Im Gespräch mit Ludwig Güttler
Von Gerd Radeke , Christian Blümel
Dresden, im Gespräch mit Christian Blümel und Gerd Radeke, Münster, in Rheine/Westfalen, am 27. September 1982
Ludwig Güttler konzertiert gerade mit dem von ihm 1976 gegründeten Leipziger Bach-Collegium. Auf dem Programmzettel ist zu lesen, dass dieser Kreis es sich zur Aufgabe gemacht hat, das «alte, weithin in Vergessenheit geratene Verzierungswesen bis hin zur Improvisation (sc. der Musik Bachs und seiner Zeitgenossen) wiederzubeleben», und damit «die alte Musik nicht als starres Museumsgut aufzufassen», sondern «historische Authentizität mit Erfahrungen heutigen Musizierens» zu verbinden.
Frage: Wie beurteilen Sie Stimmen, die Sie als Maurice André der Deutschen Demokratischen Republik bezeichnen? Würde es nicht eher zutreffen, dass Sie eine «Mischung» aus Maurice André und Edward Tarr darstellen, denkt man jetzt an die von Ihnen formulierten Aufgaben der Authentizität der musikalischen Darstellung.
Antwort: Die Stimmen, die mich als Maurice der DDR bezeichnen, finde ich schmeichelhaft — aber unzutreffend. Ich verehre Maurice André natürlich sehr.
Edward Tarr hat auf mich als Vorbild gewirkt.
Die Frage, die Sie artikulieren, verstehe ich vor dem Hintergrund, dass Sie aufgrund Ihrer guten Informationssituation hier über Maurice André und Edward Tarr schon seit langer Zeit sehr gründlich informiert sind, und dass ich — ohne mich gleichzustellen — erst seit kurzem hier bekannt werde.
Lassen Sie mich hierzu etwas weiter ausholen — einfach zum Kennenlernen: Ich spiele seit 1958 — ich war damals in der 10. Klasse der Oberschule (habe das Abitur abgelegt, da ich ursprünglich Architekt werden wollte) — die Trompete in Bach’schen Oratorien. Begonnen habe ich 1957 «mit der Trompete», nachdem ich schon andere Blechblasinstrumente gespielt hatte — Horn, Posaune — aber auch Cello, Orgel, Klavier und Flöte. Meine musikalische Ausbildung begann im Alter von fünf Jahren — mit der Ziehharmonika.
F.: Wie ging es dann weiter mit der Trompete?
A.: Als Trompeter habe ich mich zunächst vorwiegend über die Kantoreitradition des sächsischen, speziell des erzgebirgischen Raumes entwickeln können.
Sie müssen davon ausgehen, dass in jedem grösseren Dorf (oft mit eigenen Kräften) das Bach’sche «Weihnachtsoratorium» jährlich aufgeführt wurde. Und dann hat es sich ergeben, dass ich über das «Weihnachtsoratorium» und den «Messias» hinaus, auch zu Bach-Kantaten verpflichtet wurde. Für mich eine wichtige Ergänzung des Repertoires, wenn ich daran zurückdenke, was damals an Trompetenkonzerten in Gebrauch war: die Uraltausgabe (1930) von Leopold Mozart, das 1959 herausgegebene «grosse» Telemann-Konzert und der 1964 erschienene «kleine» Telemann — die «Sonata», die beiden letzteren im Musikverlag Sikorski — und dann noch einige Abschriften von Werken, die wir aus Bibliotheken hatten.
F.: Sie spielen heute sehr viel die Kombination Trompete und Orgel.
A.: Nun, ich habe schon zu Beginn der 60er Jahre — 1961 in Leipzig mit dem Studium beginnend — verschiedene Kombinationen ausprobiert, einfach aus innerem Unbefriedigtsein, auch vielleicht aus etwas übersteigertem Darstellungsvermögen — was wir Blechbläser manchmal so an uns haben.
Die Möglichkeit zu experimentieren, vor allen Dingen in adäquaten Räumen — sprich Kirchenräumen mit Orgeln — hat sich sehr schnell ergeben.
Es ist ausserdem klar, dass heute kein Trompeter in Europa von sich behaupten könnte, durch die steile Karriere von Maurice André nicht beeinflusst worden zu sein. Das ist eine unbestreitbare Tatsache.
F.: Seit wann blasen Sie die Piccolo-Trompete?
A.: Kleine hohe Trompeten habe ich erstmals 1963-1964 geblasen. Bis dahin verwendete ich ausschliesslich die C- und die D-Trompete, selten die hohe F-Trompete. (Instrumente der Firma Knodt aus Markneukirchen; Monke aus Köln — vor allem an eine F-Trompete erinnere ich mich, die sehr gut war!)
Im Instrumentenmuseum von Markneukirchen gibt es eine hoch B-Trompete, die um die Jahrhundertwende gebaut worden ist. (Eigentlich ist es ein Flügelhorn in hoch B!) Auf dieser Trompete haben abwechselnd Willy Krug und ich das «2. Brandenburgische Konzert» gespielt. Wir mussten uns das Instrument immer aus dem Museum ausleihen, und es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, dieses Instrument zu kopieren und nachzubauen.
Zu dessen Charakterisierung muss ich sagen, dass hoch B-Trompeten, mit denen ich später in Berührung gekommen bin, alle enger mensuriert waren, mit Ausnahme einer Trompete von Mahillon, Brüssel. Da die Mahillon-Trompete eine sehr weite Mensur hatte, müsste ich eigentlich korrekt eher ebenso von einem «Hoch-B-Flügelhorn» sprechen. Sie kam nämlich diesem von mir erwähnten Museumsinstrument aus Markneukirchen am nächsten.
Es gab bei uns in Sachsen auch immer schon Versuche, diese kleinen Trompeten nachzubauen. Sie wissen, dass Markneukirchen, Klingelthal — für Leute, die in Europa mit dem Blechbläserwesen zu tun haben — bekannte Namen sind. Auch Instrumentenbaufamilien, die heute in Süddeutschland zu Hause sind, sind teilweise noch dort geboren. Auch nachdem Adolf Scherbaum öfter nach Leipzig gekommen war — Ende der 50er Jahre — versuchte man seine phänomenale Blaskunst zunächst vom Formalen und Instrumententechnischen her einzufangen. Es gab da direkte Kopien und Schattenbilder von Scherbaums Trompete; wie es immer von ernsthaften Bemühungen bis zum Anekdotischen reicht — das kennen wir ja, das wird sich auch immer wiederholen!
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