängler. Das war die erste Hälfte; in der zweiten spielte Edwin Fischer das 5. Beethoven-Klavierkonzert. Ich hörte mir den «Rosenkavalier» unter Erich Kleiber an. Ich verbrachte also eine sehr fruchtbare Zeit.
Dann kriegte ich einen Job in einem Sommerorchester, in Buxton, einem englischen Badekurort. Von dort ging ich ins Hallé Orchestra in Manchester; dann kam ich zu diesem Orchester, dem Scottish National Orchestra. Das war vor fünfundzwanzig Jahren.
Ich verliess das Scottish National Orchestra, um nach Bournemouth zu gehen, einfach weil dort eine erste Hornstelle frei war. Das war meine erste Stelle als erster Hornist.
J.-P. M.: Wie alt warst du da?
B. T.: Dreiundzwanzig. Ein Jahr später wurde die Stelle im London Symphony Orchestra frei, und ich ging hin und spielte vor. Ich weiss noch genau, das war in der Albert Hall und da war kein Licht. Ich kam mir vor wie auf dem Mond, hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich blieb dann 13 Jahre lang dort.
J.-P. M.: Und dann?
Das Gespräch setzt sich mit Gedanken zum Orchesterleben, zum Solospiel, zur Interpretation, zur Phrasierung, zum Publikum und zur physischen Realität des Hornspiels fort.
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