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Spezial DDR

Die Posaunisten Conrad und Johannes Bauer

Die Posaunisten Conrad und Johannes Bauer

Conrad und Johannes Bauer

Ungewöhnlich ist das schon: Zwei Brüder, elf Jahre auseinander, kommen auf unterschiedlichen Wegen zur Musik, erlernen das gleiche Instrument, widmen sich schliesslich fast ausnahmslos der musikalischen Improvisation.

Als Conrad Bauer schon professioneller Musiker war, riet er Johannes, dem jüngeren Bruder, sich ausser mit der Posaune noch mit einem anderen Instrument zu beschäftigen, damit beide später auch einmal gemeinsam in einer Band spielen könnten. Johannes blieb bei der Posaune. Zum gemeinsamen Spiel kam es dann Jahre später aber doch noch; in einer Besetzung freilich, die sich damals noch keiner vorstellen konnte: zwei Posaunen und zwei Gitarren. Die beiden Brüder stehen für sich, und gelegentlich stehen sie auch gemeinsam auf der Bühne. Konkurrenz kommt nicht auf. Beider musikalisches Profil ist unverwechselbar. Gegenseitige Wertschätzung lässt sie zusammenfinden. Sie sind als Persönlichkeiten stark genug, die Unterschiede weder angleichen noch hervorheben zu wollen.

Conrad

Conrad ist im Verlaufe der Jahre zu einer immer komplexeren Posaunenspielweise gelangt, in der alles, was er musikalisch gelernt und erfahren hat, aufgehoben ist. Sein Spiel hat mit Reife, und Reife hat auch mit Lebenszeit zu tun. In der Familie, einem Pfarrershaushalt, wurde gesungen und Musik gehört. Doch die eigentliche Faszination ging für Conrad von der Musik aus, die er im Radio und auf den Tanzbällen hörte. In diesem Spannungsfeld begann er, sich autodidaktisch mit verschiedenen Instrumenten zu beschäftigen, spielte längere Zeit Gitarre, sang. Mit sechzehn trug er während der Ferien Kohlen aus und kaufte sich von dem erarbeiteten Geld eine Trompete. Die Möglichkeit, bei einem guten Lehrer Unterricht zu nehmen, liess ihn zur Posaune wechseln. Nach dem Studium an der Musikhochschule in Dresden spielte er zunächst Tanzmusik, Rockmusik, Soulmusik, oft durchsetzt mit Jazzelementen.

Der lebendige Fluss seiner Musik entzieht sich jeglicher Kategorisierung. Rhythmische Spannung, motorischer Impetus und instrumentale Intensität kommen zweifellos aus der Welt des Jazz. Doch Conrads musikalische Befindlichkeit ist im Gegenwärtigen verankert; und die Vielzahl der Mittel, derer er sich bedient, führt über die Jazzidiomatik und ihre Gesetzmässigkeiten hinaus. In einem angestrengten Lern- und Übungsprozess hat er die spieltechnischen Möglichkeiten auf dem Instrument in einem Masse erweitert, das ans Unvorstellbare grenzt. Durch Kombination verschiedener Spielvarianten — beispielsweise Zirkularatmung und mehrstimmiges Spiel — und deren fortwährende Differenzierung gelang es ihm, ein individuelles Klangvokabular auszuprägen. Doch Virtuosität gerät ihm nie zum Selbstzweck; sie bildet für Conrad nur eine von vielen Voraussetzungen, seine Ideen und Emotionen mitteilbar zu machen.

Johannes

Johannes, der jüngere der beiden Brüder, 1954 geboren, ähnelt Conrad in der Intensität, mit der er sich selbst in den Spielprozess einbringt. Er unterscheidet sich hinsichtlich der Arbeitsmethoden und der klingenden Resultate. Johannes wurde nicht durch seinen Bruder bekannt, brauchte sich aber auch nicht gegen ihn durchzusetzen. Beeinflussungen sind freilich gar nicht auszuschliessen. So brachte Conrad seinen Bruder Johannes zu jenem guten Posaunenlehrer, der auch ihm weitergeholfen hatte; so spielte auch Johannes während seiner Studienzeit in Berlin Rock- und Soulmusik. Von 1979 an widmete er sich dann ausschliesslich dem Jazz bzw. der improvisierten Musik. Seit 1980 leitet er eigene Workshops mit improvisierenden Musikern, für die er auch kompositorische Vorlagen entwirft.

Nochmals zusammen

Eine Besonderheit stellt das Anfang der achtziger Jahre entstandene Quartett «Doppelmoppel» dar, in dem Conrad und Johannes Bauer mit den Gitarristen Uwe Kropinski und Helmut «Joe» Sachse zusammenspielen. In dieser Spielkonstellation, in der die ansonsten verschiedene Wege gehenden Posaunisten wieder zusammentreffen, ist alles möglich: die gemeinsame Steigerung und der trotzige Widerspruch, stilistische Vielfalt und strikter Purismus, reine Musizierfreude und konzentrierte Mitteilung.

Conrad und Johannes Bauer haben auf dem gleichen Instrument durchaus Unterschiedliches zu sagen. Worin sie einander entsprechen, das ist ihre Überzeugungskraft.

Brass Bulletin 60, IV / 1987 Seiten 38–40

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