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Brass Bulletin 81, I / 1993 Seite 26–32 · 8 Min. Lesezeit

Miles Davis

Begegnung in der Küche

Miles Davis

Miles Davis

Anmerkung der Redaktion: Diese Begegnungen zwischen Bob Watt und Miles Davis fanden 1991 statt, ein Jahr vor dem Tod des grossen Trompeters, und dieser Bericht zeigt uns einen unerwarteten Aspekt im täglichen Leben dieses mythischen Stars. Aus diesem Grunde haben wir versucht, den üblichen Slang der Schwarzen wiederzugeben.

Dank einem grossen Sack (green collard¹ Senfblättern und geräucherten Truthahnflügeln habe ich Miles Davis kennengelernt.

An einem Wochenende telefonierte Miles Davis meiner Freundin Barbara und klagte, dass man in Malibu, wo er lebte, nirgends dieses Gemüse finden könne. Er fragte sie, ob sie ihm davon bringen könnte, aber sie war gerade zu beschäftigt.

Aufgrund ihrer Ablehnung schlug er ihr vor, mich zu überzeugen, ihm das Gemüse zu bringen. Er wusste, dass ich regelmässig nach Malibu fuhr um zu Reiten und dass er, wenn ich ihm den Gefallen täte, gleichzeitig seine Neugierde stillen könnte und “diesen verdammter Hurensohn²” testen, der mit seiner lieben Barbara befreundet war. Barbara und ich suchten schon die Gelegenheit zu einer Begegnung mit Miles seit dem Beginn unserer Beziehung. Als wir uns dann besser kannte, sagte Barbara oft zu mir “Du musst unbedingt Miles kennenlernen”. Sie dachte, wir hätten recht viel gemeinsam. Ich versuchte vergeblich, die Nervosität zu meistern, die mich jedesmal befiel, wenn ich mich von Angesicht zu Angesicht mit Miles mir vorstellte.

Barbara hatte Miles gesagt, ich sei ihr neuer Freund. Miles empfand sehr väterliche und beschützerische Gefühle für sie und stellte ihr alle möglichen persönlichen Fragen über unsere Beziehung. Sie sagte ihm, ich sei Hornist im Los Angeles Philharmonic, ich sei schwarz und ich habe einen Pferdestall in seiner Nähe in Malibu. Obwohl es ihr sehr wichtig war, dass ich Miles begegnete, fürchtete sie, er könnte sich kalt und aggressiv zeigen. Sie gab mir klar zu verstehen, dass eine eventuelle Antipathie mir gegenüber sofort sichtbar wäre, in welchem Fall ich ihm bloss die Hand schütteln, ihm das Gemüse übergeben und mich höflich verabschieden sollte.

So machte ich mich auf zur Begegnung mit Miles Dewey Davis, mit dem Gemüse in einer Hand und geräucherten Truthahnflügel in der anderen.

Als ich seiner Villa näherkam, verflog meine Nervosität etwas, da ich merkte, dass ich die halbe Stadt durchquerte mit diesem Gemüse in der Hand, das genau in Malibu fast überall wild wuchs. Miles hatte nicht einmal gemerkt, dass sein Besitz damit ganz natürlich überwachsen war. Der einzige Ort in Malibu, wo diese Blätter nicht zu finden waren, war... der Supermarkt!

An seiner Türe angekommen schüttelte ich das, was die Türglocke zu sein schien, nämlich eine Reihe rostiger Glöckchen auf einer Schnur, deren klanglicher Effekt nicht überzeugend war.

Trotzdem erschien der jüngste Sohn von Miles rasch und bat mich in den Salon, der eher einem grossen Künstleratelier glich.

Miles war dort und fixierte mich mit seinen Jadeaugen, wie Diamanten an einer afrikanischen Ebenholz-Skulptur. Ich hatte den Eindruck, dass er bis auf den Grund meiner Seele guckte, als er zu sich selbst mit seiner rauchigen Stimme brummelte: “Beim Arsch meiner Ahnen, Barbara ist so klein und zerbrechlich, Scheisse!”

Dann zeigte er sich gastfreundlicher: “Guten Tag, ich bin Miles Davis, setzen Sie sich.”

Als ich sass, fixierte er meinen Mund.

“Ich sehe, Du hast ein Blechmaul” sagte er “Du hast einen Ring auf der Oberlippe. Sag mal, Du hast ein gutes Maul zum blasen, Bob”.

Nach einem maliziösen Schweigen konnte er sich nicht verkneifen, weiterzufahren: “Uebst du viel? oder kommt’s vom Miezen lecken” er begann zu lachen und entschuldigte sich rasch. “Tut mir leid, Kumpel. Danke für das Gemüse.”

“Dieses Gemüse” rief er und leerte den Sack in den Spülstein der Küche, “konnte meine Mutter zubereiten wie niemand sonst. Es war wirklich toll. Weisst Du, Bob, ich habe versucht, ihr etwas davon zu bringen, als sie im Spital im sterben lag, von einem Krebs zerfressen. Diese Arschlöcher haben mir gesagt, dass sie nur die Diät essen durfte, die man ihr verschrieben hatte. Scheisse, sie lag doch in jedem Fall im Sterben. Was konnte noch ändern?

Ich dachte, in diesem Stadium hätte sie wirklich alles bekommen sollen, was ihr noch Freude macht. Ich hasse Spitäler und diese verklemmten Krankenschwestern. Bob, als sie tot war, wog meine Mutter nur noch wenige Kilos, und ich hätte sie wie ein Baby tragen können. Scheisse! Dieser Krebs ist wirklich eine Sauerei. Ich frage mich, wie die Leute dieses Zeug erwischen?”

Ich sagte ihm, dass meiner Meinung nach einige krank würden, weil sie ihr Leben lang schlecht essen, zuviel mit Chemie und Hormonen vollgestopftes Fleisch. Beispielsweise kann man, wenn man ein Leben lang den Enddarm nicht richtig reinigt, dort Krebs bekommen, da die Fleischreste, welche keine unverdaulichen Fasern enthalten, an den Wänden des Enddarmes kleben bleiben und dort verfaulen.

Ausserdem glaube ich, sagte ich, dass die Leute aufgrund des Stresses krank werden, wegen dem, was sie über sich selbst denken und wegen dem Hass und der Schmerzen die sie in sich tragen, Dinge, die sie auffressen und Tumore hervorrufen.

Miles blickte mich lange und hart an, bevor er sagte “Bob, du bist ein erstklassiger verdammter Hurensohn. Ich habe noch nie so ein Quatsch gehört. Du bist also auch so ein grosser Schlauberger. Aber täusche dich nicht. Scheisse, Deine Informationen scheinen solide und sind sogar recht erschreckend... glaubst du, dass ich auch riskiere, diese Scheisse zu erwischen, weil ich so viele Mistkerle rund um mich hasse und mich über sie aufrege?”

Das Gemüse begann zu kochen, und das Gespräch kehrte zu kulinarischen Themen zurück. Miles versuchte sich genau zu erinnern, was seine Mutter in die Pfanne tat, was der Speise so viel Geschmack verlieh. Er packte ein Kochbuch und blätterte sitzend darin. Nichts. Er fragte mich, ob Barbara zu Hause sei. Aber sie war den ganzen Tag bei ihrer Fahrstunde.

“Scheisse” sagte er, “etwas fehlt diesen Scheissblättern. Bob, kennst Du niemanden, der weiss, wie man das zubereitet?”

Ich entgegnete ihm, dass der einzige Mensch, der das vielleicht wissen könnte, meine eigene Mutter war.

“Wo ist sie?” fragte mich Miles. “Im New Jersey” sagte ich ihm. “Ruf sie an, zum Teufel. Ruf sie an. Schau, hier ist das Telefon!”

Als Miles mit meiner Mutter verbunden war, sprach er sie mit grösstem Respekt an. Ich war entzückt, und meine Mutter war völlig überrascht, mit ihm zu telefonieren. Er erinnerte an einen kleinen Buben, der zu seiner eigenen Mutter oder Grossmutter spricht.

Nachdem er das Gemüse zubereitet hatte, indem er es auf kleinem Feuer einige Stunden in der Pfanne köcheln liess, hatte Miles Lust, zu meinem Stall zu gehen und mein Pferd zu sehen. In diesem Moment kam ein Freund seines Sohnes mit Hühnerflügeln in pikanter Sauce und caramelisiertem Kuchen. Miles bot mir etwas Hühnerfleisch an, während er sich setzte, und einen der grossartigen Kuchen verschlang.

“Nein, Papa, bitte iss das nicht!” schrie sein Sohn. “Halt die Klappe, ich esse was ich will, zum Teufel”.

Miles’ Sohn flehte uns an, die Kuchen rasch aufzuessen, damit sein Vater nicht nochmals versucht würde. Miles war starker Diabetiker, und diese Art Zuckergebäck war sehr ungesund für ihn. So war ich gezwungen, das riesige Kuchenstück hineinzustopfen zwischen pikanten Hühnerflügeln und einem Bier.

Als wir endlich aus dem Hause waren, setzte sich Miles zuerst in meinen Wagen, bevor er fragte “sollen wir den Ferrari nehmen?” “und wie!” antwortete ich ihm.

Miles fragte mich, ob ich schon einmal in einem Ferrari gesessen sei. “Nie” sagte ich ihm, “und ich frage mich sogar, ob ich überhaupt hineinpasse”.

“Keine Angst, wir finden schon einen Weg, deinen Arsch dort hineinzubringen Bob. Du bist doch nicht so gross, verdammter Hurensohn”.

Wir fuhren etwas mehr als einen Kilometer bis zum Stall.

“Diese Kiste ist viel schneller als mein Volvo,” sagte ich ihm. Miles drehte sich langsam zu mir und sah mich nichtssagend an. “Ach so?”

Nachdem er mein Pferd gesehen hatten, wollte mir Miles auch seines zeigen. Wir fuhren über die Kanan Dume Road bis San Fernando Valley, als er merkte, dass wir auf dem falschen Weg waren. “Scheisse”, sagte er, “wir gehen heim”.

Auf dem Rückweg nach Malibu begann er, mir von seinen Boxerjahren zu erzählen. Es sei dies eine der effizientesten Arten, sich in Form zu bringen für irgendeine Aufgabe, versicherte er mir. Er hatte mit einigen der besten Kämpfer und Trainer der Boxwelt trainiert. Er sagte auch, dass nach einem solchen Drill das Trompetenspiel ein Kinderspiel sei.

Bei der Heimkehr realisierte ich, dass es Zeit war, meine Einblasroutine für das Konzert am Abend zu beginnen. “Bring Deine Röhre hierher”, sagte Miles, “ich möcht dich gerne ein bisschen spielen hören.”

Er sagte mir, dass er das Horn gern hatte und beobachtete aufmerksam meine Art des Einblasens. Er sagte mir, ich spiele wie sein alter Trompetenlehrer, ohne auf die Lippen zu drücken. Während ich meine Uebungen fortsetzte und immer schneller spielte, rief Miles aus der Küche “in Ordnung Bob, hör auf zu bluffen!”

Die Kochzeit war beendet und Miles stellte die Pfanne vor mich, bevor er zum Telefon griff und mich bat, weiterzuspielen.

Er rief Barbara an und ich hörte, wie er ihr von mir erzählte. Er sagte ihr, dass er denke, ich sei ein guter Kerl, ein bisschen komisch aber dass er denke, ich sei genial. Ich war völlig überrascht, ihn dies sagen zu hören.

Er hängte auf und bat mich, das letzte Hornsolo aus der Feuervogel-Suite von Strawinsky zu blasen.

“Warum ist dieses Solo so schwierig?” fragte er mich. “Diese verdammte Hurensöhne werden immer feuerrot, wenn sie es spielen. Was ist daran so schwierig?” ich sagte ihm, dass es eigentlich nicht so schwierig sei “dann spiel es! Spiel es!” krächzte er. Wie oft habe ich diese Stelle in meinem Leben geblasen? Ich hätte mir aber nie vorgestellt, es eines Tages vor Miles Davis ausführen zu müssen. Er schien beeindruckt.

“Offenbar werden nur die Weissen rot, Bob” sagte er. “Ein Neger bekommt nie eine andere Farbe als blau”.

Miles sagte mir, dass ich in seinem Haus üben kommen könnte, wenn ich wollte, sogar wenn er abwesend sei. Offensichtlich war der Funke zwischen uns übergesprungen.

Nach dieser ersten Begegnung habe ich Miles von Zeit zu Zeit wiedergesehen, wenn er da war. Es kam vor, dass Barbara und ich in sein Haus eintraten, ihn begrüssten und gleich durch den Hinterausgang zum Strand verschwanden. Wir assen bei ihm, sahen auf seinem Riesenbildschirm fern und gingen nach einigen Stunden wieder.

Es kam auch vor, dass Miles uns anrief, wir sollten bei ihm vorbeikommen. Wir kümmerten dann ums Haus ohne dass er uns auch nur eine Minute opferte, denn meist hing er am Telefon oder spielte Trompete. Wenn wir uns zum Gehen bereit machten, kam er aus seinem Zimmer und sagte “es war schön, euch hier zu haben”. Er musste sich nicht mit jemandem niedersetzen oder ihn sehen, um seine Anwesenheit zu schätzen. Meine Eindrücke von Miles änderten sich völlig, als ich ihm begegnete. Er vertraute mir an, dass er die Einsamkeit liebte “nur um mein Zeugs zu machen. Und warum sind denn die Leute nicht fähig, dasselbe zu tun und mich in Frieden zu lassen?”

Er konnte sich mit Beredsamkeit und Feuer in Hitze reden und erklären, der schwarze Mann sei die Basis der ganzen schwarzen Gesellschaft dank seiner Intelligenz, seiner Kraft, seinem musikalischen feeling, dies alles tief in der Erde verwurzelt, wie er gerne präzisierte. Deswegen versuchen alle, die schwarze Musik zu stehlen. “Sie ist ein mächtiges Ding, wie der schwarze Mann selbst”, schloss er.

Miles Wutausbrüche waren besonders tief. In seinem Leben hat er sozusagen alles erlebt, und er besass eine schnellere und komplettere Auffassungsgabe als die meisten Leute.

Miles betete sein Publikum richtiggehend an und er sagte dies auch. Er wusste auch, dass unter den Leuten, die zu seinen Konzerten strömten welche waren, die ihn erbarmungslos vernichtet hätten, hätten sie die Möglichkeit gehabt. Man hätte ihm sein Talent gestohlen und es verwässert, um ihn durch einen bebop-Elvis Presley zu ersetzen.

Aber er hatte sich viel weiter entwickelt als der bebop, dadurch hatte er seine zahllosen Fans von damals hinter sich gelassen. Er musste sich ändern, sich entwickeln und neue Ausdrucksformen erreichen.

Eines Tages, als Barbara und ich seine neuen Gemälde bewunderten, stiessen wir auf ein altes Werk in einem Stil, den er verlassen hatte. Barbara fragte ihn, warum er nicht mehr so male. Er warf seinen Kopf zurück und stolzierte mit grossen Schritten durch den Raum, wobei er deklamierte: “Ich bin zu modern für das jetzt. Ich kann nicht zurückgehen.”

Anmerkungen

¹ Green collard ist ein grünes Gemüse, dessen Blätter verzehrt werden. Es ist eine Art Kreuzung zwischen Spinat und Kohl, das vor allem im Süden der Vereinigten Staaten wächst und die in der schwarzen Küche sehr beliebt ist.

² Wir haben das deutsche Kraftwort “verdammter Hurensohn” verwendet, um motherfucker zu übersetzen, was eine idiomatische Wendung des schwarz-amerikanischen Slang ist. “Dieser Begriff kann sowohl eine negative, pejorative oder auch positive, bewundernde oder sogar rühmende Bedeutung haben”, wie uns Thomas Stevens erklärt hat.

Bob Watt

Bob Watt ist koordinierter Solohornist des Los Angeles Philharmonic. Er studierte Horn bei Harry Shapiro am Konservatorium von Neu-England in Boston. Während seiner Zeit in dieser Gegend begann er seine Solistenkarriere mit dem Boston Pops Orchester unter der Leitung von Arthur Fiedler mit dem zweiten Hornkonzert von Richard Strauss. Er setzte seine Studien fort bei James Stagliano und Gunther Schuller am Berkshire Music Center in Tanglewood. Vor seinem Engagement in L.A. Philharmonic trat er mehrmals als Solist mit diesem Orchester auf, unter der Leitung von Zubin Mehta. Heute setzt Bob Watt seine solistischen Aktivitäten fort und spielt oft im Sommer bei europäischen Festspielen. Sein Hobby ist die Dressur und das klassische Reiterballett. Er unterrichtet Horn am Santa Monica College, an der Universität von Südkalifornien und California State Dominguez Hills.

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