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Die Trompete in den USA

Teil 1

Von Thomas Stevens

Die Trompete in den USA

Die Idee, in Brass Bulletin eine Spalte über die Trompete in den USA einzurichten, entsprang der Überzeugung, dass bis dato noch keine akkurate Dokumentation über den Stand des Trompetenspiels in Amerika vorliegt.

Die Überfülle von Unterrichtsliteratur aus USA, die anscheinend zahllosen Errungenschaften, auf welche amerikanische Lehrer, Musiker und Hersteller kraft ihres Schaffens Anspruch erheben, hat zu weit verbreiteten Missverständnissen Anlass gegeben, welche die wirkliche Sachlage verunklaren.

In der Annahme, dass für dieses Thema auch internationales Interesse bestehe, möchte der Herausgeber in den folgenden Nummern der Brass Bulletin-Leserschaft führende Solisten und Lehrer auf der amerikanischen Trompetenszene vorstellen, einschliesslich sachdienlicher Angaben über Instrumente und Mundstücke, wie sie von Vertretern der verschiedenen Disziplinen verwendet werden; dazu die vielen gängigen Abänderungen, die sie daran vornehmen lassen, sowie die Instrumentenmacher, die ihnen das besorgen.

Wenn alles planmässig verläuft, sollten die Brass Bulletin-Leser bis in ein paar Jahren eine bessere Vorstellung von der amerikanischen Trompetenszene haben: von den führenden Bläsern, von den Lehrern, welche regelmässig erfolgreiche Schüler « herausgebracht » haben und ihren Methoden, welche Instrumente verwendet werden und (vielleicht noch wichtiger) warum.

Die Spalte soll nicht einfach die Ansichten des Herausgebers wiedergeben, sondern eine Reihe führender Bläser, Lehrer und Instrumentenbauer vorstellen, welche das Ansehen ihrer Berufskollegen geniessen.

Wir haben deshalb eine Anzahl Leute um Beiträge zu einem weitgespannten Themenkreis gebeten, welche in der Reihenfolge ihres Einganges erscheinen werden.

Und, da Brass Bulletin ein Magazin von Bläsern für Bläser ist, wird sich der Schreibende bemühen, auf Leserfragen und -wünsche zum Stoff dieser Spalte einzugehen.

An diesem Punkt möchte ich — zum ersten und hoffentlich auch letzten Mal! — die Spalte nun doch dazu verwenden, einige persönliche Gedanken zu einer Sache zu äussern, die mir bedeutungsvoll erscheint.

Es ist dies die Idee eines international gültigen Qualitätsmassstabs für musikalische Leistungen.

Ich war Jurymitglied beim internationalen Maurice André-Wettbewerb im Juni dieses Jahres in Paris. Seine Ergebnisse gehören nun der Geschichte an. Ganz bestimmt war es eine Angelegenheit, wie man sie fairer und offener nicht erwarten kann.

Doch da war in den Beratungen ein Element, welches das Gespenst jener Vorstellung von « Internationalität » bei solchen Anlässen wie auch in der gesamten Musikwelt heraufbeschwor.

Der Begriff « musikalisch » wurde von Juroren wie auch von Zuhörern oft geäussert, wenn die Qualitäten der Kandidaten gegeneinander abgewogen wurden.

Im Zusammenhang mit dem Wettbewerb schien « Musikalität » etwa zu beinhalten, dass — über das Spiel der richtigen Töne zur richtigen Zeit und in der richtigen Lautstärke hinaus — die Musik mit Tonschönheit, nuancierter Phrasierung und einem gewissen Mass an persönlicher Wärme beseelt wurde.

Das sind gewiss achtbare Kriterien, allein, was für den einen reizvoll, lyrisch und empfindsam ist, ist für den andern sentimental und affektiert; was eine Partei als angemessene stilistische Zurückhaltung auslegt, wird von der andern als steril und akademisch empfunden.

Hier geht es nicht darum, wer recht und wer unrecht hat, sondern um legitime Meinungsverschiedenheiten.

Bedenken wir, dass musikalische Allgemeinbildung eine endlose Vielfalt von musikalischen Rücksichten gebieten kann: auf Komponist, Epoche, Kulturkreis, formale Struktur der Komposition, Wesen des thematischen Materials und dessen Verknüpfung und Verarbeitung, aber auch so elementare Dinge wie stilistische Konsequenz in Belangen der Artikulation, Verzierung, Klangfarbe oder des Tempos.

All dies gehört mit zur « Gesamtmusikalität » eines Interpreten — nicht als Ersatz für die oben genannten Qualitäten, aber als Ergänzung.

Das dürften keine revolutionären Ideen sein. Im Gegenteil: wer einmal dem Meisterkurs eines Weltklassestreichers, -Pianisten oder -dirigenten beiwohnen würde, sähe, wie selbstverständlich das alles ist.

In Anbetracht dessen erschiene es gänzlich unvorstellbar, wie jemand an der simplifizierenden Vorstellung von Einheitsstil-Kriterien für « musikalisch » und « unmusikalisch » festhalten kann.

Schliesslich dürfte sich die Aufführungspraxis — von einigen idiomatischen Rücksichten abgesehen — nicht wesentlich ändern, nur weil das Vehikel eine Trompete ist.

Ausserdem, wäre es nicht lächerlich, wenn ein Land, eine geographische Region oder eine Person das letzte Wort in musikalischen Dingen für sich beanspruchen würde?

Und doch begegnet man häufig genau dieser Einstellung, nicht zuletzt in meinem eigenen Land, dort mehr in regionaler als in nationaler Hinsicht.

Legitime nationale Traditionen und Schulen sind sehr positive Elemente bei einem Musiker und verdienen Förderung und Pflege, aber wo sie zu Kurzsichtigkeit, Intoleranz oder generellen musikalischen Vorurteilen führen, werden sie zu einer absolut restriktiven, negativen Kraft.

Danach stellt sich die Frage — ob bei Wettbewerben oder einfach in den Köpfen vieler — wie folgt: Ist es möglich, zu einem internationalen Wertmassstab oder zu Proportionen für musikalische Leistungen zu gelangen, welche Freiraum für legitime nationale, regionale oder persönliche Unterschiede der Auffassung oder des Stils lassen?

Brass Bulletin 27, III / 1979 Seiten 5–8

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