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Spezial DDR

Im Gespräch mit Ludwig Güttler

Im Gespräch mit Ludwig Güttler

Ludwig Güttler

Wir veröffentlichen hier Auszüge eines Interviews mit dem eminenten Trompeter Ludwig Güttler anlässlich des 27. Internationalen Musikseminars in Weimar (DDR — Juli 1987).

Frage: Was beabsichtigen Sie Ihren Kursteilnehmern im Allgemeinen zu vermitteln und welche Themen stehen in diesem Jahr besonders zur Diskussion?

Ludwig Güttler: Eine Vielzahl von hervorragenden jungen Nachwuchsbläsern sieht natürlich die Sinnfälligkeit eines solchen Kursbesuches von der Erwartung her: Was kann mir das nützen? Andere kommen nur deshalb, weil sie ein Problem haben oder glauben, eines zu haben. Trotz dieser unterschiedlichen Erwartungen lassen sich aber Verallgemeinerungen anstellen, zumal ich bei bisher von mir durchgeführten Kursen folgende Beobachtung machen konnte:

Ob beim Üben, ob bei der musikalischen Zielvorstellung, ob bei der Darstellung der eigenen Leistung beim Wettbewerb oder wo auch immer, stets beobachte ich — und muss sagen mit zunehmender Sorge — ein Sichnähern der Musik mit sekundär wichtigen Mitteln, d.h. die musikalische Herausforderung der Interpretation eines Werkes wird vornehmlich — in extremen Fällen überhaupt nur — von der Seite der Machbarkeit her gesehen. Inhaltliche Fragen, Ausdrucksfragen, Stilfragen, aber auch ganz grundsätzliche Fragen der musikalisch-notwendigen Mitteilung von Mensch zu Mensch, das Bewegtsein, das Anrühren, das Übermitteln, das Begeistern — diese Aspekte, diese Grundinhalte kommen generell zu kurz.

Es ist deshalb meine Aufgabe, nicht nur im Sinne von Hinweis, sondern auch im Sinne von Vorbild, einzuwirken. Bei den mir hier als Partner gegenüberstehenden Blechbläsern steht diese Problematik in einer noch zugespitzteren Form, als dies im Allgemeinen beispielsweise bei Holzbläsern oder gar Streichern auftritt. Die Reduzierung auf bestimmte Ausdrucksinhalte im Orchester bringt bei einer Reihe von Blechbläsern die Einstellung hervor, dass die im hochromantischen Orchester vorwiegend geforderten Tugenden bereits das Gesamtspektrum der musikalischen Ausübung und Wirksamkeit darstellen. Dieser Verödung und auch diesem grundsätzlichen Irrtum, versuche ich entgegenzuwirken.

Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die zu stellenden Anforderungen an die junge Trompeter-Generation, deren Qualitätsmassstäbe und natürlich auch an die der Ausbildung?

L. G.: Es gibt verantwortlich denkende und arbeitende Musiker, die heute durch die Medien überall zu hören sind. Die unübersehbare Flut von guten Unterrichtswerken ergibt eine sehr gute Möglichkeit, sich optimal zu konditionieren. Durch eine Vielzahl textkritischer Ausgaben, liegen viele Werke, die früher nicht zugänglich waren, heute in verwendungsfähigen Ausgaben vor, und die jungen Trompeter können sich durch Symposien, durch Kurse, durch Kongresse in einer Weise bilden, die als Voraussetzung zu einer weiteren Leistungssteigerung als regelrecht ideal angesehen werden kann. Für den engeren Kern der Ausbildung an der Hochschule z.B. heisst das, dass für eben diese Massstäbe die jungen Trompeter vorbereitet werden müssen: Verbreiterung der musikalischen Bildung, Literaturstudium, physiologische Überwachung und Training der Grundfunktionen, Orchesterstudien, Solospiel, Zusammenspiel, Kammermusik- Blechbläserensemblespiel, Naturtrompete, Corno da caccia, instrumentenspezifische Gehörbildung, der eine allgemeine musikalische Hörerziehung vorausgehen muss, Spieltechniken der neuen (zeitgenössischen) Musik und Orchesterspiel.

Dabei ist die oft gestellte Frage des «wie lange üben» grundsätzlich hinter die viel wichtigere Frage des «was» und «wie richtig» übens zurückzustellen.

Frage: Eine neue Kammermusikvereinigung, die «Virtuosi Saxoniae», wurde von Ihnen ins Leben gerufen. Dabei zeigen Sie sich von einer neuen Seite, denn Sie sind nicht nur Solist und künstlerischer Leiter, wie wir Sie bereits kennen, sondern Sie sind hier auch Dirigent. Wird Ihre bisherige Arbeit dadurch mehr in den Hintergrund treten und welche Vorhaben und Ziele streben Sie mit diesem neuen Kammerorchester an?

L. G.: Wenn man meine bisherige Arbeit unter Verkennung ihrer eigentlichen Dimension ausschliesslich auf solistische Darstellung bezieht, könnte man den Eindruck haben, dass durch die neue Dimension anderes zurückstehen muss. Da ich jedoch mit den «Virtuosi» auch meine Trompetenkonzerte, Corno da caccia-Konzerte usw. spiele, ist es auch eine sinnvolle Koordination und Optimierung meiner bisherigen Arbeit. Dass es darüberhinaus eine ganze Reihe von Werken, ja ich möchte fast sagen eine ganze Epoche, darzustellen gilt, ist in der Aufgabe, die ich als drängend in den letzten Jahren erkennen konnte und der ich mich jetzt verschrieben habe.

Dabei spielen besonders die Schätze der Dresdner Musikkultur eine sehr grosse Rolle. Ich bin über diese Arbeit bisher sehr froh und empfinde es als eine notwendige Schlussfolgerung aus meiner bisherigen Tätigkeit.

Frage: Gestatten Sie mir angesichts Ihres immensen Arbeitsprogrammes eine sicher oft gestellte Frage an Sie: Woher schöpfen Sie die notwendige Kraft, bzw. wie konditionieren Sie sich und bauen Sie sich auf?

L. G.: Diese Frage ist die am leichtesten zu beantwortende. Meine Erfahrung sagt mir all das, was ich mit Spass und Lust zu tun imstande bin, baut mich weiter auf. Eine Ergänzung und gegenseitige günstige Beeinflussung meiner verschiedenen Arbeitsprogramme ist deshalb das Ziel, um die notwendige Kraft in Sinnvolles, Schöpferisches, Freudebringendes zu investieren und um Aufreibendes, Kräftezehrendes, Destruktives möglichst zu vermeiden. Die Antwort klingt einfach, erfordert aber ein hohes Mass an Entscheidungswilligkeit, ein unpopuläres Mass an Nein-sagen und eine geradezu unfreundliche Kürze beim Umgang mit Menschen und Dingen, wo ich den Eindruck gewinne, dass es nutzlos und vergeblich ist.

Weil eben Kraft und Zeit endliche Faktoren in unserem Leben darstellen, ist der verantwortliche und sparsame Umgang damit der andere Teil der Antwort auf diese wichtigste der hier gestellten Fragen.

Brass Bulletin 60, IV / 1987 Seiten 41–43

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