Haydns Trompetenkonzert
Von Alfred Willener
Joseph Haydn in aller Welt
Zum Trompetenkonzert Es-dur
Brass Bulletin beginnt in dieser Nummer eine dreiteilige Artikelfolge, in welcher sich der Musiksoziologe Fred Willener mit folgenden Aspekten des Haydn-Konzertes befaßt:
— den Ausgaben des Notentextes,
— den Intentionen der Musiker,
— den Schallplatteneinspielungen,
— den Kritiken,
mit der Absicht, die Blechbläser zur Beschäftigung mit den Schlüsselproblemen anzuregen, welche ein internationaler Vergleich der Auffassungen dieses Werkes aufwirft.
Brass Bulletin fordert seine Leser auf, der Redaktion erschienene Kritiken (von Konzerten und Schallplatten), Erfahrungen mit dem Haydn-Konzert oder eigene Betrachtungen zu diesem Werk mitzuteilen, oder aber ganz einfach ihre Adresse, falls sie wünschen, daß wir uns mit ihnen in Verbindung setzen.
Erster Teil
Das Trompetenrepertoire ist mit Konzerten aus den Federn der «ganz Großen» derart spärlich gesegnet, daß nicht verwunderlich ist, wenn sich heute ein jeder Trompeter in irgendeiner Form — lernend oder lehrend, als öffentlicher oder privater Interpret oder gar als Herausgeber — mit Haydns Klassiker befaßt, der geradezu ein Test-Stück geworden ist, auf Grund von dessen Interpretation zahlreiche Orchester ihre Bewerber beurteilen.
Wir wollen nun unsererseits von diesem Test-Stück ausgehen, um die Rolle des Musikinterpreten zu studieren, im besonderen durch einen Vergleich der verschiedenen Ausgaben dieses Werkes und der Aufnahmen, die wir haben auftreiben können. Ihre vergleichende Analyse soll zu einer Betrachtung über interpretatorische Gütekriterien (Vgl. Thomas Stevens' diesbezügliche Fragestellung in Brass Bulletin Nr. 27, S. 7.) Anlaß geben, einem schwierigen Unterfangen, das man dennoch nicht unversucht lassen sollte: was ist, bei der Würdigung instrumentaler Leistungen, «objektiv» (allgemeingültig) und was «subjektiv» (nicht nur hinsichtlich individueller Verschiedenheiten, sondern auch «kultureller» Unterschiede, solcher der Tradition, des Landes, der «Schule»)?
Das Folgende ist eine Skizze. Mit Ihrer Hilfe, lieber Leser, will ich später versuchen, Fragen zu beantworten, die ich vorderhand nur stellen kann. Forscher von Beruf (als Musiksoziologe, wenn auch nicht Musikwissenschafter), bin ich daneben auch Amateur-Trompeter und imstande, das bewußte Konzert zu spielen — in privatem Rahmen...
I. Der Text
Im Theater bestimmt der Autor in der Regel die von den Schauspielern darzustellende Geschichte, deren Sinn und — häufig nicht sehr strikte — die Einzelheiten (wie Requisiten, Gebärden, Diktion, Tempo, Beleuchtung usw.). Dem Komponisten dagegen scheint man zuzubilligen, daß er den Musikern Einzelheiten der Ausführung strikte vorschreibt, nimmt aber an, daß er den Sinn des Textes ad libitum läßt.
Es stellt sich demnach eine erste und knifflige Frage: Welche Einzelheiten des Textes sind es, die den Sinn des Werkes bestimmen? Und überhaupt, gibt es einen Sinn, und ist er zu respektieren? Bejahendenfalls, wie kann einem das — unter den Bedingungen der Konzertsituation — überhaupt gelingen?
Wünschenswert wären zweifellos das Verständnis von Haydns Epoche und die Fähigkeit, sein Werk in die Geschichte einzuordnen (nicht nur in die der Musik, sondern auch in die Europas). Genügt es denn, wenn Dirigenten und Kritiker sich um die Aneignung und Weitergabe solchen Wissens bemühen?
Wir wollen uns hier mit einigen Anmerkungen begnügen, welche in erster Linie klarmachen sollen, unter welchen Bedingungen der Notentext entstanden ist. Ich habe dafür ein Portrait gewählt, das mir Haydn insofern besser wiederzugeben scheint als andere, oft so «aristokratische» Darstellungen, als der Meister nichts weiter war als ein Handwerker in fürstlichen Diensten, eine Art Luxusproletarier.
Joseph Haydn oblagen nicht nur das Spiel mehrerer Instrumente, Komposition, Orchesterleitung, Unterricht und Organisation von Konzerten, sondern ebensosehr die Wartung der Instrumente, das Ausschreiben von Stimmen, die Korrepetition mit Sängern sowie die Aufrechterhaltung der Disziplin unter den Musikern. Das ungeheure Ausmaß seiner Pflichten brachte einerseits beträchtliche Überlastung, andererseits aber auch enorme Kompetenzen mit sich.
Er war gewiß kein Komponist nach romantischer Auffassung, von Musen umgeben und um Inspiration ringend. Wie Bach und Mozart komponierte er in der Regel auf Bestellung und nicht «für die Nachwelt» (R. Hughes, S. 34-39).
Das doppelte Privileg einer festen Anstellung und eines einzigen Arbeitgebers nötigte Haydn andererseits, sich mit zahlreichen Erschwerungen und Beschränkungen seines Lebens und seiner Komponiertätigkeit abzufinden. Geldsorgen hatte zwar auch er, doch weniger als andere: bei seinem Tod belief sich sein Vermögen auf 40000 Gulden, während Mozart, in Armut gestorbener freelance-Musiker, 60 Gulden und 3000 Gulden Schulden hinterließ (nach Engel, S. 10).
Das Trompetenkonzert war Haydns letztes Konzert (oder eines seiner letzten; vgl. Landon S. 226). Es stammt aus seiner letzten, großen Phase der Reife. Haydn war eben nach Wien zurückgekehrt, nachdem er während seines Londoner Aufenthaltes innert drei Jahren auf 768 Folioseiten 277 Werke geschrieben hatte. England hatte seinen Ruf vollends gefestigt. Anläßlich seines ersten Aufenthalts wurde er von der Universität Oxford zum «Doktor der Tonkunst» befördert, eine Ehrung, die nicht einmal Händel widerfahren war. «Erst nach England bin ich in Deutschland berühmt geworden», sagte Haydn (ebenda, S. 10).
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