Brass Bulletin 27, III / 1979 (Seite 27–40) · 17 Min. Lesezeit
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Anton Hansen (1877-1947)

Der skandinavische Vater der Posaune

Teil 1

Von Per Gade

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Anton Hansen (1877-1947)

Einführung

Nachdem ich etliche Jahre hindurch an verschiedenen Stellen und von verschiedenen Personen Material gesammelt habe, bin ich schliesslich so weit gekommen, dass ich die Herausgabe eines Buches über Anton Hansen, Skandinaviens Posaunenkönig, vorbereiten kann. Wenn ich bei seinem Tode auch nur 2 1/2 Jahre alt war, und wenn ich auch vor diesem Zeitpunkt keine besondere Absicht hatte, selbst Posaune zu spielen, ist es mir jedoch später gelungen, sein Leben und Schaffen eingehend kennenzulernen. Dies ist ermöglicht worden durch seine Hinterlassenschaft, die ich erworben habe, sowie durch Auskünfte von verschiedenen Musikern, früheren Schülern von Anton Hansen, und schliesslich durch die Sammlung von Tagebüchern und Erinnerungsschreiben etc., die jetzt in der Kgl. Bibliothek in Kopenhagen zu finden sind. Das Herbeischaffen des Materials und der Auskünfte ist mehr oder weniger eine Detektivarbeit gewesen, und für die mir während dieser Arbeit geleistete Hilfe bin ich vielen Leuten Dank schuldig. Per Gade.

Anton (Christoffer Rasmus) Hansen war Däne, geboren am 19. November 1877 in Kopenhagen, und zwar im sogenannten «Noerrebro»-Viertel, dem damaligen Kopenhagener Arbeiter-Viertel.

Von einer verhältnismässig armen Kindheit — es war seinen Eltern nicht möglich, ihrem Sohn eine Ausbildung im Musikkonservatorium zu geben — arbeitete er sich durch verschiedene Musikerjobs in Restaurants, in Tanzorchestern, durch verschiedene lose Engagements in Harmonie- und Sinfonieorchestern sowie als Solist bei verschiedenen Gelegenheiten empor, um schliesslich der führende skandinavische Posaunist und Pädagoge seinerzeit zu werden.

Im Jahre 1898 wurde er, 21 Jahre alt, Soloposaunist im Tivoli’s¹ Konzertsaal-Orchester, wo er bis zum Jahre 1920 blieb. 1905 wurde er in die Königliche Kapelle aufgenommen, wo er später Soloposaunist wurde.

Weil das Königliche Theater in den Sommermonaten und das Tivoli im Winter und Frühling geschlossen waren, war es Anton Hansen möglich, gleichzeitig den Posten als Posaunist in beiden Orchestern zu versehen.

Viele Jahre hindurch war Anton Hansen unbestritten der beste Posaunist in Dänemark, und natürlich hat sich das Königlich Dänische Musikkonservatorium ihn als Lehrer gesichert.

Hier wie auch privat hat er die meisten Posaunisten ausgebildet, die sich später in den besten Orchestern bewähren sollten.

Dass Anton Hansen ein hervorragender Pädagoge war, ersieht man daraus, dass nicht nur Posaunisten, sondern sämtliche Blechbläser ihn als Lehrer aufgesucht haben.

Anton Hansen

Anton Hansen

Anton Hansen hat auch eine Posaunenschule geschrieben, die 1941 herausgegeben wurde.

Anton Hansen war auf vielen Gebieten ein Pionier seiner Zeit. Er hat die Zugposaunen in den dänischen Sinfonieorchestern wieder eingeführt, wo man früher hauptsächlich Ventil-Posaunen verwendet hatte.

Ausser Zug- und Ventil-Posaune spielte Anton Hansen auch Geige und Klavier, bei verschiedenen Gelegenheiten auch öffentlich.

Begabt wie Anton Hansen war, wurde er in viele verschiedenartige Aktivitäten einbezogen. Recht viele Komponisten haben speziell für ihn komponiert.

Er hat seine Schüler bei ihren Solo-Aufgaben immer selbst auf dem Klavier begleitet. Ausser seiner Orchesterarbeit ist er oft als Solist aufgetreten; mehr als 150 Solokonzerte hat er in seinem Leben gegeben.

Er engagierte sich auch gewerkschaftlich und wurde einer der Wegbereiter für bessere Arbeits- und Lohnbedingungen der Musiker in Dänemark.

Zusammen mit seinem ersten Lehrer, dem früheren Soloposaunisten im Kgl. Theater, Herrn August Petersen, ist er oft mit den urnordischen historischen Luren² aufgetreten.

Die beiden haben auch die erste Schallplattenaufnahme mit Luren gemacht («The Lurs»), und dies im Jahre 1925.

Anton Hansen hat sein ganzes Leben im Arbeiterviertel auf Nørrebro in Kopenhagen gewohnt, wo er auch geboren wurde. Er hat seine Herkunft niemals vergessen, auch wenn er als gefeierter Solist und als Orchestermusiker im Kgl. Theater täglich mit Leuten der höheren Gesellschaftsschicht verkehrte.

1 — Anton Hansen: Ventilposaune. The Boy Orchestra, Schweden, 1893.

1 — Anton Hansen: Ventilposaune. The Boy Orchestra, Schweden, 1893.

Kindheit und Jugend

Kopenhagen um ca. 1884

Der Vater Anton Hansens war Mitglied eines Amateursängerquartetts, das in seinem Haus oft Proben hatte. Diese musikalischen Einwirkungen, sein intensives Erlebnis der verschiedenen Drehorgeln in den Strassen sowie der Militärorchester, all dies hat sein Interesse für Musik früh geweckt.

Wenn das Militär zu Übungen antrat, geschah es immer mit einem Musikkorps an der Spitze der einzelnen Regimenter, und Anton Hansen war unter den begeisterten Jungen, die ihnen folgten.

Besonders beeindruckt war er vom Orchester der Kgl. Leibgarde, so dass er Zeit und Ort total vergass und auch die Prügel, die ihn erwarteten, wenn er zu spät nach Hause kam.

Die ersten Musikinstrumente, die er als Junge spielte, waren Okarina, Mundharmonika, Trommel und Handorgel — später schenkte ihm sein Vater ein Flügelhorn, auf dem er fleissig übte.

Ein Lehrer namens Fritz Nehm entdeckte Hansens Musikalität und bot ihm gratis Unterricht an, falls er sich eine Geige anschaffen würde. Anton Hansen hat in seinen Erinnerungen selbst darüber geschrieben :

Eines Tages, als ich zum Bäcker geschickt wurde, um Brot zu kaufen, war der Bäcker selbst im Laden, und sehr beklommen fragte ich, ob sein Sohn nicht länger Geige spiele.

« Nein, der faule Lümmel rührt sie nicht an, sie liegt nur herum und geht kaputt », antwortete er.

Nachdem ich ihm erzählt hatte, was mir der Lehrer angeboten hatte, nahm er die Geige — eine 3/4 — vom Schrank herunter und sagte, dass ich sie mir borgen dürfe. — Ich war auf dem Gipfel der Glückseligkeit.

Mit 10 Jahren fing Anton Hansen auch an, Klavier zu spielen. Einige Monate hindurch wurde er von einem Vetter unterrichtet.

Da die Familie Hansen selbst kein Klavier hatte, musste der junge Anton täglich den langen Weg zum Haus des Vetters gehen, um zu üben.

2 — Anton Hansen auf Schloss Kronborg.

2 — Anton Hansen auf Schloss Kronborg.

Als er 14 Jahre alt war, las sein Vater eine Anzeige in irgendeiner Zeitung, in der Jungen für ein Orchester gesucht wurden. Anton Hansen wurde angemeldet, und es wurde beschlossen, dass er Posaune spielen sollte.

Jetzt wurden eine Ventilposaune und ein Lehrgang gekauft, und er fing an, auf seinem neuen Instrument zu üben. Im Laufe eines halben Jahres war das Knabenorchester derart eingespielt, dass der Dirigent ein Engagement im Tivoli zu akzeptieren wagte, wo das Orchester vor der Tivoli-Garde marschieren sollte.

Mit dem Knabenorchester kam Anton Hansen auch zum ersten Mal ins Ausland, u.a. durch Engagements in Schweden.

Allmählich wurde Anton Hansen zu alt für das Knabenorchester. Er schreibt selber darüber :

Ich wurde konfirmiert, und es sollte über meine Zukunft entschieden werden. Mein Vater war nun gar nicht dafür, dass ich Musiker werden sollte, und ich erinnere mich deutlich, dass er sagte : « Der Junge soll nicht einer von diesen versoffenen Musikern werden. »

Da ich schon damals etwas Geld verdiente, teils durch Tanzmusik und als Begleiter bei Tanzstunden, teils durch Unterricht, wurde kein entscheidender Schritt zur Sicherung meiner Zukunft unternommen.

Mein immer brennenderer Wunsch war es, das Hegnerische Musikkonservatorium zu besuchen³, aber das Geld war knapp.

Ein so anspruchsvoller Gedanke wie einen Freiplatz im dänischen (später Kgl. dänischen) Musikkonservatorium zu suchen, lag mir fern. Ich hatte keine grosse Meinung von meinem eigenen Können, und ich träumte nicht davon, dass ich 24 Jahre später Lehrer in diesem vornehmen Institut werden sollte.

An und für sich hatte ich nur den einen Wunsch : für mich selber sorgen zu können.

Im Sommer 1894 bekam Anton Hansen sein erstes Engagement als Pianist im Restaurant «Wienerhallen» in einer Strasse namens «Vimmelskaftet». Er sollte einige Abende für einen Kameraden einspringen, aber es resultierte darin, dass der Inhaber ihn anstelle des anderen zu engagieren wünschte.

Nach viel Geplänkel hin und her — meine Eltern sahen es nicht gerne, dass ich in einem Restaurant spielen sollte — habe ich trotzdem durchgesetzt, dass ich das Engagement kriegte.

Die Gage war 3 Kronen pro Abend inklusive warmes Abendessen; ein gutes Honorar, wenn man bedenkt, dass ein einfacher Handwerker damals 12 bis 18 Kronen pro Woche für 12-stündige strenge Arbeit verdiente.

Besonders sonntags — wenn es im Sommer bei schönem Wetter fast keine Gäste gab — war es langweilig; ich musste aber spielen, auch wenn das Lokal leer war, von 8 bis 12 Uhr.

Um die Zeit zu vertreiben, spielte ich zu meinem eigenen Vergnügen die leichteren Walzer von Chopin, irgendeine Sonate von Kuhlau oder Mozart, etc.

Den Kellnern war es egal, was ich spielte, aber geschah es, dass der Inhaber unerwartet aus seiner Höhle hinten im Restaurant herauskam, musste ich ganz schnell zu einem Schlager übergehen; die Klassiker waren ja nicht so gut geeignet, um Gäste in den Keller zu locken.

Ich hielt aber aus, denn jetzt konnte mein lang gehegter Wunsch, ins Hegnerische Musikkonservatorium einzutreten, endlich in Erfüllung gehen.

Ludvig Hegner wurde Anton Hansens Lehrer im Klavierspiel, und Geigeunterricht erhielt er vom späteren Kgl. Kapellmusikus Anton Block.

Bis jetzt hatte ich niemals Posaunenunterricht bekommen, aber ich übte ständig auf diesem Instrument. Da geschah etwas, das für meine Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung werden sollte.

Im Musikverein Euphrosyne⁴, wo ich spielte, lernte ich einen Grosshändler Lohrer kennen, der nur zu seinem Vergnügen Posaune spielte und beim damaligen Soloposaunisten der Kgl. Kapelle, August Petersen, Unterricht nahm.

Lohrer gab mir den Rat, mich an ihn zu wenden, und das tat ich. Zu meiner grossen Freude zeigte es sich, dass August Petersen ein sehr heiterer Mann war, der sich sofort für mich interessierte.

Nach einigen Monaten erklärte er mir, er könne mir nichts mehr beibringen und wollte unter keinen Umständen Honorar annehmen.

Durch einen älteren Kollegen erfuhr ich, dass im ersten Regiments-Musikkorps ein Platz als Posaunist frei war. Er sagte : « Melde dich zum Probespiel, der Stabshornbläser möchte dich sehr gern in seinem Korps haben. »

Ich erfuhr später, dass der Musikdirigent mich früher einmal im Privat-Musikverein⁵ gehört hatte.

Ich bestand die Probe und wurde engagiert. Freudestrahlend erzählte ich August Petersen von meinem Glück, aber zu meiner grossen Enttäuschung sagte er : « Das ist nichts für Sie; das müssen Sie rückgängig machen. Sie haben eine andere und viel grössere Zukunft. »

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn mein grösster Wunsch war ja erfüllt worden : eine feste Anstellung.

Es war nur mit dem grössten Bedenken, dass ich unter irgendeinem Vorwand dem Stabshornbläser mitteilte, dass ich die Stelle doch nicht annehmen konnte.

Anton Hansen hat darauf in der Wienerhalle weitergespielt. Ein wenig später bekam er jedoch ein Engagement in Göteborg, Schweden, als Posaunist im Etablissement « Lorensberg ». Das Orchester bestand aus Österreichern, Holländern und Deutschen.

Unter den Orchestermitgliedern gab es einen älteren deutschen Klarinettisten. Er hat mir den Rat gegeben, eine Zugposaune anzuschaffen.

« Mit Ihrem Talent », sagte er, « haben Sie eine grosse Zukunft mit diesem Instrument. »

Ferner erklärte er mir, was für einen viel schöneren und lebendigeren Klang man im Gegensatz zum Ventilinstrument mit einer Zugposaune erzielen konnte.

Eines Tages, während eines Spazierganges in einem mir fremden Stadtviertel, sah ich in einem Altwarenladen eine Zugposaune, die ich sofort kaufte — und dann fing ich an zu üben.

Obwohl ich keinen Lehrgang besass, verstrich nicht allzu lange Zeit, bis ich ziemlich eingehende Kenntnisse der Eigentümlichkeiten dieses Instruments erreichte, und bald war ich so weit, dass ich einigermassen zusammenhängende Melodien spielen konnte.

Mein Engagement war jetzt abgelaufen, und Kapellmeister Serpek versuchte mich dazu zu überreden, den Winter bei ihm zu bleiben. Ich liess jedoch nicht locker, sondern reiste nach Hause.

Mein erster Besuch galt August Petersen. Die Zugposaune hatte ich mit, und als ich ihm ein paar Melodien vorgespielt hatte, rief er aus : « Donnerwetter! Wer hat Ihnen das beigebracht? »

Ich erzählte ihm, was geschehen war, und er war sichtlich beeindruckt. Selbst spielte er auch Zugposaune, aber ein Virtuose war er noch lange nicht. (In der Kgl. Kapelle spielte er Ventilposaune.)

Ich setzte meinen Unterricht mit Piano und Geige fort, spielte dazu auch Ventil- und Zugposaune und übte von morgens bis abends.

Engagements in verschiedenen Sinfonieorchestern

Nach einigen Gelegenheits-Engagements als Violinist, Pianist und Posaunist bekam Anton Hansen im Alter von 18 Jahren Engagements in Schweden und Finnland beim damaligen dänischen Komponisten Musikdirektor Chr. Jensen.

Als er nach einiger Zeit nach Kopenhagen zurückkehrte, waren seine früheren Beziehungen dort abgebrochen, und er musste von seinen Einnahmen in Finnland leben.

Bei der Wahl von Joakim Andersen⁶ zum Dirigenten des Tivoli-Konzertsaal-Orchesters bekam Anton Hansen jedoch eine Chance, welche für seine weitere Zukunft als Posaunist von ausschlaggebender Bedeutung werden sollte.

Joachim Andersen wurde 22-jährig als Flötist in der Kgl. Kapelle angestellt, nahm aber neun Jahre darauf seinen Abschied und reiste ins Ausland, getrieben vom Wunsch, grössere Verhältnisse kennenzulernen.

Man erzählte sich jedoch vielerorts, dass er aus Kopenhagen geflüchtet war, weil er Schulden gemacht hatte, aber das ist vielleicht erlogen wie so manches, was man hört.

Eine Zeitlang war er an der Oper in St. Petersburg, Russland, beschäftigt gewesen, darauf zog er nach Berlin und wurde von der Kaiserlichen Hofkapelle engagiert, bis er Soloflötist bei den philharmonischen Konzerten in Berlin wurde, wo er oft dirigierte.

Als Flötist erlangte Joachim Andersen Weltruhm. Eine Zungenlähmung zwang ihn leider dazu, seine strahlende Karriere aufzugeben, und als Orchesterleiter gewann er dann nach und nach sein grosses Ansehen hier in Kopenhagen.

Im Ausland wurde damals in Sinfonie- und Opernorchestern nur die Zugposaune benutzt. Hier in Dänemark wurde überall die Ventilposaune geblasen. Dies fand Joachim Andersen zu provinziell. Und mit Recht.

Nur zwei der drei Posaunisten, die unter dem früheren Dirigenten Georg Lumbye gespielt hatten, konnten die Zugposaune blasen, und der dritte freie Platz sollte deshalb besetzt werden.

Auf Empfehlung von August Petersen wurde Anton Hansen der Auserwählte.

Ich sollte nun mein Engagement als Posaunist im Konzertsaal antreten, und ich ging mit einer gewissen Nervosität zur ersten Probe. Es ging jedoch über alles Erwarten gut, und ich fand mich ganz schnell in der neuen Umgebung zurecht.

Mein Lehrer August Petersen hatte sich am Eröffnungstag mit mir in Tivoli verabredet.

Da er der Ansicht war, ich könnte ein Stimulans benötigen, um meine vermutete Nervosität abzulegen, schlug er vor, dass wir eine halbe Flasche Portwein teilen sollten.

Wir teilten sie, jedoch so, dass ich nur ein kleines Glas davon trank und ihm den Rest überliess, weil er dies ehrlich verdient hatte.

3 — Der Flötist und Dirigent Joakim Andersen (1847–1909). Foto vom 4. Mai 1909.

3 — Der Flötist und Dirigent Joakim Andersen (1847–1909). Foto vom 4. Mai 1909.

5 — Der Königliche Garten «Rosenborg Have». Foto: Per Gade.6 — Bläserkonzert im «Rosenborg Have» (Königlicher Garten), Kopenhagen, am 16. Juli 1899. Hansen spielte die Baritonstimme (Euphonium) in einem Ensemble mit 36 Musikern.
5 — Der Königliche Garten «Rosenborg Have». Foto: Per Gade.6 — Bläserkonzert im «Rosenborg Have» (Königlicher Garten), Kopenhagen, am 16. Juli 1899. Hansen spielte die Baritonstimme (Euphonium) in einem Ensemble mit 36 Musikern.

5 — Der Königliche Garten «Rosenborg Have». Foto: Per Gade.

6 — Bläserkonzert im «Rosenborg Have» (Königlicher Garten), Kopenhagen, am 16. Juli 1899. Hansen spielte die Baritonstimme (Euphonium) in einem Ensemble mit 36 Musikern.

Posaunenprobespiel der Königlichen Kapelle

Im Januar 1898 wurde in der Kgl. Kapelle eine Posaunenstelle frei. Mein alter Lehrer, August Petersen, hielt es für selbstverständlich, dass ich am Wettbewerb teilnehmen sollte und äusserte mit Überzeugung, dass ich die Stelle bekommen würde.

An dem Tage, wo der Kampf stattfinden sollte, kam er am Morgen zu mir nach Hause und liess mich die beiden Stücke spielen, die er für mich ausgewählt hatte : die Konzerte Davids und Sachses.

Als ich fertig war, sagte er : « Wenn Sie im Wettbewerb so gut blasen, ist Ihnen die Stelle sicher. »

Nachdem ich gegangen war, sagte mein Lehrer zu meiner Mutter : « Sie können gleich ins “Grand Café” telefonieren und den Lunch bestellen, denn es steht ausser Zweifel, dass Ihr Sohn die Stelle bekommt. »

Meine Mutter wollte jedoch das Ergebnis abwarten, bevor sie etwas unternahm, und es war gut so, denn ich wurde nicht Sieger.

Der Soloposaunist im Konzertsaal des Tivoli, Carl Christensen, gewann den Wettbewerb, und einige Zeit später nahm Anton Hansen seine Stelle in Tivoli als Soloposaunist ein.

Der Dirigent, Joakim Andersen, setzte oft den Namen Anton Hansens als Solist auf das Programm.

Das Leben ging weiter für Anton Hansen. Im Jahre 1899 entschloss sich die Kopenhagener Gemeinde, jeden Sommer 10 Harmonieorchester-Konzerte in « Rosenborg Garten » (The Royal Garden) zu veranstalten.

Die Tenorhornstimme (Bariton) wurde Anton Hansen übertragen. Das erste Konzert wurde am Sonntag, dem 16. Juli 1899, 16.00 Uhr abgehalten. Das Orchester zählte 36 Musiker, und das Programm sah folgendermassen aus (Bild 6).

In diesen Konzerten erhielt Anton Hansen mit der Zeit reichlich Gelegenheit, mit seiner Posaune als Solist aufzutreten.

Diese Konzerte waren auch eine willkommene Ergänzung zum schlechten Gehalt im Orchester des Tivoli-Konzertsaals, wo er pro Abend 3 Kronen 75 Øre verdiente.

Überhaupt waren die damaligen Anstellungsbedingungen und das Gehalt in den Orchestern so schlecht, dass viele Musiker von den besten Orchestern alle möglichen Nebenjobs annehmen mussten, um leben zu können.

Auch als Gesellschaftspianist, sei es als Solist oder Begleiter, machte sich Anton Hansen einen Namen.

Mein Klavierspiel erbrachte mir zeitweise die grössten Einnahmen, die ich als Musiker bezogen habe.

Als Begleiter an privaten Konzerten und Abendunterhaltungen war ich sehr gefragt, und als Gesellschaftspianist, namentlich beim Adel und bei der Bourgeoisie, hatte ich nach und nach eine ansehnliche Kundschaft erworben.

Mein Honorar setzte ich nach den damaligen Verhältnissen hoch an und konnte oft an einem einzigen Abend die Hälfte des Monatslohnes eines jungen Kapellmusikers verdienen.

Ab und zu wurden auch grosse Anforderungen an mich gestellt, z.B. als Begleiter, wenn irgendein Gast den Wunsch hatte, die andern mit Gesangseinlagen zu unterhalten.

Z.B. wurde mir oft beim Grafen Raben-Levetzau bei meiner Ankunft eine Menge neue, in der Regel englische Musikstücke vorgelegt, welche dann prima vista gespielt werden sollten.

Bei diesen Gesellschaften hatte ich viele lustige Erlebnisse, und obschon es mich reizen würde, mehr darüber zu berichten, werde ich mich mit einem einzigen begnügen :

Beim Lehensgrafen Reedtz-Thott spielte ich einmal bei einem Maskenball, wo der damalige Kronprinz Christian⁷, kostümiert als der Komponist Offenbach, anwesend war.

In einer Pause fragte mich Seine Königliche Hoheit, ob wir den damals populären « Kaiserwalzer » spielen könnten — wir waren 5 Musiker — und ob er uns dirigieren durfte.

Der Kronprinz schlug den Takt. Die Anwesenden lauschten andächtig, und als die Nummer beendet war, tobte der Beifall.

Seine Kgl. Hoheit machte mir Zeichen, dass ich mich erheben sollte, nahm mich bei der Hand, und zusammen gingen wir mitten in den Saal hinaus, verbeugten uns und nahmen den Applaus entgegen.

4 — Foto: Sammlung der Königlichen Bibliothek. Das Königliche Ballett- und Opernhaus, Kopenhagen, 1889.

4 — Foto: Sammlung der Königlichen Bibliothek. Das Königliche Ballett- und Opernhaus, Kopenhagen, 1889.

7 — Kronprinz Christian, 1905 (später König Christian X. von Dänemark)⁷.

7 — Kronprinz Christian, 1905 (später König Christian X. von Dänemark)⁷.

Anstellung in der Königlichen Kapelle

Im Jahre 1905 wurde in der Kgl. Kapelle wieder eine Posaunenstelle frei, und das Probespiel fand im Monat August statt.

Während den beiden vorhergehenden Saisons war ich bei der Kapelle als Stellvertreter eingesetzt worden. Da ich somit das Repertoire kannte, hoffte ich, dass dieser Umstand mir eine bessere Chance geben würde, um die Stelle zu bekommen.

Im vorangegangenen Sommer war ich bestrebt, möglichst viele Solostücke zu blasen, sowohl im Konzertsaal als auch bei den Konzerten der Gemeinde im Royal Garden.

Unter den Zuhörern an beiden Orten sah ich stets den einen oder anderen der Posaunisten, mit denen ich als Mitbewerber rechnen musste. Ich war jedoch so fleissig gewesen, dass ich in jenem Sommer kein einziges Mal im Wald war.

Ich wählte wieder die beiden Konzerte, die ich am Wettbewerb 1898 gespielt hatte.

Als der Tag des Wettbewerbs endlich anbrach, erschien ich im Probesaal des Theaters, wo der Theaterchef, Graf Danneskiold-Samsøe, die Kapellmeister Johan Svendsen und Rung, die Konzertmeister Anton Svendsen und Holm und Kgl. Kapellmusicus Axel Gade als Schiedsrichter amteten.

Mit meinem Begleiter, Holger Dahl, traf ich mit meinen beiden Instrumenten, der Ventil- und der Zugposaune, ein.

Am Morgen desselben Tages hatte ich allerdings folgende Notiz in einer Zeitung gelesen :

« Heute findet der Kapellenwettbewerb statt. Es haben sich 11 Personen für die Bratschenstelle angemeldet, während sich nur eine Person für die Posaunenstelle angemeldet hat, aber hoffentlich bläst er wie ein Engel. »

Ich glaubte jedoch fest daran, dass ich ein Probespiel ablegen sollte.

Als ich aber auf ein Anfangszeichen wartete, erhob sich Johan Svendsen, und an den Chef gewandt sagte er : « Ich weiss nicht, ob Ihre Exzellenz den jungen Mann blasen hören wollen. Nötig ist es nicht, denn wir kennen ihn ja bereits bestens. »

Der Chef äusserte keinen Wunsch, und Johan Svendsen sagte darauf zu mir : « Ja, dann können wir Ihnen nur gratulieren. »

Ich verliess den Saal und wurde draussen mit Händedruck und Gratulationen von den vielen anwesenden Kapellmitgliedern empfangen.

Am folgenden Tag stand in sämtlichen Tageszeitungen zu lesen : « Für den Posaunistenposten hatte sich nur ein Teilnehmer gemeldet, nämlich Herr Anton Hansen. Man sagt, der Grund sei der, dass alle Kollegen von Herrn Hansen auf die Teilnahme verzichteten, als sie von seiner Bewerbung hörten, da sie wussten, wie gut er ist. Herr Anton Hansen bekam den Posten. »

Bei derselben Gelegenheit erfuhr ich, dass sich ein ähnlicher Fall wie der meinige einmal zuvor in der Geschichte der Kapelle zugetragen hatte. Es war, als der Trompeter Thorvald Hansen 20 Jahre zuvor seine Stelle in der Kapelle auf ähnliche Art erworben hatte.

Im Jahre 1910 ersuchte Anton Hansen das Königliche Theater, bei der Erteilung des « Kirsteinischen Legat » berücksichtigt zu werden.

Dieses Legat wurde damals wie heute jedes Jahr in zwei Teilen an Musiker vom Royal Opera House vergeben, die den Wunsch hatten, sich auf ihren Instrumenten weiter zu perfektionieren.

Jedes Legat betrug 900 d.Kr., eine für damalige Verhältnisse nicht geringe Summe! Für einen Kapellmusiker der jüngsten Lohnklasse entsprach es 9 Monatsgehältern.

Dieses Legat wurde Anton Hansen als erstem Blechbläser im Orchester erteilt, und er begann seine Vorbereitungen zu einem Studienaufenthalt beim grossen Posaunenvirtuosen Paul Weschke an der Berliner Oper.

Aus verschiedenen Gründen war es mir nicht möglich, die vom Legat vorgeschriebene Reise zu unternehmen, bevor die kommende Tivolisaison beendet war.

In der Zwischenzeit nahm ich mit dem Kgl. Kammermusicus, später Professor Paul Weschke, in Berlin Kontakt auf, der als Soloposaunist in der Oper Berlin amtete. Er wurde als bester Posaunist Deutschlands angesehen.

In meinen ersten Briefen bat ich ihn, mich wissen zu lassen, welche Etüden er in seinem Unterricht verwendete, und welche Solostücke es für dieses Instrument gab.

Was ich nicht kannte, schaffte ich mir an und übte mit Enthusiasmus die mir unbekannten Kompositionen.

Meine Schulkenntnisse der deutschen Sprache wurden aufgefrischt, ich schrieb Aufsätze und nahm Deutschunterricht, um aus meinem Studienaufenthalt das Bestmögliche herauszuholen.

Paul Weschke

Im Jahre 1911 wurden Anton Hansen zwei Monate Urlaub vom Royal Opera House bewilligt, damit er die geplante Reise nach Berlin unternehmen konnte. Am 18. September ging es vom Hauptbahnhof Kopenhagen los.

Einige Tage zuvor hatte ich Paul Weschke — der nicht nur erster Posaunist in der Oper, sondern auch Lehrer an der Kgl. Musikhochschule war — den Zeitpunkt meiner Ankunft mitgeteilt.

Als ich mit dem Zug in Berlin ankam und aussteigen wollte, war ich sehr erstaunt, als sich ein mir gänzlich unbekannter Herr mir lächelnd als Paul Weschke vorstellte.

Ich hatte ihm nie ein Photo von mir geschickt und fragte deshalb, wie in aller Welt er erraten konnte, wer ich war.

« Aber ja », entgegnete er, « Sie waren doch der einzige Reisende, der eine Posaune unter dem Arm trug. »

Das hatte ich total vergessen.

(Fortsetzung folgt)

Per Gade

Per Gade

Der Autor

Per Gade ist in Aalborg, Dänemark, am 26. Mai 1944 geboren. Er begann als Jazz-Posaunist, studierte dann später an der Königlichen Musikakademie in Kopenhagen, wo er einen ersten Preis erhielt.

Er studierte zugleich Psychologie, Orchester-Direktion, Komposition und Instrumentation. Bildete sich dann noch weiter aus mit Denis Wick in London und Jay Friedman in Chicago.

Per Gade hat zahlreiche Werke für Posaune skandinavischer Komponisten uraufgeführt (er spielt Alt-Posaune, Sopran-Posaune, Bass-Trompete, Ventilposaune, Baryton und Euphonium, wie auch Bass-Posaune).

Seine Pädagogenkarriere begann er als Assistent von Professor Palmer Traulsen an der Königlichen Musikakademie in Kopenhagen.

Zur Zeit ist er Professor für Posaune, Baryton und Blechbläserensembles am College und an der Musikakademie von Sakuyo in Japan.

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Anton Hansen (1877-1947)

Notizen

¹ Tivoli ist der grösste und älteste Vergnügungspark Kopenhagens mit etlichen Konzertsälen und -tribünen.

² Lur: Naturtonblasinstrument aus Bronze; stammt aus der nordischen Bronzezeit vor mehr als 2000 Jahren. Die Instrumente sind immer paarweise gefunden worden und entsprechen im Tonumfang alle ungefähr der Posaune, weshalb sie stets von Posaunisten gespielt worden sind.

³ Ein privates Musikkonservatorium auf dem damaligen Nørrebro, Kopenhagen.

⁴ Ein Kopenhagener Amateursinfonieorchester, das immer noch existiert.

⁵ Eine Kopenhagener Konzertorganisation.

⁶ Joakim Andersen, dänischer Flötist und Dirigent.

⁷ Später König Christian X. von Dänemark.

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