Brass Bulletin 22, II / 1978 (Seite 45–52) · 7 Min. Lesezeit
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Die Trompete in den Staaten:

Der Lage ins Gesicht gesehen von einem Berufstrompeter

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Die Trompete in den Staaten:

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat das Abendland eine Zeit der Freiheit, des Reichtums und des Fortschritts erlebt wie noch nie zuvor in unserer Kulturgeschichte. Dem Einzelnen steht ein nie gekanntes Angebot an Entfaltungsmöglichkeiten zur Verfügung. Mit Recht hat man von den vergangenen 10 bis 15 Jahren behauptet, sie seien die Zeit des «Jeder-macht-was-ihm-zusagt». Zweifellos ist das eine wunderbare Sache, vor allem wenn sie auf Dauer angelegt zu sein scheint.

Wenn nun die Beschäftigung des Einzelnen nicht gerade in dieses Konzept fällt, kann es passieren, dass er sich früh oder spät einem Kompromisszwang in Beruf oder Freizeitgestaltung gegenübergestellt sieht, wobei Illusionen verschütt gehen, unglückliche Zeiten drohen, kurz, der Eindruck aufkommt, die Gesellschaft sei ihren Verpflichtungen dem Individuum gegenüber nicht nachgekommen. Die Schuld kann nicht ausschliesslich dem Enttäuschten zugeschoben werden, denn meistens hat es das Erziehungs- und Bildungssystem versäumt, vor der zeitlichen Begrenzung eines Konzepts der Art des «Jeder-macht-was-ihm-zusagt» zu warnen.

Das Bildungssystem ist in den vergangenen Jahrzehnten tiefe Wandlungen eingegangen, vor allem ist das Hochschulwesen zu einem grossangelegten Betrieb geworden. Zur Zeit gibt es in den Staaten Tausende von Hochschulen, Oberschulen und Mittelschulen, an denen sich praktisch ein jeder einschreiben lassen kann. Die Vielfältigkeit des Studienangebots übertrifft alles Vorstellbare: Kunst, Technik, Wissenschaft, Sport, Automechanik, Theater, Medizin, Musik, Volkswirtschaft, Film, Handel, Surf, die Liste ist ins Unendliche fortsetzbar.

Fast alle Hochschulinstitute haben eine Musikabteilung. Manch eine ist sehr klein und bietet nur Anleitung zum Musikverständnis, Klavier- und Gesangunterricht. Viele Abteilungen wiederum sind in riesige Ausmasse angewachsen und entlassen jährlich über tausend ausgebildete Musiker. Eine unter ihnen teilt jährlich durchschnittlich 90 bis 100 Trompetendiplome aus. Ist das nicht fantastisch?

Der marktwirtschaftliche Aspekt einer Musikabteilung ist folgender: Je mehr Studenten eingeschrieben sind, umso höher wird die finanzielle Unterstützung sein. Das erhöhte Budget erlaubt es, mehr Lehrer anzustellen, mehr Instrumente, mehr Material und bessere Ausrüstungen anzuschaffen, wodurch die Abteilung bessere, wirksamere Arbeit leisten wird, was ihr folglich mehr Studenten zuführen wird. Ausser den Hoch-, Ober- und Mittelschulen angegliederten Musikabteilungen gibt es in den Staaten auch zahlreiche Musikakademien, an denen Musik und schöne Künste gepflegt werden. Das ist alles sehr schön und gut, aber was wird aus den Studenten, die diese noblen Schulen mit dem Abschlusszeugnis in der Tasche verlassen?

Jedes Unternehmen muss sich nach den Angebots- und Nachfrageregeln richten. Wäre die Nachfrage nach Musikern, genauer gesagt nach Trompetern, günstig, wäre alles in Ordnung. Leider werden viele Studenten der Hochschulen weder von den Studienberatern noch von den Lehrern darüber ins Klare gesetzt, dass die meisten Musikschüler nie Berufsmusiker werden können, egal ob sie gute Musiker sind oder ein Abschlusszeugnis vorweisen können.

Zum Angebots- und Nachfragegesetz kommt noch die musikalische Begabungs- und Befähigungsstufe hinzu. Einige Kandidaten dürften gar nicht erst zum Studium zugelassen werden; aus mangelnder Befähigung oder Motivation oder wegen fehlendem musikalischem Hintergrund. Allerdings würde das die statistischen Zahlen herabdrücken: weniger eingeschriebene Studenten, weniger Lehrer, geringere Zuschüsse. Deshalb wird meistens geschwiegen — oder fast — und der Betrogene ist im Grunde der angehende Musikstudent.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Staaten einen raschen Bevölkerungszuwachs, was eine grössere Nachfrage nach Ausbildungsstätten und -personal einschliesslich nach Musiklehrern zur Folge hatte. Das ermöglichte vielen diplomierten Musikern, im Unterrichtswesen unterzukommen und auf ihrem Gebiet tätig zu sein. An einigen Hoch- und Oberschulen haben sich die Musikabteilungen denn auch nur der Musikpädagogik, der Ausbildung von Musiklehrern, gewidmet.

Da aber die Bevölkerungszuwachskurve in letzter Zeit viel weniger steil verläuft, ist die Nachfrage nach Musiklehrern seit 1970 gewaltig zurückgegangen. Seltsamerweise wachsen die Musikabteilungen an den Hoch- und Oberschulen weiter an. Könnte ein Musiker 4 bis 5 Jahre lang Musik studieren, «machen, was ihm zusagt», ein Musikdiplom erhalten und dann weiter studieren, um sich auf eine wirklichkeitsbezogene Tätigkeit vorzubereiten, dann würde höchstwahrscheinlich alles in Ordnung sein. Nun ist es aber so, dass die meisten nach 4 bis 5 Jahren Studium vor der Notwendigkeit stehen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, einer Forderung, die in den meisten Fällen ein Fortsetzen des Studiums ausschliesst. Ausser für die wenigen, denen es gelingt, sich eine Stelle in der Musikwelt, in Ausübung oder Unterricht, zu beschaffen.

Ein angehender Trompeter, der sich aufs Berufsleben in seinem Fach eingestellt hat, tut sich zweifellos schwer, wenn er mit der Wirklichkeit konfrontiert wird, die ihm keine Möglichkeit zur Berufsausübung bietet. Aber einer gegebenen Situation ins Auge sehen zu können ist auch ein Lernprozess und ist Teil der Persönlichkeitsbildung. Da ich Fachmann für die Trompete bin, will ich hier einige statistische Zahlen aufführen, die angehende Berufstrompeter interessieren dürften:

1. In den Staaten gibt es 26 Sinfonieorchester, in denen ein Trompeter ein Jahresgehalt von $ 10 000 oder mehr verdienen kann. Die meisten Orchester beschäftigen 4 Trompeter, einige nur 3. Insgesamt also ungefähr 90 Sinfonietrompeter mit vollem Jahresgehalt in ganz USA.

Die anderen Sinfonieorchester bieten mit weniger als $ 10 000 im Jahr nur Teilzeitbeschäftigung. Freie Stellen für vollbeschäftigte Trompeter wird es bestenfalls durchschnittlich 3 bis 7 jährlich geben. Diese Zahl schwankt von einem Jahr zum anderen. Einige Sinfonieorchester haben seit 6 bis 10 Jahren keine freie Stelle gemeldet. Auf eine ausgeschriebene Stelle kommen dann mehr als 200 Bewerber, darunter hochqualifizierte Musiker. Wie dem auch sei, allein die geringe Zahl der zu besetzenden Stellen ist relevant genug.

2. Vollbeschäftigung in einem namhaften Jazz- oder Tanzorchester gehört in vergangene Zeiten. Die Wiederbelebung der «big bands» ist ein verjährter wirklichkeitsfremder Wunschtraum begeisterter Musiker. Die namhaften Orchester arbeiten nur sporadisch, bieten allerdings jungen «leads» und Jazzmusikern fantastische Gelegenheit, ihre Kunst zu üben und Erfahrungen zu sammeln.

3. In Grossstädten gibt es Tanz- und Unterhaltungsorchester. Sie bieten Teilzeitbeschäftigung, aber die Arbeit ist nicht besonders befriedigend. Immerhin gibt es Trompeter in dieser Sparte, denen es finanziell recht gut geht.

4. Es gibt auch einige «Show»-Orchester, die Ganzzeitbeschäftigungen bieten. Dafür ist Las Vegas in Nevada beispielhaft. Diese Orchester arbeiten mit Sängern, Schauspielern und anderen Berufsgruppen aus dem Showbusiness. In solchen Orchestern zu spielen mag befriedigend sein, da hier grosse musikalische Vielfältigkeit gefordert wird.

Die Showbands, die bei grossen Vorstellungen (Folies, Burlesken, Kunsteislauf u. a. m.) spielen, stellen den Trompetern oft sehr hohe Anforderungen an Ausdauer und Tonumfang. Hier sollte auch der Grund für den aussergewöhnlich häufigen Wechsel, insbesondere der «leads» oder ersten Musiker, zu suchen sein. In einer solchen Vorstellung zu spielen entspricht der Arbeit in einem Zirkusorchester, nur dass die Musik eine Oktave höher geschrieben ist.

5. Orchester der Art «Broadway-Musical» gibt es in mehreren Grossstädten. Sie bieten aber nur Teilzeitbeschäftigung. Auf diesem Gebiet findet man lediglich in New York feste Anstellungen und in Städten wie Chicago, Los Angeles, Miami und wenigen anderen Möglichkeiten zu angemessenen Einkommen.

6. Kleinere, auf Jazz ausgerichtete Gruppen haben in letzter Zeit Auftrieb bekommen. Hier ist es wichtig, guten Jazz zu bieten. Trotzdem ist es schwer, Vollbeschäftigung in solchen Gruppen zu finden. Einige Jazzmusiker sind sehr erfolgreich, insbesondere durch Album-Aufnahmen, solange sie einer gewissen Linie treu bleiben und sie einen ehrlichen Impresario haben.

7. Die sogenannten «Concert Bands» gelten heute allgemein als Freizeitbeschäftigung für pensionierte Musiker. Einige dieser Orchester spielen nur an Wochenenden, vor allem in der Urlaubszeit. Nichtsdestotrotz bieten sie den Trompetern lohnende Erfahrungen.

8. Studioarbeit leisten heisst, verschiedene Musikarten spielen zu müssen, verlangt also Anpassungsfähigkeit und Geschmeidigkeit des Ausführungsstils. Zahlreiche Trompeter träumen von solchem Arbeitsgebiet: sowohl die Musik wie die Vergütung übt hier einen starken Reiz aus. Die meisten Musiker, die Studioarbeit leisten, haben sich schon vorher einen Namen gemacht durch Schallplatten, Filme, Fernsehen oder Werbung.

Aufnahmestudios gibt es hauptsächlich in New York, Los Angeles (Hollywood), Nashville, aber auch in Chicago, Dallas und einigen anderen Städten. Nur wenigen Trompetern können Studios Ganzzeitbeschäftigung bieten, viele spielen hier nur gelegentlich und bessern damit ihr Einkommen auf.

9. Die Nachfrage für Solisten ist zur Zeit verschwindend klein. Einige Trompeter spielen hier und da Solos, sind aber nicht darauf spezialisiert. Einige geben Solokonzerte, insbesondere auf dem Campus der Ober- und Hochschulen, ihr Publikum besteht aber hauptsächlich aus dem Lehrkörper und der Studentenschaft der Musikabteilungen. Fühlt sich ein Trompeter zu einer Laufbahn ähnlich der eines Maurice André oder eines Doc Severinsen berufen, so muss er es auf jeden Fall versuchen, wenn auch das goldene Zeitalter der Solisten vorbei zu sein scheint. Aber wer weiss, was uns in Zukunft erwartet?

10. In einigen Rock- oder Jazz-Rock-Orchestern gehört die Trompete zur Instrumentierung. Einige Rock-Gruppen verlangen von ihrem Trompeter, dass er auch andere Instrumente spiele und/oder singe. Von Zeit zu Zeit ist eine Gruppe erfolgreich, die meisten aber bleiben im Hintergrund. Und man hat dann nur die endlosen Proben. Wird die Gruppe verstärkt, so sollte man sich vergewissern, dass auch die Trompete verstärkt wird, da man sich sonst Lippen und Schädel zerspielen kann im Wettbewerb mit den verstärkten anderen Instrumenten. Macht eine Rock-Gruppe Aufnahmen, die sich verkaufen lassen, dann hat man’s geschafft. Dann aber aufpassen, dass einem der Erfolg nicht zu Kopfe steigt!

11. Die «Los Angeles Californian Musicians Union» (Section N° 47) zählt mehr als 1 500 Trompeter bei einer Mitgliederzahl von über 15 000. (Die Eintrittsbedingungen sind so abgefasst, dass ein jeder oder fast jeder beitrittsberechtigt ist.) Unter den 1 500 Trompetern gibt es nur etwa 125 ganzzeitbeschäftigte Berufstrompeter, von denen wiederum nur etwa 50 finanziell gut gestellt sind.

12. In Sinfonieorchestern findet wohl der Trompeter die beste wirtschaftliche Absicherung. Die meisten Orchester setzen Jahresverträge auf, einige aber bezahlen ihre Musiker für die Sitzung, die Leistung oder die Woche. In Westeuropa, ausser in England, sind die Berufsbedingungen für gewisse Anstellungen (an Sinfonie- und Rundfunkorchestern z. B.) viel besser und sicherer als in den Staaten.

Abgesehen von den hier aufgeführten negativen Aspekten sollte dieser Artikel im Endeffekt doch positiv wirken. Ich beabsichtige, einen wirklichkeitsnahen und pragmatischen Umriss der Berufswelt des Trompeters vorzustellen, da dieser Standpunkt nur selten von den Lehrern unserer höheren Ausbildungsstätten eingenommen wird. Die negativen Folgen, die sich zum Nachteil der angehenden Berufstrompeter entwickeln, haben im Grunde ihren Ursprung in der wirklichkeitsfremden Auffassung, welche die akademische Berufswelt von der Lage hat.

Die meisten Trompeter, die, egal aus welchem Grund, nicht in die Berufswelt eintreten, werden mit und durch ihr Spiel grossartige, lohnende, bereichernde Erfahrungen machen, auf gesellschaftlicher, kultureller oder musikalischer Ebene; gelegentlich sogar werden sie einen Riesenspass daran haben. Vielleicht können wir unseren Kollegen im Beruf, im Unterrichtswesen, den Liebhabern und den Studenten durch die Fachzeitschriften für Trompete oder für Blechbläser, durch die «clinics», durch die Vereinigungen und die Clubs, die allesamt Informationen in Windeseile über die ganze Erde verbreiten, dazu verhelfen, «der Lage ins Gesicht» zu sehen, eher als dass sie so dargestellt werde, wie einige sie gerne sähen.

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