Brass Bulletin 35, III / 1981 (Seite 59–66) · 5 Min. Lesezeit
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Die Trompete in den Werken Jean Philippe Rameau

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Die Trompete in den Werken Jean Philippe Rameau

Es ist nun schon 14 Jahre her, dass ich — damals noch Gymnasiast — mich für alte Trompetenmusik zu interessieren begann, die ich in Form von Tonbandmitschnitten und Schallplatten zu sammeln anfing. So gelangte damals auch die Platte mit dem Titel «Trompetenmusik am Hofe des Sonnenkönigs» (eine Sonderauflage der Firma Decca für den «Deutschen Bücherbund») in meine Sammlung; leider ist sie nicht mehr im Handel erhältlich. Die Platte enthält in der Einspielung des Orchestre Jean-Louis Petit mit den Trompetern Roger Delmotte und André Garreau ein Divertissement «Bruits de Trompettes» von Jean Baptiste Lully (1632–1687) und eine Suite D-dur von J. Ph. Rameau (1683–1764).

Da ich beide Werke nicht in der Bibliothèque Nationale Paris finden konnte, ist anzunehmen, dass sie von J. L. Petit oder R. Delmotte — Näheres konnte ich nicht in Erfahrung bringen — aus Instrumentalstücken (Opern, Balletten usw.) der genannten Komponisten zusammengestellt worden waren. Als ich im vergangenen Jahr bei meinen Arbeiten in der Universitätsbibliothek Regensburg auf eine Gesamtausgabe der Werke von J. Ph. Rameau stiess, erinnerte ich mich sogleich an die Trompetensuite — sie ist meiner Meinung nach eine der schönsten Trompetenkompositionen des französischen Barock — und durchforschte das Gesamtwerk Rameaus nach Trompetenpartien.

An dieser Stelle möchte ich kurz einige Worte zur Person Rameaus einflechten: Jean-Philippe Rameau wurde 1683 in Dijon als Sohn eines Organisten geboren. Sein Vater schickte ihn 1702 zur Ausbildung nach Italien. Anschliessend wirkte er dann als Organist in Avignon, Clermont und Lyon, bis er 1732 endgültig nach Paris übersiedelte. König Ludwig XV ernannte ihn zum «Compositeur de Cabinet». Rameau starb 1764 in Paris.

Wir kennen Rameau als Meister in der Komposition von Opern und Cembalomusik; bahnbrechend war er auch als Musiktheoretiker (z. B. sein Werk Traité de l'harmonie... von 1722).

Näher wollen wir nun im folgenden die Suite Nr. 1 D-dur für 2 Trompeten, 2 Oboen, 2 Fagotte, Streicher und Basso continuo betrachten (Suite Nr. 1 deshalb, da noch Material für weitere Arrangements vorhanden ist). Die genaue Reihenfolge und Herkunft der Sätze habe ich im Anhang zu diesem Aufsatz zusammengestellt.

Die Suite wird von einem jubelnden «Air de Triomphe» eröffnet, welches uns gleich zu Beginn zeigt, dass Rameau interessante Trompetenmelodien zu komponieren weiss:

Der zweite Satz («Contredanse») steht im Original in E-dur, Rameau verlangt in einigen seiner Kompositionen neben der zu seiner Zeit allgemein üblichen D-Stimmung auch die E-Stimmung:

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Im dritten Satz tragen zuerst Oboe I, Trompete I, Violinen I und Cembalo unisono ein Motiv vor. Erst ab dem dritten Takt beteiligen sich die übrigen Orchesterstimmen:

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Der vierte Satz ist ein kurzer «Passepied», bei dem folgende Trompetenmelodie (beide Trompeten spielen den gleichen Part) den Rahmen zu einem Mittelteil ohne Trompeten bildet:

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Die Nr. 9, ein «Air vif» («Danse des Lacédémoniens») aus der Oper Les Fêtes d'Hébé, enthält sehr heikle Trompetenpassagen. Der Satz beginnt mit einem klingenden d'' (!) und beinhaltet grosse Intervallsprünge, die eine hohe Treffsicherheit voraussetzen:

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Folgende Stelle stellt uns vor ein Rätsel :

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Die Teile a) und c) sind für eine D-Trompete bestimmt. Teil b) kann aber nicht auf derselben Trompete gespielt werden, da die klingenden Töne h', gis' und e' nicht in ihrer Naturtonreihe enthalten sind und auch kaum durch «Treiben» erzeugbar sind. Rameau verlangt sonst durchwegs nur Naturtöne.

Folgende Lösungen wären denkbar:

  1. Es handelt sich um einen Irrtum des Kopisten; die Trompete pausiert und lässt die Oboe diese Stelle allein vortragen.
  2. Teil a) und c) wird jeweils auf einer D-Trompete und Teil b) auf einer E-Trompete vorgetragen, welche über diese Töne verfügt. Für diese Variante spräche, dass Rameau — wie bereits erwähnt — neben der D- auch die E-Stimmung verwendet.

In meiner Sammlung habe ich als Kopie aus der Bibliothèque du Conservatoire (Paris) die von André Danican Philidor (l'aîné) zusammengestellte Kollektion Pièces de Trompettes de M. de la Lande, Rebelle et Philidor (Res 921), welche auf den Seiten 60/61 ein Stück mit dem Titel Pièce à double trompette et de différent ton et le gros basson de Philidor (für 2 «Doppeltrompeten» und Fagott) enthält, in dem sich jeweils eine C-Trompete und eine Tief-G-Trompete in der Melodieführung abwechseln (Näheres in Brass Quarterly, Vol. VI, Nr. 1: «New Light on Some Unusual Seventeenth Century French Trumpet Parts» von Mary Rasmussen).

Wie man sieht, war die Idee, Trompeten verschiedener Stimmungen zu kombinieren — sie wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts u. a. von Starzer, W. A. Mozart und Dessary aufgegriffen — auch schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankreich vorhanden. Das klingende cis'' in Teil c) dürfte ein Schreibfehler sein.

Derselbe Satz enthält auch folgende Passage:

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Das zu Beginn stehende klingende e''' ist meines Wissens nach der höchste Trompetenton, der in der französischen Barockmusik verlangt wird.

Die restlichen Sätze enthalten viele schöne Trompetenmelodien, welche hier noch in einigen Ausschnitten wiedergegeben seien:

Nr. 10 «Entrée gaie»

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Das letztere Motiv wird im 11. Satz wieder aufgegriffen (beide Sätze stammen aus derselben Oper) und abgewandelt:

Nr. 11 «Gavotte en rondeau»

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Das «Menuet I» (Nr. 12) enthält nur einfache Passagen:

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Den Abschluss bildet Nr. 14, ein glänzendes «Air de Triomphe»:

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Alle diese Sätze, die sich von den feierlich-gravitätischen, manchmal etwas schwerfälligen Trompetensätzen Lullys durch tänzerische Grazie und Lebendigkeit unterscheiden und ebenso wie die Gemälde Bouchers, Watteaus und Fragonards die Geisteshaltung einer galanten Zeit — der des französischen Rokoko — repräsentieren, zeigen, dass Rameau über ausgezeichnete Trompeter verfügt haben muss.

Die restlichen Instrumentalsätze Rameaus mit Trompeten habe ich im Anhang aufgelistet.

Da in dieser Aufstellung langsame Sätze rar sind, habe ich auch die Instrumentalsätze mit Hörnern aufgeführt; notfalls könnte man hieraus einen langsamen Satz verwenden.

Ich hoffe, mit diesem Zusatz auch unseren Hornisten einen kleinen Dienst zu erweisen, wenngleich diese Hornsätze nur schwerlich das Material zu einer Hörner-Suite abgeben.

Wir erleben heutzutage nur sehr selten, dass eine der Opern Lullys oder Rameaus aufgeführt wird. Ein Grund liegt wohl darin, dass den meisten modernen Menschen die bildungsmässigen Voraussetzungen zum Verständnis der antiken Mythologie, die überwiegend den Stoff für die Opernhandlung liefert, fehlen.

Andererseits aber wäre es schade, wenn auch die schönen Instrumentalsätze dieser Opern unbeachtet blieben. Wir sollten uns bewusst machen, dass das Verfahren, aus Instrumentalsätzen verschiedener Herkunft Suiten und Divertissements zu arrangieren — wie wir aus den Beispielen Philidors und Francoeurs wissen — in der französischen Barockzeit durchaus üblich war. So dürften in diesem Zusammenhang auch vom musikwissenschaftlichen Standpunkt her keine Bedenken mehr bestehen, wenn es darum geht, wertvolle Musik wieder zum Leben zu erwecken.

Zusatz

Suite No. 1 in D-dur für 2 Trompeten, 2 Oboen, 2 Fagotte, Pauken, Streicher und Basson Continuo.

  1. Air de Triomphe (Le Temple de la Gloire)
  2. Contredanse (Les Fêtes de l’Hymen)
  3. Divertissement gai (La Princesse de Navarre)
  4. Passepied vif (La Princesse de Navarre)
  5. Air de Triomphe (Naïs)
  6. Entr’acte gai (Naïs)
  7. Passepied I (Les Fêtes de l’Hymen)
  8. Passepied II (Les Fêtes de l’Hymen)
  9. Air vif (Les Fêtes d’Hébé)
  10. Entrée gai (Les Fêtes de Polymnie)
  11. Gavotte (Les Fêtes de Polymnie)
  12. Menuet I (Les Fêtes d’Hébé)
  13. Menuet II (Les Fêtes d’Hébé)
  14. Air de Triomphe (Les Fêtes de l’Hymen)

Weitere Instrumentalsätze mit Trompete

  • Ritournelle gaie (Les Indes Galantes)
  • Menuet (Les Indes Galantes)
  • Prélude (Les Indes Galantes)
  • Chaconne (Les Indes Galantes)
  • Menuet (Les Indes Galantes)
  • Air II (Castor et Pollux)
  • Combat vif (Castor et Pollux)
  • Entr’acte (Castor et Pollux)
  • Air très vif (Les Fêtes d’Hébé)
  • Prélude (Les Fêtes d’Hébé)
  • Prélude gai (Les Fêtes d’Hébé)
  • Air vif (Les Fêtes d’Hébé)
  • Menuet vif (Les Fêtes d’Hébé)
  • Annonce (Les Fêtes de Ramire)
  • Entrée de Triomphe (Les Fêtes de Ramire)
  • Chaconne (Les Fêtes de Ramire)
  • Ouverture (Les Fêtes de Polymnie)
  • Chaconne (Les Fêtes de Polymnie)
  • Air (Le Temple de la Gloire)
  • Annonce (Les Sybarites)
  • Ouverture (Naïs)
  • Entrée (Naïs)

Für Trompeten und Hörner

  • Ouverture (Le Temple de la Gloire)

Instrumentalsätze mit Hörnern

  • Air vif (Les Indes Galantes)
  • Loure gaie (Les Fêtes d’Hébé)
  • Musette (Les Fêtes d’Hébé)
  • Gavotte (Les Fêtes d’Hébé)
  • Ouverture (La Princesse de Navarre)
  • Gracieux (La Princesse de Navarre)
  • Contredanse (Zephyre)
  • Air de Chasseurs I (Les Fêtes de Polymnie)
  • Air de Chasseurs II (Les Fêtes de Polymnie)
  • Chaconne (Le Temple de la Gloire)
  • Air (Le Temple de la Gloire)
  • Ouverture (Les Surprises de l’Amour)
  • Rondeau (Les Surprises de l’Amour)
  • Gai (Les Surprises de l’Amour)

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